Sexuelle Übergriffe in Ägypten:"Die Ursache liegt in der allgemeinen Unterdrückung"

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Wie viele Hilferufe erreichen "Operation Anti Sexual Harassment"?

Das ist verschieden. Allerdings unterscheiden sich die Übergriffe stark. Am vergangenen Mittwoch hatten wir zum Beispiel etwa 80 Fälle, in 52 haben wir eingegriffen. Bei den meisten Zwischenfällen handelte es sich glücklicherweise nicht um schwerwiegende Verbrechen. Die Frauen wurden belästigt, es waren üble Situationen, aber nur in einer Handvoll von Fällen kam es tatsächlich zu Gewaltausbrüchen. Die schweren Fälle sexueller Gewalt sind im Vergleich zum Oktober 2012, als wir angefangen haben, weniger geworden.

Wie erklären Sie sich diesen Rückgang?

Die Aufmerksamkeit auf dem Platz hat sich verändert. Leute versuchen jetzt eher einzugreifen, wenn sie etwas mitbekommen. Aber wir sehen auf dem Tahrir-Platz ja nur einen Ausschnitt der sexuellen Gewalt, der Frauen in Ägypten jeden Tag ausgesetzt sind.

Inwiefern?

Für mich reicht Gewalt gegen Frauen von einem gemurmelten Schimpfwort, über eine Frau, die auf der Straße verbal belästigt wird, bis hin zu einer, die so brutal verprügelt oder vergewaltigt wird, dass sie im Krankenhaus landet. Diese Gewalt in all ihren Formen ist eine Realität in Ägypten.

In seinem aktuellen Jahresbericht schreibt der ägyptische Rat für Frauenrechte, dass es weltweit nur in Afghanistan mehr sexuelle Übergriffe gebe als in Ägypten.

Mehr als 95 Prozent aller Frauen hier waren schon einmal mindestens verbalen Belästigungen ausgesetzt. Und das ist wirklich schrecklich. Brutal, diese Worte, die man zu ignorieren versucht, wenn man die Straße entlangläuft; oder die Blicke.

Spielen dabei religiöse Beweggründe eine Rolle?

Die alltäglichen Belästigungen zielen auf alle Frauen - egal, ob sie nur ihr Haar verschleiern, ihr Gesicht oder überhaupt keinen Schleier tragen. Das spielt überhaupt keine Rolle. Sexuelle Gewalt wird dagegen immer wieder auch als politisches Instrument eingesetzt. Die ersten Berichte darüber gab es 2006. Auch heute noch ist ein Teil der Gewalt auf dem Tahrir politisch motiviert. Aber die alltäglichen Belästigungen sind weder religiös noch politisch begründet - sondern gesellschaftlich.

Welche Ursachen hat diese Aggressivität?

Ich glaube, die Ursache liegt in der allgemeinen Unterdrückung der Gesellschaft. Die Revolution brach aus, weil die Leute nach Brot, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit verlangten. Bis heute sind diese Forderungen nicht erfüllt worden. Frauen sind Bürger zweiter Klasse in Ägypten. Und daran wird sich nichts ändern, bevor nicht der Gesellschaft allgemeine Freiheitsrechte zugestanden werden.

Die Männer lassen ihre Machtlosigkeit also an den Frauen aus?

Das gilt nicht nur für Männer. Unterdrückte Frauen unterdrücken oft ihrerseits. Zum Beispiel sind es häufig gerade die verstümmelten Frauen, die ihren Töchtern zur "Beschneidung" raten. Das sind soziale Strukturen, die aufgebrochen werden müssen. Danach sieht es aber momentan nicht aus. Seit ich hierher zurückgekommen bin, hat sich die allgemeine Lage der Frauen verschlimmert.

Woran könnte das liegen?

Ein Grund ist, dass die Institutionen nicht funktionieren. Im Strafrecht fehlen Paragrafen, die Gewalt gegen Frauen unter Strafe stellen. Und es fehlen Polizisten auf der Straße, die solche Gesetze durchsetzen, Täter anklagen und den Frauen Gerechtigkeit widerfahren lassen könnten.

Warum sorgt die Polizei nicht für Sicherheit?

Die Polizei in Ägypten ist dazu da, Gebäude von Regierung und Militär zu bewachen und Banken zu beschützen. Aus dem öffentlichen Leben, dort, wo sie gebraucht würden, halten sich die Beamten aber fern. Noch schlimmer: Nicht selten sind es Polizisten, die Frauen belästigen. Ich lebe in einer Straße, an der zu beiden Enden Polizisten postiert sind. Alles was sie tun, ist es, Frauen hinterherzurufen.

Was passiert, wenn vergewaltigte Frauen bei der Polizei Hilfe suchen?

Dort werden sie ein zweites Mal traumatisiert. Nach einer Vergewaltigung ist es Routine, die Jungfräulichkeit des Opfers zu überprüfen. Diese Untersuchung hat keinen anderen Sinn, als die Frau einzuschüchtern und ihr Schuldgefühle einzureden. Und das funktioniert, weil weite Teile der Gesellschaft das Problem verdrängen.

Liegt die Schwäche der Polizei vielleicht auch darin begründet, dass die Sicherheitskräfte in den Jahren politischer Wirren ihre Rolle noch nicht gefunden haben?

Die Strukturen funktionieren; die Sicherheitskräfte sind das einzige System, das in Ägypten noch richtig funktioniert. Das Problem ist: Es ist gesellschaftlich akzeptiert, Frauen zu belästigen. Deswegen greifen die Polizisten auch nicht ein. Neulich kam ich am Tahrir-Platz aus einem U-Bahn-Ausgang, in den am Abend zuvor Frauen gedrängt und überfallen wurden. Vier Polizisten standen dort auf ihrem Posten. Vier! Ich habe sie angeschrien: "Wo wart ihr letzte Nacht?". Aber das ist war ihnen völlig gleichgültig.

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