Sexismus Signale der Frauen, verhaltensbiologisch betrachtet

Es gibt jenseits der Machtverhältnisse und der Selbstüberschätzung noch eine andere Ursache dafür, dass es immer wieder zu aufdringlichem oder übergriffigem Verhalten kommt: Ein grundsätzliches Missverständnis zwischen den Geschlechtern darüber, was bestimmte Signale bedeuten.

Wenn Frauen ihre Attraktivität und ihren Sexappeal erhöhen - etwa durch Make-up, Kleidung, hohe Schuhe oder die Betonung der Brust -, erregen sie bei Männern Aufmerksamkeit. Das ist trivial, und schließlich auch erwünscht. "Gut aussehen", schreibt die Soziologin Barbara Kuchler von der Universität Bielefeld in der Zeit, "ist per Definitionem etwas, das man für andere oder anderen gegenüber macht." Frauen machen sich nicht für sich selbst schön.

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Das Bedürfnis, attraktiv zu sein, bedeutet aber nicht, dass eine Frau von jedem x-beliebigen Mann angesprochen werden will oder sich Komplimente von ihm wünscht. Ob er gemeint ist, kann jeder Mann nur durch vorsichtiges Herantasten für sich herausfinden. Das kann über Blicke und Komplimente gehen und schließlich zu eindeutigen Avancen führen.

Die Signale der Frauen bedeuten verhaltensbiologisch betrachtet: "Das habe ich zu bieten - aber nur für den Richtigen." Es besteht aber die Gefahr, dass Männer diese Signale anders wahrnehmen (wollen): "Das habe ich zu bieten - und du bist (wahrscheinlich) der Richtige." Und je deutlicher und direkter die Signale sind - je freizügiger etwa die Kleidung ist -, desto eher neigen Männer dazu, sie als Aufforderung zu interpretieren, einer Frau sexuelle Avancen zu machen.

Auch die Umstände spielen hier eine Rolle. Im Büro tragen wir meist etwas anderes als im Nachtclub, und eine Frau, die sich für das Gespräch mit dem heterosexuellen Chef aufreizend kleidet, muss damit rechnen, dass er auf die Idee kommen könnte, dass es ihr noch um etwas anderes geht als um eine Gehaltserhöhung. Die Erfahrung zeigt darüber hinaus, dass auch Alkohol und Drogen den Verstand vernebeln und die Impulskontrolle aushebeln können. Dass man im betrunkenen Zustand Dinge tut, die man später bereut, wissen Frauen so gut wie Männer.

An dieser Stelle ist häufig der Vorwurf des "Victim Blaming" zu hören. Darum geht es nicht. Egal, welche Rolle etwa freizügige Kleidung bei sexuellen Übergriffen spielen kann - nichts rechtfertigt sexuelle Belästigung oder sogar Missbrauch. Ein Nein ist ein Nein. Es wäre aber hilfreich, sich diese Dinge bewusst zu machen. Das gilt nicht nur für Frauen, sondern selbstverständlich auch für Männer. Selbst dann, wenn eine Frau ihre sexuelle Attraktivität gezielt einsetzt, um sich Vorteile zu verschaffen, muss jeder Mann wissen, dass es eine Grenze gibt, die nur mit ihrem Einverständnis überschritten werden darf.

Sex ist komplizierter als viele annehmen

Ein Versuch, sexuelles Fehlverhalten, Übergriffe oder gar Vergewaltigungen zu erklären, ist keine Rechtfertigung. Die riesige Zahl der Vorwürfe der #MeToo-Kampagne weist auf gravierende Probleme hin. Wir dürfen das Leid der Opfer nicht mehr ignorieren oder relativieren, wie es lange Zeit getan wurde.

Es ist aber zu einfach zu behaupten, die Zustände wären nur die Konsequenz der strukturellen, sexualisierten Gewalt und des allgegenwärtigen Sexismus in den westlichen Gesellschaften. Es ist zu einfach zu behaupten, es gebe eine "Selbstverständlichkeit bei Männern, Frauen als knackige Körper und leichte Beute" zu betrachten, und Frauen zu empfehlen, sich nicht mehr in hautenge Hosen zu zwängen, wie die Soziologin Barbara Kuchler es tut.

Es ist viel zu einfach, auf Übergriffe wie die von Harvey Weinstein mit dem Hinweis zu reagieren, "Männer sind eben so", wie es die Performance-Künstlerin Dita Von Teese in Hollywood erlebt hat. Manche Männer sind so, andere nicht. Die Biologie spielt eine Rolle. Aber kein Mann muss Sexist sein. "Wir sollten Männer nicht mit der Unterstellung beleidigen, dass sie nur zu aggressivem, autokratischem und gefühllosem Verhalten fähig sind", sagt Psychologin Cordelia Fine im Magazin Spiked.

Die Welt ist komplizierter, das Verhältnis zwischen Männern und Frauen ist komplizierter, Sex ist komplizierter als viele annehmen.

Ein wichtiger Schritt, um sexistische "Missverständnisse" zu verhindern, ist, sich bewusst zu sein, dass die eigene Wahrnehmung häufig nicht mit der Wahrnehmung anderer übereinstimmt. Das gilt gerade zwischen Männern und Frauen. Ein entsprechendes Maß an Zurückhaltung führt nicht dazu, dass am Ende kein hemmungsloser, aber auf jeden Fall einvernehmlicher Sex stehen kann.

Es sind außerdem dringend strukturelle Veränderungen notwendig, so dass die Chancen und Möglichkeiten für alle Menschen gleich verteilt sind, zu tun, was sie wollen. Das ist die berechtigte Forderung der "Gleichheits- oder Genderfeministinnen", wie sie die US-Philosophin Christine Hoff Sommers nennt. Kein Mann sollte jemals in der Position sein, jemanden zu Sex drängen oder sogar zwingen zu können.

Ein weiterer Schritt ist der richtige Umgang mit unseren Kindern. Wir müssen Mädchen und Jungen dafür allerdings nicht behandeln, als gäbe es keine Geschlechter, wie es die "Radikalfeministinnen" fordern. Diese Unterschiede gibt es und das macht sich bei Kindern auch bemerkbar. Wir müssen ihnen nur beibringen, dass alle das gleiche Recht haben, ihre Neigungen und Fähigkeiten zu entdecken und sich entsprechend zu entwickeln - völlig unabhängig vom Geschlecht oder der sexuellen Orientierung.

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