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Sexismus:Warum zu viel Macht gefährlich ist

Das Bedürfnis nach Sex kommt verhaltensbiologisch gesehen vor dem Bedürfnis nach Macht. Macht ist für Männer eine Möglichkeit, die Chance auf Sex zu erhöhen - auch ohne dass Gewalt im Spiel ist. Macht, die sich etwa in Führungspositionen oder Vermögen ausdrückt, so zeigen wissenschaftliche Studien und die Auswertungen der Daten von Partnerbörsen, kann die Attraktivität von Männern für Frauen erhöhen. (Umgekehrt ist das weniger der Fall).

Das klingt unromantisch. Aber ähnlich ist es zum Beispiel mit der Körpergröße: Große Männer haben bei Frauen im Durchschnitt mehr Erfolg als kleine Männer, während Männer meist Frauen bevorzugen, die kleiner sind als sie selbst.

Zu viel Macht gibt Männern aber manchmal auch die Möglichkeit, Sex (im Sinne von Geschlechtsverkehr) zu erzwingen - durch Erpressung, seelischen Missbrauch oder sogar durch physische Gewalt. Und immer wieder nutzen gewissenlose Täter ihre Möglichkeiten aus - sei es als Vorgesetzte, Politiker, Priester oder Pädagogen. Manche Männer setzen auch Drogen ein, um ihre Opfer wehrlos zu machen. Dem Täter geht es bei einem solchem "Date Rape" darum, die Kontrolle über die Frau zu bekommen, um - gegen ihren Willen - mit ihr zu schlafen. Die Vorstellung, dass er stattdessen mit ihr schläft, um Macht auszuüben, ist weit hergeholt.

"Sexuelle Gewalt", so der Soziobiologe und Philosoph Eckart Voland von der Universität Gießen auf Spiegel online, "hat evolutionäre Wurzeln, aber in der Moderne arbeiten wir daran, sie zu überwinden."

Sex ist demnach nicht ein MITTEL, mit dem solche Täter auf Macht über Frauen zielen. Es ist umgekehrt: Macht und Gewalt sind die Mittel, Sex ist das ZIEL.

Das ist wohlgemerkt die Täterperspektive. Die Frau, die Opfer einer Vergewaltigung wird, erlebt Gewalt und Erniedrigung, also etwas, das mit Sex nichts zu tun hat.

Zeitgeist Vergewaltigung ist kein Sex
"Me Too" und Sprache

Vergewaltigung ist kein Sex

Wer Gewaltverbrechen wie einvernehmliches Liebesspiel beschreibt, stellt sich auf die Seite der Täter und tut den Opfern ein zweites Mal Unrecht an.   Kommentar von Nina Bovensiepen

Die #MeToo-Kampagne belegt, dass viele Männer gefährlich viel Macht über Menschen besitzen, die materiell und/oder psychisch von ihnen abhängig sind. Und dass manche skrupellos davon Gebrauch machen. Auch, um andere zu sexuellen Handlungen zu zwingen. Wenn wir wollen, dass Macht nicht missbraucht wird, darf sie nicht zu groß werden und sollte kontrollierbar sein. Es ist außerdem wichtig, dass die, die zu Opfern werden können, sich organisieren und wehren, wie jene, die sich in der #MeToo-Kampagne geäußert haben. Und es wäre gut, wenn mehr Frauen Positionen mit Macht einnähmen. Das Risiko, dass sie Menschen, die von ihnen abhängig sind, sexuell missbrauchen - das zeigt die Erfahrung -, ist gering.

Selbstüberschätzung und Anmaßung aufgrund eigener Attraktivität

Besonders Prominente und Politiker sind in der Sexismus-Debatte als mutmaßliche Täter beschuldigt worden. Bei den Vorwürfen geht es überwiegend um sexuelle Belästigung, etwa aufdringliches Verhalten wie unerwünschte Berührungen, Küsse, Umarmungen, zum Teil Grapschen und unverschämte Einladungen in Hotelzimmer. Einer der ersten Fälle, die bekannt wurden, ist Kevin Spacey, der allerdings nicht Frauen sondern Männer bedrängt hat. Genau wie die entsprechenden Vorwürfe gegen die Starfotografen Mario Testino und Bruce Weber belegt sein Fall, dass es nicht nur um ein Problem zwischen den Geschlechtern geht.

Ein Faktor, der hier eine Rolle spielen dürfte, ist die Selbstwahrnehmung der Täter. Wer sich als äußerst erfolgreich und beliebt erlebt, hält sich leicht auch sexuell für besonders attraktiv - und liegt damit ja nicht grundsätzlich immer falsch. Gefährlich wird es, wenn jemand sich deshalb für unwiderstehlich hält und meint, andere müssten die Aufforderung zum Sex eher begrüßen als ablehnen. Die eigenen sexuellen Übergriffe werden von ihm vielleicht gar nicht als solche wahrgenommen.

Deutlich zu sehen ist das etwa bei dem US-Komiker Louis C.K., der vor Frauen masturbierte. Er habe gedacht, es sei in Ordnung, erklärte C.K.. " Die Macht, die ich über diese Frauen hatte, bestand darin, dass sie mich bewundert haben." Ein weiteres Beispiel ist US-Präsident Donald Trump. "When you're a star", sagte Trump vor einigen Jahren, "they [die Frauen] let you do it. You can do anything. [...] Grab 'em by the pussy. You can do anything."

Bei einer solchen Selbstüberschätzung ist auch nicht mit einem schlechten Gewissen zu rechnen - bis die Täter wie im Rahmen der #MeToo-Kampagne erfahren, dass ihre Opfer nur aus Scham oder aus Angst geschwiegen haben. Manche, wie C.K., Dustin Hoffman oder Spacey, zeigen danach Reue. Andere, wie Trump, tun weiterhin so, als sei ihr Verhalten eigentlich kein Problem.

Häufig kommt hier die Frage auf, wieso viele Menschen im Umfeld der Täter wissen, was vor sich geht, oder zumindest eine Ahnung davon haben, aber nichts unternehmen. Eine mögliche Antwort: Wenn ihr eigener Job und Erfolg von den Tätern abhängt, haben ihre eigenen Interessen für sie mehr Gewicht als das Leid der Opfer. Es wird also aufgrund von Egoismus, Opportunismus und Verdrängung geschwiegen. Die Mitwisser müssen deshalb nicht zwingend sexistisch oder Anhänger des Patriarchats sein.