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Sexismus:Welche Rolle der Sex spielt

Natürliche Unterschiede zwischen Frauen und Männer existieren zum Beispiel in der Frage, welche Bedeutung Sex für sie hat. Das Bedürfnis nach Sex spielt stets eine wichtige Rolle, wenn Menschen in einer Gesellschaft ihr Zusammenleben organisieren. Dabei geht es nur vordergründig um Lust. Sie ist nur der bewusste Teil eines sonst weitgehend unbewussten, aber das Leben auf der Erde beherrschenden Bedürfnisses nach Fortpflanzung. Die Lust ist letztlich nur ein Werkzeug der Evolution, das uns bewegt, selbst wenn wir bewusst gar keinen Nachwuchs wollen. (Dass Homosexualität existiert, widerspricht dem Ziel der Fortpflanzung übrigens nicht.)

Bei Säugetieren wie dem Menschen müssen sich zur Fortpflanzung zwei Geschlechter mit unterschiedlichen Aufgaben und Strategien zusammenfinden: Das Säugetierweibchen kann Nachwuchs zur Welt bringen, aber nur in relativ geringer Anzahl, egal, mit wie vielen Männchen es sich zusammentut. Es braucht nur den richtigen Partner zur richtigen Zeit. Das führt zu einer Neigung, wählerisch zu sein. Und aus Sicht der männlichen Tiere sind Weibchen deshalb eine "begrenzte Ressource". Das Männchen steuert für die Nachkommen erst einmal nur Spermien bei und kann daher theoretisch versuchen, mit möglichst vielen Weibchen seinen Fortpflanzungserfolg zu erhöhen. Das bedeutet, aus Sicht der Weibchen gibt es männliche Tiere im Überfluss.

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Das hat dazu geführt, dass Männchen untereinander in permanenter Konkurrenz um das begrenzte "Angebot" stehen - einer größeren Konkurrenz, als sie unter den weiblichen Säugetieren besteht. Für Doris Bischof-Köhler, Psychologin an der LMU München und Autorin des Buches " Von Natur aus anders - die Psychologie der Geschlechtsunterschiede", leiten sich alle wesentlichen Geschlechtsunterschiede bei Säugetieren aus dieser Asymmetrie her.

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass dies beim Menschen völlig anders sein sollte. Und die Erkenntnisse der Verhaltensbiologen und Evolutionspsychologen deuten darauf hin, dass sich manches Verhalten beim Homo sapiens so sehr gut erklären lässt. Zum Beispiel die Beobachtung, wieso Männer - tendenziell - eine größere Bereitschaft oder Freude daran zeigen, sich Konkurrenzsituationen auszusetzen und Rangordnungen zu etablieren. Oder warum es zwar Gesellschaften gibt, in denen ein Mann mit mehreren Frauen zusammenlebt - der umgekehrte Fall dagegen eine ganz seltene Ausnahme ist, die sich durch extreme Lebensbedingungen erklären lässt.

Biologen betonen allerdings stets, dass die biologischen Einflüsse nur einen Teil der vielen aufeinander wirkenden Faktoren ausmachen, die zur Bildung des sozialen Geschlechts führen. Das sagt auch Cordelia Fine, Autorin des Buches " Die Geschlechterlüge". Die kanadisch-britische Psychologin geht davon aus, dass diese Einflüsse nur klein sind und viele Studien zu den Unterschieden zwischen den Geschlechtern von populärwissenschaftlichen Autoren übertrieben dargestellt werden.

Dass Unterschiede schon im Gehirn existieren, leugnet sie aber nicht. So schreibt sie in ihrem jüngsten Buch " Testosteron Rex": "Um das klarzustellen: Der Punkt ist nicht, dass das Gehirn geschlechtslos wäre [...]. Wie etliche Neurowissenschaftler argumentieren, können genetische und hormonelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern die Hirnentwicklung und -funktion auf jeder Ebene beeinflussen, [...]." (Betonung im Original.)

Andere Fachleute halten die Einflüsse eher für groß. Vor diesem Hintergrund sollte die Rolle der Biologie gerade in Bezug auf das Sexualverhalten nicht unterschätzt oder gleich ganz geleugnet werden.

"Genitalien als Waffe"

Wenn es um Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe geht, wie sie etwa Harvey Weinstein zur Last gelegt werden, heißt es in der Regel, solches Verhalten hätte nichts mit sexueller Lust des Täters zu tun, sondern ausschließlich mit Macht und der Lust an der Macht. Diese Überzeugung haben sich sogar die Vereinten Nationen zu Eigen gemacht, die 1994 unter anderem als Reaktion auf die Massenvergewaltigungen im Bosnienkrieg feststellten: " Es ist seit einiger Zeit bekannt, dass Vergewaltigung oder sexuelle Übergriffe nichts mit Sexualität zu tun haben; sie hängen zusammen mit Dominanz und dem offensichtlichen Bedürfnis, die angegriffene Person zu demütigen."

Für manche Männer scheint die Erniedrigung einer Frau tatsächlich einen besonderen Reiz zu haben. Bekannt ist das von Sadisten, bei bestimmten Typen von Serienvergewaltigern oder bei Sexualverbrechen im Krieg.

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Wenn aber ein Vergewaltiger vor allem Macht ausleben will, und sexuelle Lust dabei keine Rolle spielt - wieso setzt er dann dabei trotzdem ausgerechnet auf etwas, das seine sexuelle Lust befriedigt? Wieso sollte der Mann gerade seine "Genitalien als Waffe" einsetzen, um Frauen zu unterdrücken, wie die US-Journalistin Susan Brownmiller 1975 in ihrem wichtigen Buch " Against Our Will" (deutsch: " Gegen unseren Willen", 1978) schrieb?

Tatsächlich ist diese seitdem weit verbreitete Vorstellung schon deshalb mehr als fragwürdig, weil sie den Wunsch der Männer nach Sex selbst unterschätzt. Es gibt eine näher liegende Erklärung als die von Brownmiller und den UN: Nicht Macht und Gewalt sind "sexualisiert". Vielmehr missbrauchen manche Männer Macht oder üben sogar Gewalt aus, um sexuelle Befriedigung zu finden (und unbewusst ihren Fortpflanzungserfolg ohne Rücksicht auf die Interessen der Frau zu erhöhen).