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Selbstjustiz:Entführt im Dienst der Gerechtigkeit

Ein Vater hat den Mann entführen lassen, den er für den Mörder seiner Tochter hält. Deutsche Behörden hatten sich geweigert, den in Frankreich verurteilten Arzt auszuliefern.

Er will kein Rächer sein, er pocht auf Gerechtigkeit. Gerechtigkeit für seine Tochter Kalinka, die 1982 in Deutschland im Alter von nur 14 Jahren starb. Seit 27 Jahren glaubt der Franzose André Bamberski zu wissen, wer für ihren Tod verantwortlich ist. So lange kämpft er schon dafür, dass der deutsche Arzt Dieter K. in Frankreich ins Gefängnis kommt.

Dass der deutsche Arzt die angesetze Haftstrafe nicht verbüßen musste, weil Deutschland ihn nicht auslieferte, hat den französischen Vater des Mädchens zu einem verzweifelten Akt der Selbstjustiz getrieben. André Bamberski ließ den Arzt Dieter K. in Deutschland von osteuropäischen Handlangern entführen und - gefesselt und verletzt - vor einem Gerichtsgebäude im ostfranzösischen Mühlhausen ablegen.

Der 72-jährige Vater räumte im Verhör ein, die Verschleppung von K. in Auftrag gegeben zu haben. Er wurde in Mülhausen festgenommen und am Dienstagabend angeklagt. Wie aus Justizkreisen verlautete, wurde er allerdings unter Auflagen auf freien Fuß gesetzt.

In seinem Hotelzimmer wurden nach Angaben der Staatsanwaltschaft 19.000 Euro Bargeld gefunden, die möglicherweise für die Bezahlung der Entführer des Arztes gedacht waren. Außerdem seien Handygespräche des Vaters mit den Entführern nachgewiesen. Im französischen Rundfunk sagte der in Toulouse lebende Mann, er habe am 9. Oktober bei einem Treffen mit einer nicht genannten Person sein "Einverständnis" gegeben, den Mediziner nach Frankreich bringen zu lassen.

"Mangelnder Tatverdacht"

1982 hatte Bamberski seine Tochter in den Ferien zu ihrer Mutter nach Lindau am Bodensee reisen lassen, wo diese mit ihrem neuen Lebensgefährten K. zusammenlebte. Laut K. kam Kalinka am 9. Juli vom Surfen zurück und klagte über Müdigkeit. Der Mediziner spritzte ihr daraufhin nach eigenen Angaben ein Eisenpräparat. Am nächsten Morgen habe er sie regungslos entdeckt. Beim Versuch, sie wiederzubeleben, habe er ihr weitere Injektionen mit verschiedenen Mitteln verabreicht. Die Obduktionen ergaben anschließend Verletzungen im Genitalbereich. Die deutsche Justiz stellte ihre Ermittlungen zu einem möglichen Tötungsdeklikt aber "mangels Tatverdacht" schnell wieder ein.

Damit begann der Kampf von André Bamberski. Denn seine Version vom Tod der Tochter sieht ganz anders aus: K. habe seine Tochter mit einer Spritze betäubt, um sie zu vergewaltigen, glaubt der Vater. In den folgenden Jahren gibt der Buchhalter praktisch sein gesamtes Geld für Anwälte und Detektive aus, um K. zu überführen und das Verfahren wieder in Gang zu bringen. 1984 reicht der Sohn polnischer Einwanderer in Frankreich Klage gegen K. wegen vorsätzlicher Tötung ein.

Als der Prozess 1995 in Paris endlich stattfindet, wird K. zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt - aber lediglich wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Für Bamberski ist klar, dass der Vorwurf "nach dem Eingreifen der deutschen Regierung" abgemildert wurde, wie er 2007 der Nachrichtenagentur AFP sagte. Dokumente würden beweisen, dass Berlin versucht habe, das Justizverfahren zu beeinflussen. In Frankreich habe das Justizministerium dann von der Staatsanwaltschaft verlangt, den Vollzug des Urteils nicht anzustreben - aus Rücksicht auf Deutschland.

1997 - zwei Jahre nach seiner Verurteilung in Frankreich - wurde der Arzt K. in Kempten im Allgäu wegen Vergewaltigung einer unter Narkose stehenden 16 Jahre alten Patientin zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Er hatte ihr zwei Beruhigungsspritzen gegeben und sich nach einer Magenspiegelung an dem wehrlosen Mädchen vergangen.

Entfernte Beweise

Schon direkt nach dem Tod von Kalinka sei K. durch sein "Netzwerk" aus hochgestellten Persönlichkeiten in Lindau geschützt worden, sagte Bamberski. Die Autopsie seiner Tochter hätten "Kumpel" des Mediziners K. gemacht. "Für mich ist klar, dass die Autopsie erfolgte, um die Vergewaltigung zu vertuschen", sagte Bamberski. Eine Exhumierung seiner Tochter habe 1985 gezeigt, "dass die Gesamtheit der Genitalien" dabei entfernt worden sei - und damit die Beweise für den Missbrauch seiner Tochter.

"Er hat sein Leben diesem Fall gewidmet", erzählt Bamberskis Freund Robert Pince, der gleichzeitig Vorsitzender der Unterstützervereinigung "Gerechtigkeit für Kalinka" ist. "Jetzt ist er über 70, er ist müde."

Gerechtigkeit statt Rache

Der zutiefst gläubige Bamberski habe ihm immer gesagt, dass er K. nicht tot sehen wolle. Aber er solle seine Strafe absitzen. "Es stecken bei ihm keinerlei Rachegefühle dahinter. Sonst hätte er nicht 27 Jahre gewartet und ihn schon längst um die Ecke gebracht."

Bamberski hat zugegeben, zu der Entführung von K. sein "Einverständnis" gegeben zu haben. Am 9. Oktober habe er bei München einen Unbekannten "für einige Minuten" getroffen. Der habe von sich aus angeboten, K. nach Frankreich zu bringen, erzählte Bamberski den Ermittlern. Mit 20.000 Euro fuhr er in das ostfranzösische Mülhausen, wo K. am Sonntag wie ein Paket verschnürt vor dem Gerichtsgebäude abgelegt wurde.

Ob K. jetzt tatsächlich in Frankreich ins Gefängnis muss, ist wegen der juristischen Wirren um den Fall vollkommen unklar. Dagegen drohen Baberski selbst wegen der Entführung jetzt zehn Jahre Gefängnis.