Seilbahnunglück am Lago Maggiore:Überlebender Junge muss nach Italien zurückgebracht werden

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Nach Seilbahnunglück in Italien

Am Pfingstsonntag starben in einer Gondel am Monte Mottarone 14 Menschen. Fünfeinhalb Monate nach dem Unglück wurde die Kabine kürzlich für weitere Untersuchungen ins Tal geflogen.

(Foto: Antonio Calanni/dpa)

Nach dem Seilbahnunglück am Lago Maggiore hatte eine in Italien lebende Tante den Sechsjährigen bei sich aufgenommen, ehe sein Großvater ihn nach Israel entführte. Nun hat das dortige Höchste Gericht entschieden.

Der sechs Jahre alte Eitan, einziger Überlebender des Seilbahnunglücks vom Lago Maggiore mit 14 Toten, muss bis zum 12. Dezember zurück nach Italien gebracht werden. Dies entschied Israels Höchstes Gericht am Montag in Jerusalem, das damit vorherige Urteile des Familien- und Bezirksgerichts bestätigte. Mit der Entscheidung lehnte es einen Antrag des israelischen Großvaters des Jungen ab, der das Kind in Israel behalten wollte. Der Großvater muss Gerichtskosten in Höhe von umgerechnet 7000 Euro tragen.

Der Junge, der mit seiner Familie in Italien gelebt hatte und bei dem Unfall im Mai beide Eltern, den kleinen Bruder und zwei Urgroßeltern verlor, wurde zunächst von seiner Tante väterlicherseits in Pavia aufgenommen. Mitte September wurde er von seinem Großvater mütterlicherseits heimlich und entgegen einer richterlichen Anordnung nach Israel geflogen. Das Gericht wertete das als Entführung.

Der Großvater will nicht aufgeben

In dem Urteil heißt es, das Kind müsse zurück in die Obhut seiner Tante in Italien gegeben werden. Dies geschehe in Einklang mit dem Haager Kindesentführungsübereinkommen, dem sich sowohl Israel als auch Italien angeschlossen haben. Ein Anwalt der Tante sagte nach Angaben des israelischen Fernsehens, man habe mit Erleichterung auf das Urteil reagiert. "Es ist das Ende eines bedauerlichen Kapitels, das vor allem für den kleinen Eitan schädlich und überflüssig war." Die Seite des Großvaters teilte dem Bericht zufolge dagegen mit, der Staat Israel habe mit dem Urteil "ein jüdisches Kind und einen hilflosen israelischen Staatsbürger aufgegeben". Man werde weiterhin mit juristischen Mitteln dafür kämpfen, dass er zurück nach Israel kommen könne.

Nach Seilbahnunglück in Italien - Fall Eitan

Eitans Großvater bei einem Gerichtstermin in Tel Aviv am 11. November. Er argumentiert, dass seine Tochter vorgehabt habe, mit ihrer Familie nach Israel zurückzukehren.

(Foto: Ariel Schalit/dpa)

Eitan wurde in Israel geboren, zog aber kurz nach der Geburt mit seinen Eltern nach Italien. Die Schwester seines verstorbenen Vaters, Aya Biran-Nirko, hatte argumentiert, Pavia sei die Heimat des Jungen. Er hätte im September in Italien eingeschult werden sollen. Auch das Gericht in Jerusalem fand: "Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass der Lebensschwerpunkt des Minderjährigen vor seiner Entführung nach Israel in Italien war." Die in Israel lebende Familie seiner Mutter hatte dagegen gesagt, die Eltern hätten einen Umzug zurück nach Israel geplant. Der Junge solle in Israel aufwachsen.

Die Frage des Sorgerechts muss nun juristisch in Italien geklärt werden. Bereits am Mittwoch steht in Mailand ein Termin vor dem Jugendgericht an. Dort will der Großvater und die in Israel lebende Familie erreichen, dass der Tante die Vormundschaft entzogen wird.

Die Staatsanwaltschaft in Pavia hat nach Medienberichten zwei internationale Haftbefehle gegen den Großvater und einen mutmaßlichen Komplizen erlassen. Zudem sei die Auslieferung der beiden Männer beantragt worden. Die Staatsanwaltschaft in der norditalienischen Stadt wirft den beiden Männern vor, strategisch geplant zu haben, den Jungen nach Israel zu holen. Der Komplize wurde nach Medienberichten schon am Donnerstag in Zypern festgenommen, aber bis zu einer Anhörung am 2. Dezember auf freien Fuß gesetzt.

Erst Anfang November, fünfeinhalb Monate nach dem Unglück, war die abgestürzte Gondel abtransportiert worden. Ein Schwerlasthelikopter flog die Kabine vom Monte Mottarone ins Tal, sie war zuvor in Folie eingewickelt worden, um bei dem Flug ins Tal keine Beweismittel zu verlieren. Anschließend wurde sie mit einem Sattelschlepper in eine Halle gebracht, wo sie von Experten weiter untersucht werden soll. Die Gondel war am Pfingstsonntag in die Tiefe gestürzt, weil kurz vor der Bergstation das Zugseil riss. Bisherigen Erkenntnissen zufolge wurden Sicherheitsklammern blockiert und damit eine Notbremsung der Gondel verhindert. Gegen mehrere Angestellte der Betreibergesellschaft wird ermittelt.

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