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Logbuch: Folge 4:"Man kann sich kaum aus dem Weg gehen"

Logbuch Telefonica Black1

Zweieinhalb Wochen sind die Segler bereits auf der "Telefonica Black" unterwegs. Das Ziel kommt näher.

(Foto: Jose Barrios)

Der Deutsche Johannes Bravidor saß wegen Corona in der Karibik fest. Nun hat er sich mit anderen Seglern zusammengetan und überquert den Atlantik. In Folge 4 des Logbuchs erzählt er vom Zusammenleben auf 21 Metern und warum Demokratie hier nicht funktioniert.

Wie viele andere Touristen saß der deutsche Segler Johannes Bravidor in der Karibik fest. Flüge nach Hause gab es keine, die Versorgungslage wurde schlechter. Deshalb ist er mit elf anderen Seglern auf der Telefonica Black, einer etwa 21 mal fünf Meter großen Hochseeregattenyacht, nach Europa aufgebrochen. Quer über den Atlantik, 3500 Seemeilen Luftlinie bis nach Portsmouth in England. Häfen unterwegs können nicht angesteuert werden wie sonst, das Wetter ist rau, der Proviant begrenzt. In der SZ berichtet Bravidor von der gewagten Überfahrt.

16. Tag auf See

Position: 43°11'N, 24°43'W, 200 Seemeilen nördlich der Azoren

Durchschnittsgeschwindigkeit: vier bis fünf Knoten

Zurückgelegte Strecke: 2600 Seemeilen (4800 Kilometer)

Nachdem unser Hauptsegel im Sturm zerrissen ist, haben wir uns schweren Herzens entschieden, die Azoren nicht anzulaufen und direkt nach Europa durchzusegeln. Wir segeln nach Portsmouth in England, da die Telefonica Black unter britischer Flagge fährt und somit die Chance dort am größten ist, problemlos anlegen zu können. Je nördlicher wir kommen, desto kälter wird es. Nachts fällt die Temperatur auf neun Grad Celsius, was sich durch die Nordwestwinde noch kälter anfühlt. Wir tragen alle mehrere Schichten, um nicht auszukühlen.

Nach den nasskalten Stürmen der letzten Tage mit Winden von bis zu 100 Kilometer pro Stunde ist es nun sehr ruhig geworden. Wir bewegen uns fast schleichend mit vier bis fünf statt neun bis zehn Knoten über das flache Meer. Für viele eine willkommene Verschnaufpause, um das Boot zu reparieren. Das Hauptsegel ist gerissen und an fast jedem Vorsegel ist irgendetwas kaputtgegangen.

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Bevor das Hauptsegel gerissen ist, fuhr die Crew der "Telefonica Black" mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 27 Knoten.

(Foto: privat)

In zwei Tagen wird der Kaffee ausgehen. Zucker ist bereits alle. Bei der Milch müssen wir sparsam sein. Was bleibt, ist Tee, der uns insbesondere während der Nachtwache bei Laune hält. Die Auswahl an Essen wird täglich etwas kleiner und auch die Snacks für zwischendurch gehen langsam zur Neige. Immer öfter gibt es Nudeln. Vor unserer Abfahrt war es auf Antigua nicht so einfach, ausreichend Proviant zu beschaffen wegen der Corona-Maßnahmen.

"Wir essen, schlafen und segeln zusammen."

Nach zweieinhalb Wochen gemeinsam auf See lernt man sich innerhalb der Crew intensiv kennen. Wir essen, schlafen und segeln zusammen. Bei zwölf Leuten auf einem 21 Meter langen Boot kann man sich kaum aus dem Weg gehen. Man lernt schnell die Stärken und Schwächen jedes Einzelnen kennen. Gleichzeitig ergeben sich auch sehr persönliche Gespräche, man ist nicht durch Internet, Telefon oder Fernsehen abgelenkt.

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An Bord kann man sich kaum aus dem Weg gehen, Einzelkabinen gibt es nicht.

(Foto: privat)

Unter uns sind Deutsche, Briten, Franzosen, Polen, Slowaken, Schweizer und eine Kanadierin. Die persönlichen Grenzen liegen bei jedem unterschiedlich und auch die Lernkurve ist nicht bei allen gleich steil. Manche kannten sich schon vor der Fahrt, andere haben sich erst jetzt kennengelernt.

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Die Kojen unter Deck sind so justierbar, dass sie sich der Schräglage des Bootes anpassen.

(Foto: privat)

Da ist zum Beispiel Lance, 56, Engländer, Profisegler. Der Ex-Royal-Marine war zuletzt Skipper auf dem berühmten Clipper Race, einem Segel-Rennen um die Welt. Er ist der Älteste und auf ihn hört jeder. Claire ist die gute Seele des Bootes. Sie kommt aus Schottland und ist nicht nur unser Navigator, sondern sorgt auch dafür, dass wir jeden Tag gut mit Essen versorgt sind. Unser Jüngster ist Bastiann, 19, Holländer. Im Sommer will er beginnen, International Economics zu studieren.

Johannes Bravidor, 41, hat zuletzt in London gelebt. Er erfuhr erst nach seiner Ankunft auf Antigua, dass das Coronavirus die Welt verändert hat.

(Foto: privat)

Dann ist da Erich, 41, ein Schweizer IT-Profi, der auch auf dem Meer zu Hause ist. Ihn bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Er macht gerade eine Ausbildung zum Royal Yachtmaster, ein internationaler Segelschein. Lee ist Brite, 38, und hat nun auf der Telefonica Black als Schiffsjunge begonnen. Er wollte seit ein paar Jahren segeln und dies ist seine große Gelegenheit. Seit er an Bord ist, hat er auch seine kreative Seite wiederentdeckt und zwei Gedichte geschrieben. Natasha und Connor sind 27. Sie ist Kanadierin und er Engländer. Beide wollten im Segelbereich arbeiten.

Und dann bin da ich, Johannes, 41, deutscher Hobbysegler. Im richtigen Leben habe ich verschiedene europäische Energieunternehmen als Finanzvorstand und Start-ups geführt. Gerade schreibe ich ein Buch zur Optimierung von Rohstoff-Assets mit künstlicher Intelligenz in der Programmiersprache Python. Den Atlantik mal per Segelboot zu überqueren, war ein Traum von mir seit Kindertagen. Die Hinfahrt von Gibraltar nach Antigua Anfang des Jahres war meine erste Überquerung.

Im Zweifel hängt das eigene Leben an der Crew

Segeln ist Teamwork. Die Segel müssen immerhin ein Boot von 36 Tonnen durch das Wasser bewegen. Damit liegt eine erhebliche Kraft auf den Segeln, den Seilen und den Winden. Niemand kann das allein von Hand halten. Um Segel zu setzen oder ein Wendemanöver zu fahren, hat jeder seine spezielle Aufgabe - egal ob an einer Winde, am Steuer oder auf dem Vordeck. Damit ein Manöver gelingt, müssen alle synchron wie ein Uhrwerk funktionieren. Dabei muss es manchmal sehr schnell gehen, denn der Wind oder das sich bewegende Boot warten nicht darauf, bis alles perfekt sitzt.

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Sonnenauf- und Untergänge bei ruhiger See entschädigen für so manche raue Nacht.

(Foto: privat)

Durch das laute Getöse des Windes und des Meeres kann es auch mal sein, dass man sich anschreien muss, um sich zu verstehen. Dabei fallen ab und zu auch mal Kraftausdrücke. Es gilt aber, dass nichts, was in dieser kurzen Zeit an Worten fällt, persönlich gemeint ist. Danach klopfen wir uns gegenseitig auf die Schulter, entschuldigen uns und es ist wieder gut. Wir unterhalten uns auf Englisch, manchmal kommt es schon zu Verwirrungen, was mit 'auf' und 'ab' oder 'runter' und 'rauf' gemeint ist.

Segeln ist keine Basisdemokratie. Es besteht eine klare Hierarchie, bei der der Skipper das letzte Wort hat. Er trägt auch die Verantwortung für das Boot und dessen Besatzung. Natürlich kommt es dabei auch mal zu kleinen Streits. Die werden aber schnell gelöst, denn dauerhafte Konflikte kann sich hier niemand leisten. Wir sitzen sprichwörtlich alle in einem Boot und müssen uns aufeinander verlassen können. Im Zweifel hängt das eigene Leben davon ab.

"Jede Verletzung führt dazu, dass andere doppelt so viel leisten müssen"

Das Letzte, was hier jemand will, ist, dass jemand über Bord fällt und ein Mann-über-Bord-Manöver ausgelöst wird. Das kann bei dem Wellengang sehr schnell gehen. Die Zeit, die dann bleibt, um eine Rettungsaktion zu starten, ist begrenzt. Wir können das Boot nicht unmittelbar stoppen. Denn eine Bremse oder einen Rückwärtsgang haben wir nicht.

Neben dem Ertrinken besteht auch die Gefahr einer starken Unterkühlung. Hier draußen kann uns erst mal keiner helfen. Wir sind auf uns gestellt. Wir achten deshalb sehr aufeinander, denn jede Verletzung führt dazu, dass andere doppelt so viel leisten müssen. Deswegen ermahnen wir uns schon mal gegenseitig, wenn jemand seine Schwimmweste nicht ordentlich angelegt hat oder sich jemand nicht mit seiner Sicherheitsleine am Boot festmacht.

Gerade ist noch unklar, wo wir in England anlegen werden, da durch die Covid-19-Restriktionen in den Häfen einiges durcheinander gekommen ist. Boote, die ihre Liegeplätze verlassen haben müssten, können nicht weg und belegen den Platz für Neuankommende. Bevor es soweit ist, müssen wir aber erst einmal Europa erreichen. Und noch einen schweren Sturm überstehen.

© SZ

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