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Passfotos vom Fotografen:Das Dilemma der verschmelzenden Gesichter

Passbilder bald nur noch im Amt

Der Streit um die Passbilder geht in die nächste Runde.

(Foto: dpa)
  • Bisher sieht der Entwurf des Innenministeriums vor, dass Fotos für einen Pass nur bei der zuständigen Behörde gemacht werden dürfen.
  • Inhaber von Fotoläden sahen dadurch aber eines ihrer wichtigsten Geschäftsfelder von "Verstaatlichung" bedroht.
  • Wie man das so genannte "Morphing" stattdessen verhindern will, soll nun geprüft werden.

Die Inhaber von Fotogeschäften haben erfolgreich gegen einen Plan des Bundesinnenministeriums lobbyiert. Sie dürfen auch in Zukunft Passfotos knipsen. Horst Seehofer verzichtet auf seinen Plan, dass alle Passfotos in Fotoautomaten in deutschen Behörden gemacht werden müssen. In einem im Dezember bekannt gewordenen Gesetzentwurf hatte es geheißen, wer einen Pass wolle, müsse sich künftig "in Gegenwart eines Mitarbeiters der Passbehörde" fotografieren lassen. Dazu sollen dort Tausende von Fotoautomaten aufgestellt werden.

Die geplante Regel hätte das so genannte "Morphing" verhindern sollen: Mit Software lassen sich zwei Gesichtsfotos zu einem verschmelzen. Sie setzt Merkmale aus beiden Ursprungsbildern zu einem neuen zusammen. Ist ein Foto im Pass so manipuliert, kann außer dem Passinhaber auch eine andere Person, deren Gesichtszüge im Bild enthalten sind, mit dem Dokument reisen.

Grenzbeamte und Gesichtserkennungs-Technik können gemorphte Bilder oft nicht erkennen. 2018 bekam das Thema erstmals öffentliche Aufmerksamkeit. Aktivisten des "Peng Kollektivs" hatten ein Foto eines ihrer Mitglieder mit dem von EU-Außenkommissarin Federica Mogherini gemixt. Das Foto ging nach ihren Angaben bei der Bundesdruckerei durch und landete im Pass. Mit dem hätten nun beide Frauen reisen können. Entsprechende Software gibt es gratis im Netz.

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Vier Morphing-Fälle sind bekannt

Morphing treibt Sicherheitspolitiker um. Im Entwurf hieß es: "Die Funktion des Passes als Dokument zur Identitätskontrolle ist damit im Kern bedroht." Hintergrund ist eine EU-Verordnung von 2019. Sie hält Mitgliedsstaaten an, biometrische Passfotos in den Behörden zu knipsen, um jedes Bild der richtigen Person zuzuordnen. Schweden macht es bei den Pässen bereits so, und Norwegen bei den Aufenthaltsgenehmigungen. Dem deutschen Innenministerium sind nach eigenen Angaben vier Fälle von Morphing in Reisedokumenten bekannt, darunter der der "Peng"-Aktivisten. Das Ministerium verweist darauf, dass ein Strafverfahren eingeleitet worden sei, und schreibt weiter: "In einem anderen Fall versuchte ein afghanischer Staatsangehöriger über den Flughafen Frankfurt/Main einzureisen. In zwei weiteren Fällen wollten iranische Staatsangehörige über den Flughafen München einreisen."

Doch gegen den Plan, das Knipsen nur noch in Behörden selbst zu erlauben, gab es Widerstand. Inhaber von Fotoläden sahen eines ihrer wichtigsten Geschäftsfelder von "Verstaatlichung" bedroht. In einem Brief des Handelsverbands Deutschland (HDE) und des Bundesverbands Technik des Einzelhandels (BVT) hieß es: "Da die Fotohändler mit der Erstellung der Passbilder nicht nur den höchsten Deckungsbeitrag erzielen, sondern dieser Service auch maßgeblich für Kundenfrequenz in den Geschäften sorgt, würde dieser Plan Millionenumsätze im Handel vernichten."

Noch Anfang des Monats hatte das Innenministerium seine Position laut golem.de verteidigt, die Zeit des analogen Passbildes sei vorbei. Nun klingt Seehofer ganz anders. Ihm sei wichtig, "dass die Bürgerinnen und Bürger sich entscheiden können, ob sie die Passfotos künftig bei der Behörde oder in einem Fotogeschäft anfertigen lassen". Nun müssen seine Mitarbeiter prüfen, mit welcher technischen Infrastruktur sich garantiert Morphing-freie Fotos im Geschäft machen und dann sicher an die Ämter übertragen lassen.

Der Verband BVT hat bereits erklärt, "namhafte Händlergruppen" arbeiteten mit Herstellern von Passbildstationen, dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik und Softwareherstellern an einem Konzept für die "sichere, bruchfreie und einfache Bildübertragung an die Passbildämter".

© SZ.de/afis
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