Israel Im See Genezareth ist das Wasser knapp

Israel nutzt den Jordan und den See Genezareth als zentrale Trinkwasserversorgung und zur Bewässerung der Landwirtschaft. Durch die intensive Wasserentnahme ist der Fluss mittlerweile zum Rinnsal aus Abwässern verkommen.

(Foto: AP)
  • Viel Regen hat den Wasserstand des chronisch unter Wassermangel leidenden Sees Genezareth zuletzt ansteigen lassen. Allerdings rollen nun bereits wieder Hitzewellen an.
  • Der See ist das größte Trinkwasserreservoir Israels, die ganze Region ist von ihm abhängig: Auch Jordanien wird daraus versorgt.
  • Ab kommendem Jahr soll entsalztes Wasser aus dem Mittelmeer durch eine Pipeline in den See gepumpt werden.
Von Alexandra Föderl-Schmid, Kinneret

Endlich einmal gute Nachrichten vom See Genezareth: Er ist nicht mehr ganz so leer. Im Winter hat es außergewöhnlich viel geregnet, der März 2019 war der niederschlagreichste seit 2003. Gleichzeitig wurde die durchschnittliche Regenmenge in vier aufeinanderfolgenden Monaten überschritten. Dies war zuletzt 1992 der Fall. So stieg der Wasserstand des Sees um 3,47 Meter. In den nächsten Tagen werde der Pegel sogar noch einmal um einige Zentimeter steigen, meint Uri Schor, der Sprecher der israelischen Wasserbehörde. Dann ist der Höchststand nach der Schneeschmelze erreicht. Denn Mitte April gab es noch einmal Schnee auf dem 2814 hohen Berg Hermon im Grenzgebiet zwischen Israel, Syrien und Libanon - zum ersten Mal seit 22 Jahren zu dieser Jahreszeit.

Alles gut also am tiefstgelegenen Süßwassersee der Erde? "Das ist Entspannung - mehr nicht", sagt Idan Greenbaum, der Präsident des Regionalrates Jordantal. Zwar liegt der Pegelstand aktuell um 1,8 Meter über der roten Linie, die den Niedrigpegelstand markiert. Es wären aber weitere 2,4 Meter notwendig, damit der See ganz voll ist. Und inzwischen hat die erste Hitzeperiode Israel erreicht, rund um den See wurden bereits Temperaturen von mehr als 40 Grad gemessen.

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In den vergangenen fünf Jahren war es in der Region extrem trocken, das hat dem größten Trinkwasserreservoir Israels, aus dem auch Jordanien versorgt wird, zugesetzt. Im vergangenen November sank der Wasserstand auf ein 100-Jahres-Tief, und die Zeitung Haaretz schrieb mit Galgenhumor, dass es unter diesen Umständen für Jesus ein Leichtes gewesen wäre, übers Wasser zu laufen. Die Ferienhäuser mit direktem Seezugang lagen hundert Meter vom Ufer entfernt. Und auch jetzt, da der Pegel vergleichsweise hoch ist, wundern sich die Christen aus aller Welt, die an der angeblichen Taufstelle Jesu in Jardenit in wallenden weißen Kleidern in das braun-grüne Wasser ein- und mit verklärten Gesichtern wieder auftauchen, welch dünnes Rinnsal der Jordan geworden ist.

Idan Greenbaum befürchtet, dass weitere Trockenperioden kommen. "Die ganze Region ist vom See abhängig. Wir gewinnen das Trinkwasser aus dem See, nutzen sein Wasser zur Bewässerung unserer Felder und viele leben vom Tourismus."

Allein durch die Verdunstung in der wärmeren Jahreszeit sinkt der Pegelstand jeden Tag um einen Zentimeter. Der niedrige Wasserspiegel lässt auch den Salzgehalt steigen, was nicht nur Probleme für das Ökosystem mit sich bringt, sondern auch für die Trinkwasserversorgung. Vor wenigen Jahren noch kam ein Viertel des gesamten Trinkwassers in Israel aus dem See Genezareth, inzwischen wird der Bedarf zu 80 Prozent aus dem Mittelmeer gedeckt, dank Meerwasser-Entsalzungsanlagen. Fünf große Anlagen gibt es bereits, zwei weitere werden gebaut. Aber für die Region und für die Wasserversorgung Jordaniens hat der See weiter große Bedeutung.

Die natürlichen Wasserressourcen werden weiter zurückgehen

Deshalb wird eifrig an einer Pipeline gebaut, die entsalztes Wasser vom Mittelmeer in den See Genezareth pumpen soll. Nächstes Jahr soll sie in Betrieb gehen. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass es wieder eine Trockenheit geben wird. Der langfristige Trend ist, dass es weniger Niederschläge gibt und die natürlichen Wasserressourcen zurückgehen. Deshalb müssen wir uns vorbereiten", sagt Uri Schor von der Wasserbehörde. Das für den See Genezareth vorgesehene Wasser aus dem Mittelmeer soll in Hadera in Zentralisrael entsalzt und dann weiter Richtung Norden gepumpt werden, um den See aufzufüllen.

Was rund um den See passiert, hat auch Auswirkungen auf den Jordan und damit auf die Wasserversorgung von Jordanien. Der 1994 abgeschlossene Friedensvertrag enthält die Vereinbarung, dass Jordanien größere Mengen Wasser aus dem Jordan entnehmen darf. Im Vorjahr bat Jordanien Israel wegen der anhaltenden Dürre, mehr Wasser entnehmen zu dürfen. Außerdem steigt der Bedarf in Jordanien stetig, weil die Landwirtschaft ausgebaut wird. Israel entscheidet von Fall zu Fall, ob mehr Wasser an Jordanien abgegeben wird.

Auch die Wasserqualität ist ein Thema. Die Umweltschutzorganisation "Friends of the Earth" warnt seit Jahren, der Jordan sei zu einem "Abwasserkanal" verkommen. Der regenreiche Winter führte auch dazu, dass das Klärwasser auf Mengen anstieg, die nicht länger aufgefangen werden konnten. Die israelische Wasserbehörde ließ zu, dass trotz des Protests des Umweltministeriums und von Ökoverbänden Abwasser in den Fluss geleitet wurde - Jesus würde sich heutzutage bei seiner Taufe wegen der Fäkalkeime eine Bindehautentzündung holen, schrieb der Guardian. Die Wasserbehörde rechtfertigte diesen Schritt damit, dass dies nur zeitlich begrenzt erlaubt worden sei und keine ökologischen Auswirkungen zu befürchten seien.

Pläne für eine Pipeline vom Roten in Richtung Totes Meer, das ebenfalls vom Jordan gespeist wird, werden zwischen Israel und Jordanien seit Jahren diskutiert, aber bisher nicht umgesetzt. Gidon Bromberg von der Organisation EcoPeace hofft darauf, dass Israel das Thema Wasserversorgung nicht nur mit Jordanien, sondern auch mit den verfeindeten Nachbarstaaten Syrien und Libanon diskutiert. "Israel ist den anderen Ländern weit voraus, was die Wasserversorgung betrifft. Aber wenn die Nachbarstaaten Probleme mit der Wasserversorgung haben und das zu politischer Instabilität führt, hat das auch Auswirkungen auf Israel. Was am Jordan oder See Genezareth passiert, betrifft alle. Wir sitzen im gleichen Boot."

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