Unwetter in der Schweiz:Wichtige Alpen-Querung wohl monatelang gesperrt

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Die A13, eine der wichtigsten Straßenverbindungen über die Alpen, ist auf mehreren Hundert Metern unterbrochen. (Foto: Samuel Golay/dpa)

Am Wochenende sind schwere Gewitter über mehrere Schweizer Kantone hinweggezogen. Ein Mensch ist gestorben, zwei werden noch vermisst. Und die A13, die das Bodenseegebiet mit Norditalien verbindet, ist nach einem Erdrutsch unpassierbar.

Von Oliver Klasen

7000 Blitze sind über Graubünden niedergegangen. Der in der Ostschweiz gelegenen Kanton ist – so wie andere Gebiete des Landes – am Wochenende von einem schweren Unwetter erfasst worden. Die niedergegangenen Regenmengen sind gewaltig. 125 Liter pro Quadratmeter innerhalb von 24 Stunden meldete der Wetterdienst Meteonews, das ist fast so viel, wie es dort im Durchschnitt im ganzen Monat Juni regnet.

Besonders dramatisch ist die Lage im Misoxtal. Es liegt südlich des Alpenhauptkammes, an der Autobahn A13, etwa 30 Kilometer nördlich von Bellinzona, der Hauptstadt des sich südlich an Graubünden anschließenden Kantons Tessin. Die Strecke wird von vielen Urlaubern passiert, die aus Norditalien in Richtung Bodenseeregion fahren – und umgekehrt.

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Genau das wird nun wohl länger nicht mehr möglich sein. Denn die A13, neben dem Brennerpass zwischen Österreich und Italien und dem Sankt-Gotthard-Tunnel in der Schweiz eine der wichtigsten Transitrouten über die Alpen, dürfte wochen-, vielleicht sogar monatelang gesperrt bleiben. Ein Erdrutsch nahe der Gemeinde Lostallo im Misoxtal hatte die Strecke am Freitagabend auf 200 Metern weggerissen. Mehrere Häuser wurden von einer Gerölllawine erfasst und zerstört.

Der Erdrutsch in Lostallo, von einer Drohne aus fotografiert. (Foto: Samuel Golay/dpa)

Am Sonntag wurde ein Mann tot in einem Bachbett gefunden, eine zunächst vermisste Frau konnte am Samstagmorgen aus einem Schuttberg gerettet werden. Zwei Menschen wurden auch am Sonntagnachmittag noch vermisst. Die Chancen, sie lebend zu finden, seien jedoch minimal, sagte William Kloter, Einsatzleiter der Bündner Kantonspolizei, laut einem Bericht im Schweizer Tagesanzeiger bei einer Pressekonferenz. Er rief dazu auf, dass niemand sich auf die Suche nach den weiteren Vermissten machen solle. „Wir wollen keine weiteren Opfer beklagen.“ Nach den Vermissten wurde mit Helikoptern, Drohnen und mit Hunden gesucht. Zeitweise musste die Suche, die in dem unwegsamen Gelände ohnehin schwierig ist, jedoch wegen des schlechten Wetters unterbrochen werden. Am Sonntag erhielten die Rettungskräfte Unterstützung von der Schweizer Armee.

Wie dramatisch die Lage war, beschreibt Nicola Giudicetti, Bürgermeister der Gemeinde Lostallo, im Gespräch mit dem Tagesanzeiger. „Der Fluss wurde so hoch, dass er die Autobahn mitspülte“, sagt Giudicetti. „Ich bin seit mehr als 30 Jahren Gemeindepräsident, so etwas gab es hier noch nie.“ 

In Gefahr waren am Freitag auch die Rettungskräfte selbst. Zwei Kameraden der Kantonspolizei, die die Lage nach dem Erdrutsch inspizieren wollten, seien in ihrem Dienstfahrzeug von den Fluten überrascht worden und hätten sich nur schwimmend in Sicherheit bringen können, sagte Polizeikommandant Kloter.

Zermatt 24 Stunden lang von der Außenwelt abgeschnitten

Auch am Sonntagmorgen regnete es in der östlichen Schweiz weiter, allerdings weniger heftig als in den beiden Tagen zuvor. Von den Unwettern besonders betroffen war neben dem Kanton Graubünden auch der weiter südwestlich gelegene Kanton Wallis. Dort war der Ort Zermatt 24 Stunden lang von der Außenwelt abgeschnitten. Sowohl die Bahnlinie als auch die Zufahrtsstraße mussten gesperrt werden, nachdem mehrere Bäche über die Ufer getreten waren. Erst am Samstagabend war Zermatt wieder per Zug erreichbar. Auch an anderen Orten im Wallis kam es infolge des Starkregens zu schweren Überschwemmungen, am Sonntag beruhigte sich die Lage jedoch wieder. Die Hochwasserwarnung für die Rhone und ihre Seitenflüsse wurde aufgehoben.

Die Unterbrechung der A13 in Graubünden kommt zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Bald beginnt die Ferienzeit, und der Verkehr über die Alpen dürfte drastisch zunehmen. Weil es nur wenige Ausweichrouten gibt, befürchten Schweizer Politiker und Verkehrsexperten ein Chaos auf den Straßen. Insbesondere der Gotthard-Tunnel dürfte durch Urlauberverkehr noch stärker belastet werden als ohnehin schon.

Für den Transitverkehr haben die Behörden bereits eine großräumige Umleitung über die Gotthard-Autobahn A2 eingerichtet. Anwohner dürfen die A13 von nördlicher und südlicher Richtung bis kurz vor der gesperrten Stelle befahren. Einige Dörfer im Unwettergebiet waren jedoch auch am Sonntag über Straßen nicht erreichbar und nur per Helikopter zugänglich.

Vom Schweizer Straßenbundesamt Astra hieß es, man könne die ersten Arbeiten an der weggerissenen Autobahn zwar bereits am Montag beginnen, wenn das Wetter günstig und der Wasserstand des Flusses ausreichend niedrig sei. Die Wiederherstellung der A13 werde aber lange dauern.

Polizeikommandant Kloter beschrieb die Lage, was die A13 betrifft, in einem Interview mit dem Schweizer Sonntagsblick wie folgt: „Da gibt es wenig Hoffnung, dass wir das in Kürze oder wenigstens in absehbarer Zeit wieder betriebsfähig hinbringen.“

Und Nicola Giudicetti, der Bürgermeister des Ortes, in dem der Erdrutsch niederging, appelliert an das ganze Land: „Es gibt noch viel zu tun, die Schäden sind enorm. Deshalb mein Aufruf an die Schweiz: Wir brauchen eure Solidarität.“

Mit Material der Nachrichtenagenturen

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