Steuerrückzahlung in der Schweiz:250 000 Franken "Genugtuung" für einen Hilfsarbeiter

Ernst Suter schämt sich so sehr für seine Legasthenie, dass er jahrelang keine Steuererklärung abgibt und Hunderttausende Franken zu viel zahlt. Rechtlich ist nichts zu machen, doch die Schweiz hat eine Lösung parat.

Von Charlotte Theile, Zürich

Ernst Suter ist Hilfsarbeiter und wohnt in Dürnten bei Zürich. Er ist 42 Jahre alt und leidet unter Legasthenie, er hat also Schwierigkeiten mit dem Lesen und dem Schreiben. Deshalb hat er auch noch nie eine Steuererklärung eingereicht. Und das wurde für ihn zum Problem.

Gibt ein Schweizer keine Steuererklärung ab, schätzt die kantonale Steuerverwaltung seine Einkommensverhältnisse. Bei Ernst Suter ging das Amt im Jahr 2000 noch von einem Einkommen von 36 000 Franken aus. Ernst Suter nahm das hin und zahlte gut 3200 Franken an Steuern. Um des lieben Friedens willen, wie er sagt. Das Problem: Widerspricht ein Steuerpflichtiger dem Bescheid nicht, so geht das Amt davon aus, zu niedrig geschätzt zu haben. Bei Ernst Suter nahm das heftige Ausmaße an.

Ein Antrag, den es so nur in einer direkten Demokratie geben kann

Im Jahr 2001 setzte das Amt schon 70 000 Franken an, 2005 waren es dann 100 000 Franken. Vier Jahre später wurde Suters Einkommen auf 250 000 Franken geschätzt, 2010 waren es 300 000 und im Jahr 2012 gar 480 000 Franken. Die Steuern - nun mehr als 100 000 Franken im Jahr - zahlte Suter mit Ersparnissen. Er verkaufte Land und zum Schluss stand sogar das Haus seiner Großeltern, in dem er wohnt, auf dem Spiel.

Als das Schweizer Verbraucherschutzmagazin Beobachter seinen Fall vor einiger Zeit öffentlich machte, schlugen die Wellen in Suters Heimatort Dürnten hoch. Rechtlich war nichts zu machen, die Widerspruchsfristen waren längst verstrichen. Die Bürger von Dürnten aber schämten sich. Ein Komitee forderte: "Genugtuung für Ernst Suter" - und bekam sie. Dürnten stimmte für einen Antrag, den es so wohl nur in einer direkten Demokratie geben kann: Suter hat, über die Jahre, 250 000 Franken (rund 238 000 Euro) zu viel Steuern gezahlt.

Diese Summe bekommt er jetzt von der Gemeinde zurück. Einfach so. Netto. Wäre die Summe eine Schenkung, hätte Suter ja gleich wieder 57 000 Franken Steuern zahlen müssen. Deshalb heißt es nun: "Genugtuung".

Ernst Suter, der sich so für seine Legasthenie schämte, dass er lieber Hunderttausende Franken zahlte, als sich Hilfe zu suchen, ist mit seiner neuen Berühmtheit nicht glücklich. Er wolle den Fall "abschließen und sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen", sagt Barbara Schnyder, die inzwischen seine Steuerangelegenheiten erledigt. "Ich konnte fast nicht glauben, dass in der Schweiz jemand jahrzehntelang durchs Raster fällt", sagt die Treuhänderin. Der Fall Suter sei daher einmalig. Seine Überforderung in finanziellen Angelegenheiten aber nicht.

"Das zieht sich durch alle Schichten und Milieus", sagt Schnyder. "Wenn jemand krank wird, wenn es Gewalt oder psychische Probleme gibt. Oder wenn derjenige stirbt, der sich um den Papierkram gekümmert hat - dann bleibt oft alles liegen." Für sie ist Suter ein Lehrstück: "Ich wünsche mir, dass wir weniger Angst vor Fehlern haben und offen miteinander sprechen."

© SZ vom 09.06.2015/olkl
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