Schweiz Die Gefahr am Piz Cengalo war bekannt

  • Im Schweizer Kanton Graubünden hat ein Erdrutsch mehrere Häuser unter sich begraben, ein Dorf wurde evakuiert.
  • Die Gefahr am Piz Cengalo war bekannt. Mindestens acht Wanderer ignorierten sie - und werden jetzt vermisst.
  • Die Ursache für Bergstürze sind Experten zufolge im Klimawandel und extremen Niederschlägen zu finden.
Von Charlotte Theile, Zürich

Fast jeder, der in den Bergen lebt, kennt dieses beklemmende Gefühl. Die gewaltigen Steinmassen, die sich an einigen Stellen kilometerhoch vor einem auftürmen, sehen beeindruckend schön aus. Man kann hinaufklettern und die Aussicht genießen, aber nicht nur das. Die Steine könnten auch herunterfallen.

In Bondo, einem kleinen Dorf im Schweizer Kanton Graubünden, ist dieser Albtraum am Mittwochmorgen Wirklichkeit geworden. Auf Videos sieht man, wie gegen 9.30 Uhr ein Teil des Piz Cengalo unter gewaltigem Staub und Getöse in sich zusammenfällt, eine riesige Gerölllawine rollt ins Tal hinunter, begräbt Häuser und Straßen im Val Bondasca unter sich. Die 200-Einwohner-Gemeinde Bondo wurde evakuiert. Zunächst hieß es, es habe keine Opfer gegeben. Seit Donnerstag weiß man: Diese erste Entwarnung war falsch. Mehrere Menschen werden vermisst.

Mehr als 120 Polizisten, Feuerwehrleute und Zivilschützer im Einsatz

Die Polizei geht derzeit von acht erwachsenen Vermissten aus, darunter sind Deutsche, Österreicher und Schweizer. Sechs Personen sind von ihren Angehörigen als vermisst gemeldet worden, bei zwei weiteren Personen stützt sich die Polizei auf eigene Recherchen im Gefahrengebiet. Die acht Vermissten waren als Wanderer in der Nähe des Piz Cengalo unterwegs. Die Suche nach den Personen lief am Donnerstagabend noch, mehr als 120 Polizisten, Feuerwehrleute und Zivilschützer waren mit Helikopter und Hunden im Einsatz. Mit Scheinwerfern und Wärmebildkameras flogen sie das beliebte Wandergebiet im Bondasca-Tal an der italienischen Grenze immer wieder ab, jedoch ohne Erfolg. Aus Sicherheitsgründen wurde die Suche in der Nacht eingestellt. Sie sollte am Freitag bei Anbruch des Tageslichts fortgesetzt werden. Von der Gemeinde heißt es, Wanderer und Bergsteiger seien informiert worden, dass sie sich im Gefahrengebiet befinden.

Schweiz

Schweizer Dorf durch Erdrutsch eingeschüttet

Bei einer Pressekonferenz sagte Einsatzleiter Andrea Mittner von der Kantonspolizei Graubünden aber auch, dass es möglicherweise noch mehr Vermisste geben könnte. "Vor einer Stunde haben wir einen Anruf einer Frau erhalten, die ebenfalls eine Gruppe vermisst." Später meldeten Schweizer Medien, zumindest diese Gruppe sei unversehrt in Italien aufgetaucht.

Bei dem Bergsturz sind nach Angaben des Bündner Amtes für Wald und Naturgefahren vier Millionen Kubikmeter Gestein ins Tal gerollt, wo die Geröllmassen vom Fluss weitergeschoben wurden. Eine Naturgewalt. Der Abbruch allein hatte ein Erdbeben der Stärke drei ausgelöst. Und nicht nur das: Eine Million Kubikmeter seien weiterhin in Bewegung. Experten rechnen daher auch mit sogenannten Nachstürzen. Die Einwohner von Bondo sind derzeit bei Verwandten, in Zivilschutzanlagen und in Krankenhäusern untergebracht, noch ist unklar, wann sie wieder in ihr Dorf zurückkehren dürfen. Bis Freitagvormittag bleibt Bondo in jedem Fall gesperrt, auch die Hauptstraße durch das Tal ist im Moment nicht befahrbar. Die Polizei teilte mit, dass die Häuser und der Zugang zum Ort bewacht würden. Die Einwohner müssten sich keine Sorgen um ihr Hab und Gut machen. Aus Sicherheitsgründen soll zudem eine Brücke gesprengt werden.

Hintergrund der Bergstürze: Extremwetter und Klimawandel

Es ist nicht das erste Mal, dass am Bündner Piz Cengalo ein Bergsturz zu beobachten ist. Schon im Dezember 2011 hatte es hier einen größeren Abgang gegeben. Damals brachen rund eine Million Kubikmeter ab und rollten, fast unbemerkt, ins Val Bondasca. Auch in den vergangenen Wochen hatte es in dem Bündner Tal immer wieder kleinere Felsstürze gegeben. Am 13. August schrieb die lokale Zeitung Südostschweiz: "Im Bergell wird größerer Felssturz erwartet." Ein Hüttenwart berichtete, er sehe fast täglich kleinere Geröllabgänge - und melde diese an die Behörden. Eine Leserreporterin filmte zudem einen Felssturz.

Die Gefahr war also bekannt. Einzelne, hoch gelegene Orte waren zuletzt für Wanderer gesperrt, für die Region war zudem ein Alarmsystem eingerichtet worden. Bei dem Sturz am Mittwochmorgen wurde es automatisch ausgelöst, Ampeln schalteten auf Rot und versperrten den Weg ins Gefahrengebiet, die Einsatzkräfte wurden aktiviert. Insofern war die Vorbereitung erfolgreich. Mit einem derart krassen Naturereignis hatten die Geologen aber vermutlich nicht gerechnet, sonst wären auch die Wanderwege abgesperrt worden.

Hintergrund der Bergstürze ist nach Ansicht der Experten die globale Erwärmung. Beim Piz Cengalo handelt es sich um ein Permafrostgebiet. Wenn dort der Boden auftaue, könnten Bergstürze die Folge sein, sagte ein Sprecher des schweizerischen Umweltamtes. Weitere Ursachen können starke Regen- und Schneefälle sein. Auch Ende 2011 hatte eine besonders warme Periode in den Wintermonaten die Bergstürze ins Val Bondasca ausgelöst.

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