bedeckt München 25°

Schweiz: Barbara Burtscher und die Nasa:Die Fastronautin

Die Schweizer Medien stürzen sich auf eine Physiklehrerin und schreiben sie zu "unserer Frau bei der Nasa" hoch. Zu verlockend ist die Geschichte von der blonden jungen Frau, die zum Mond fliegen will - auch wenn sie gar nicht stimmt.

Titus Arnu

Zu den Kernkompetenzen der Schweiz zählen die Herstellung von Schokolade und löchrigem Käse sowie das Hüten von Bankgeheimnissen. Die bemannte Raumfahrt gehört nicht unbedingt dazu. Der erste und bislang einzige Schweizer im All war Claude Nicollier, er absolvierte vier Space Shuttle-Flüge, den ersten im Jahr 1992.

Um so größer war die Begeisterung vieler Eidgenossen, als bekannt wurde, dass sich eine junge Schweizerin auf den Weg ins All macht. Barbara Burtscher, 25, aus Wattwil in der Ostschweiz, habe "große Chancen, Nasa-Astronautin zu werden" berichtete die Schweizer Illustrierte. "In Kreisen der US-Raumfahrtbehörde" gelte sie als "mögliche erste Schweizer Raumfahrerin", hieß es in dem Magazin. Das Web-Portal 20minuten meldete, Burtscher sei "von der Nasa dazu auserwählt, zwei Wochen lang mit fünf weiteren Forschern in der Mars Desert Research Station zu leben - "als erste Schweizerin überhaupt".

"Aufgrund des bisherigen Tests gibt mir die Nasa gute Chancen, die Astronautenausbildung zu bestehen", schrieb Burtscher auf der Website ihres Sponsors "Gubler Tischtennis", mit etwas Glück werde sie hoffentlich die nächste Schweizer Astronautin "mit dem Ziel einer Mondmission".

Danach gaben die Schweizer Medien erst so richtig Gas: Der Blick, die eidgenössische Variante der deutschen Bild, feierte Barbara Burtscher als "unsere Frau bei der Nasa." Das Schweizer Fernsehen lud sie zu einer Talkshow mit Prominenten ein, kündigte sie als "Astronautin" an.

Doch nun scheint die Reise ins All erst einmal mit einem Fehlstart zu enden. Denn nach und nach kommt heraus, dass Barbara Burtscher recht weit entfernt davon ist, eine Astronautin zu sein. Ein Engagement bei der Nasa habe die studierte Astrophysikerin, derzeit im Hauptberuf Physiklehrerin an der Kantonsschule Wattwil, nie gehabt, berichtete der Zürcher Tagesanzeiger - der Burtschers Weltraum-Träume in früheren Berichten ziemlich ernst genommen hatte. Das angebliche Nasa-Training für den Mars entpuppte sich als Aufenthalt in einem Camp der Mars Society, eines privaten Clubs von Weltall-Enthusiasten, zu dessen Gründungsmitgliedern Science-Fiction-Regisseur James Cameron gehört.

"Sie hat alle an der Nasa herumgeführt"

Erste Zweifel an Burtschers Mission hatten die Schweizer Medien-Blogger von infamy schon Anfang des Jahres geäußert, der Beitrag wurde aber wegen eines drohenden Rechtsstreites von der Seite gelöscht. Burtscher sei nicht bei der Nasa angestellt, berichtete der Tagesanzeiger nun, sie habe lediglich als Instruktorin Kurse für Lehrer gegeben, und zwar im U.S. Space & Rocket Center in Huntsville, Alabama, das sich auf dem gleichen Gelände wie das Nasa Marshall Space Flight Center befindet. Bei der Einrichtung handelt es sich um ein Museum mit Flugsimulatoren, einer Zentrifuge und ausrangierten Raumfähren und Raketen. Derzeit findet dort eine Star Wars-Ausstellung statt, Motto: "Where science meets imagination."

"Sie hat alle an der Nasa herumgeführt", witzelte der Radiosender Züriplus, der Burtscher zuvor noch als "angehende Astronautin" gefeiert hatte. "Eine Hochstaplerin bin ich natürlich nicht", sagt Barbara Burtscher der Süddeutschen Zeitung, sie habe nie behauptet, Nasa-Astronautin zu sein. Und sie habe in Huntsville auf dem Gelände und in Gebäuden der Nasa gearbeitet, im landläufigen Sinne also tatsächlich "bei der Nasa", auch wenn sie dort nicht im rechtlichen Sinne angestellt war.

Vielleicht hat Burtscher geflunkert, vielleicht war es aber auch so, dass die Zeitungen nur allzu gerne auf die schöne Geschichte der jungen blonden Schweizerin, die demnächst ins All fliegt, eingestiegen sind. Bei Burtschers Auftritt in der TV-Talkshow "Aeschbacher" war es der Moderator, der Burtscher am liebsten sofort auf den Mars geschossen hätte, während die junge Frau halblaut darauf hinwies, dass sie zwar seit der Schulzeit von einer Reise ins All träume, aber in absehbarer Zeit nicht mit der Teilnahme an einer Mars-Mission rechne. Lieber schwärmte sie von ihrem Tandem-Sprung aus zehn Kilometern Höhe.

Ist der raketenhafte Aufstieg der "Fastronautin" (Bildblog) zu Ende? "Seit meiner Kindheit träume ich davon, die Erde einmal vom Weltall aus zu sehen", sagt Barbara Burtscher, "dieses Ziel will ich weiter erreichen, über private Firmen." Claude Nicollier, der erste Schweizer im All, nimmt Burtscher in Schutz. "Sie ist - im positiven Sinne - eine Träumerin", sagte er der Schweizer Illustrierten, "aber um Astronautin zu werden, befindet sie sich auf dem falschen Weg."

© SZ vom 11.09.2010/jab
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB