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Ostsee:Toter Schweinswal: Ermittler erwägen Öffentlichkeitsfahndung

Badegäste streicheln einen Schweinswal

Badegäste streicheln am Ostseestrand von Grömitz einen streng geschützten Schweinswal, der kurze Zeit später verendet.

(Foto: -/dpa)

Mehrere Menschen kuscheln mit einem Schweinswal in der Lübecker Bucht. Kurze Zeit später stirbt das Tier. Woran, ist noch unklar. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Von Peter Burghardt

Da hält er ihn, den kleinen Schweinswal. Ein Mann im schwarzen Badeanzug, offenbar mit Schwimmbrille oder Sonnenbrille, das Gesicht auf dem kurzen Video ist verpixelt. Grömitz, 9. Juli 2021, ein Spiel im flachen Wasser am Ufer der Ostsee sollte es wohl sein, als sich mehrere Erwachsene dem Schweinswal näherten, Kinder herbeiriefen, die ihn in den Arm nahmen und herzten. Am Ende war das Tier tot.

Der Polizei Lübeck wurde die Aufnahme von einem Aufseher am Strand zugespielt. Auch Fotos von dem Vorfall erreichten die Beamten. Eines zeigt den Mann im schwarzen Schwimmanzug, ein anderes eine weitere Person, jeweils im direkten Kontakt mit dem Wal. Es handelt sich um ein Jungtier, ausgewachsene Exemplare bringen es schon mal auf 180 Zentimeter und mehr.

Schon vor ein paar Tagen machten die Bilder und die Nachricht vom Tod des Schweinswals die Runde, inzwischen befasst sich die Lübecker Staatsanwaltschaft damit. Es wird strafrechtlich ermittelt, die Ermittler erwägen sogar eine Öffentlichkeitsfahndung, dann mit unverpixelten Gesichtern.

Die putzig anzusehenden Schweinswale sind eine vereinzelt anzutreffende Attraktion der deutschen Küsten. Laien verwechseln sie möglicherweise mit Delfinen und meinen, sie hätten einen neuen Flipper vor sich, mit dem sie ein wenig Kuscheltier spielen können. Tatsächlich sind die Tiere vom Aussterben bedroht und streng geschützt.

In der Nordsee leben Tausende, in der Ostsee nur noch wenige Hundert Schweinswale. Sie leiden unter Müll im Meer, unter Fischernetzen oder gesprengter Munition. 2019 sollen vor einem Nato-Manöver 18 dieser Säugetiere gestorben sein, als Seeminen zur Detonation gebracht wurden. Vor Grömitz ging es friedlicher zu, theoretisch. Sommer 2021, Badestrand am Westufer der Lübecker Bucht. Badegäste. Und plötzlich dieser Schweinswal, der sich offenbar ins seichte Wasser verirrt hatte.

Fremdverschulden nicht auszuschließen

Zur Mittagszeit wurde der Seehundjäger in Ostholstein informiert, "dass mehrere Erwachsene einen kleinen Schweinswal im Badegebiet von Grömitz eingekesselt und gefangen hatten, um ihn an der Wasseroberfläche zu halten". So berichten es die Lübecker Staatsanwaltschaft und die Polizeidirektion Lübeck. Mehr als 20 Kinder seien ins Wasser gerufen worden, sie sollen "dann den Schweinswal festgehalten, umarmt und gestreichelt haben". Zeugen erklärten, er sei erst "noch agil" gewesen, dann schwächer geworden und verendet.

Der Seehundjäger brachte den Kadaver nach Büsum, zum Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung. Eine Tierärztin stellte dort fest, dass der Schweinswal unter Herz- und Lungenwürmern litt, sie konnte aber dem Vernehmen nach auch kein Fremdverschulden ausschließen. Also leiteten die Wasserschutzpolizeistation Fehmarn und die Staatsanwaltschaft Lübeck ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts einer Straftat ein. Als Grundlage dient § 71 des Bundesnaturschutzgesetzes, wonach es strafbar ist, wenn wildlebende Tiere streng geschützter Arten gefangen, verletzt oder getötet werden. Und abgesehen davon warnen die Behörden vor sogenannten Zoonosen, der Übertragung von Infektionskrankheiten zwischen Tier und Mensch.

Den Schuldigen könnten Geldbußen oder, was etwas unwahrscheinlicher ist, gar drei bis fünf Jahre Haft bevorstehen. Zeugen hätten sich bisher wenige gemeldet, das mache es nicht einfacher, sagt die Lübecker Staatsanwältin Ulla Hingst. Gefahndet wird in der Causa Schweinswal wegen des zwischenzeitlichen Bettenwechsels in der Region bundesweit.

© SZ/feko
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