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Schweden:Blöd jetzt für Diebe

Zahlen mit Kreditkarten und Smartphones

Ein paar Klicks oder Fingerstriche übers Smartphone, und schon ist die Rechnung bezahlt. Auch wenn es nur ein paar Kronen fürs Hotdog an der Ecke sind.

(Foto: Jonas Ekstroemer/dpa)
  • Viele Schweden bezahlen aus Bequemlichkeit mit Kredit- und Bankkarte oder mit der Handy-App. Mit Letzterer kann man mit dem Handy Geld überweisen.
  • Diebe haben nicht bedacht, dass die Polizei über die App auch jenes Konto finden kann, auf das die Kriminellen gestohlenes Geld überwiesen haben.
  • Auch Bettler, die vor vielen Stockholmer Supermärkten sitzen, hoffen nicht mehr auf Münzen.

Björn Ulvaeus, das ist der Abba-Sänger, der zu Band-Zeiten noch keinen Bart hatte, ist zu einem der größten Verfechter einer bargeldlosen Gesellschaft geworden. Auslöser dafür war auch, dass sein Sohn ausgeraubt worden ist. Die Diebe sind in dessen Apartment eingestiegen, gleich zwei Mal hintereinander. Sänger Björn Ulvaeus sagt nun, kein Geld bei sich zu haben, mache die Welt einfacher und sicherer. Das Argument erscheint logisch: Wo es kein Bargeld gibt, kann man es nicht verlieren, klauen, erbetteln oder illegale Drogen damit kaufen.

Viele Schweden tragen aus Bequemlichkeit längst keine Münzen und Scheine mehr mit sich herum. Schweden könnte nach Expertenmeinung zu einem der ersten Länder werden, das ganz auf Bargeld verzichten - auch wegen Erfindungen wie iZettle, Klarna, Swish, Seamless und wie sie alle heißen. Damit kann man in Schweden noch einfacher mit Kredit- und Bankkarte oder mit der Handy-App bezahlen. Und zwar alles: Den Apfel am Kiosk für umgerechnet 62 Cent, das Hotdog an der Ecke (1,55 Euro), das Busticket (3,72 Euro), Tulpen vom Straßenverkäufer (2,05 Euro). Fast jeder passt sich dem Trend an, da bleibt auch den Dieben nicht mehr viel anderes übrig: In Göteborg haben kurz vor Ostern drei Maskierte einen Mann überfallen, mitten in der Nacht. Weil der Mann kein Bargeld bei sich hatte, haben sie ihn gezwungen, ihnen 2000 Kronen (206 Euro) zu "swishen".

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Mehr als jeder zweite Schwede nutzt die Überweisung mittels App

Swish ist eine App, die sich mehrere große schwedische Banken teilen. Damit kann man mit dem Handy Geld in Echtzeit von seinem Konto auf das Konto eines anderen überweisen. Mehr als jeder zweite Schwede nutzt das bereits. Doch die Göteborger Diebe haben eines nicht bedacht: dass die Polizei über die App mit Hilfe der Bank das Konto finden kann, auf das das Geld überwiesen wurde. Sie sei "ziemlich optimistisch", was den Verlauf der Ermittlungen angehe, sagt daher die Polizeisprecherin in Göteborg, auch wenn bisher noch niemand gefasst wurde. "Wer Geld swisht, der hinterlässt eine Spur." Der Raub per App war wohl eine Verzweiflungstat. Jedenfalls sei es nicht die erste Wahl der Diebe gewesen, so die Sprecherin.

In Stockholm kommt man ohne Bargeld inzwischen fast weiter als mit. Das Ticket im Bus bekommt man längst nicht mehr mit Münzen, Ticketautomaten für Züge und U-Bahnen haben nur noch Kartenschlitze. Einige Geschäfte und Restaurants, und natürlich auch das Abba-Museum, weigern sich, Bargeld anzunehmen. Die Zentralbank Riksbanken denkt nun darüber nach, eine digitale Währung einzuführen, die e-Krone neben der echten Krone. Das digitale Geld würde denen helfen, die weder Konto noch Kreditkarte haben, aber mit Barem nicht mehr weiterkommen.

Auf Münzen hoffen fast nicht mal mehr die Bettler

Ende 2016 hat Riksbanken 2000 Schweden befragt, wie sie ihren letzten Einkauf bezahlt haben. Nur 15 Prozent antworteten: bar. Die Schweden entwöhnen sich schnell. Bereits 2015 haben sie nur noch ein Fünftel aller Einkäufe in schwedischen Geschäften mit Cash bezahlt, fünf Jahre zuvor waren es doppelt so viele. Und Eltern von Elf- bis 16-Jährigen sagten in der Umfrage, dass auch ihre Kinder Karten nutzten wie Bargeld. Auf Münzen hoffen fast nicht mal mehr die Bettler, die vor vielen Stockholmer Supermärkten sitzen. Sie fragen stattdessen nach Pfandflaschen. Und wenn gar nichts mehr hilft, folgen sie dem Einkäufer schon mal bis an die Supermarktkasse und hoffen, dass er ihnen dort etwas kauft - wie er bezahlt, ist dann egal.

Die schwedischen Banken fördern den Trend, er erspart ihnen viel Logistik. In immer mehr Bankfilialen kann man gar keine Scheine mehr abheben. Doch nicht allen Schweden ist der schnelle Abschied vom Bargeld geheuer. Vor allem ältere Menschen tun sich schwer damit, den Geldbeutel durchs Handy zu ersetzen. Die Rentner-Organisation PRO hat im Herbst eine Petition mit 140 000 Unterschriften überreicht, mit der sie die Regierung auffordert, das Bargeld zu erhalten. Eine andere Sorge gilt der Privatsphäre. Wer jede Kleinigkeit mit Kreditkarte und per Handynummer bezahlt, dessen Leben wird dadurch noch durchsichtiger als es in Schweden ohnehin schon ist, wo ein Anruf bei der Behörde ausreicht um zu erfahren, wie viel an Steuern der Nachbar zahlt. Wie heißt es so schön? Es gibt Dinge im Leben, die kann man nicht kaufen. Für alles andere gibt es in Schweden eine App.

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