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Schwarze Bürgerrechtler:"Wir sind die gewalttätigste Nation der Welt"

Demonstrant in Dallas: "Werde ich der Nächste sein?"

(Foto: AP)

Vor der Trauerrede von US-Präsident Obama machen schwarze Aktivisten in Dallas klar: Der Protest gegen Rassismus wird nicht aufhören - denn die Angst vor brutalen Polizisten raubt weiter den Schlaf.

Reportage von Matthias Kolb, Dallas

Dass die Horror-Woche für viele Afroamerikaner aus Dallas in einer Kirche endet, ist konsequent. Die Stadt steht noch immer unter Schock und nur wenige wollen oder können allein sein. Weil schwarze Kirchen nicht nur Gotteshäuser sind, sondern seit Jahrzehnten Treffpunkte für Bürgerrechtler und Aktivisten, versammeln sich Tausende Menschen in der West Friendship Baptist Church. Es ist Sonntagabend - in zwei Tagen wird Barack Obama nach Dallas kommen und hier eine Rede halten, genauso wie sein Vorgänger George W. Bush.

Bei dem Community Meeting sollen alle die Möglichkeit haben, ihre Gefühle ganz ehrlich zu äußern, sagt Pastor Freddie Haynes. Er hält sich nicht zurück: Natürlich trauerten alle mit den Familien der fünf toten Polizisten, die am vergangenen Donnerstag erschossen wurden. Niemand dürfe vergessen, warum an diesem Tag marschiert wurde: "Weil Alton Sterling in Louisiana und Philando Castile in Minnesota von Polizisten erschossen wurden." Fast vier Stunden dauert das Treffen, bei dem Tränen fließen - doch es zeigt sich neben viel aufgestauter Wut auch Kampfgeist.

Shannon Marshall war bei der Demo dabei, als Micah Johnson das Feuer auf die Cops eröffnete. Ihre Stimme bebt, als sie sich erinnert: "Diese Polizisten sind gestorben, weil sie uns beschützt haben, damit wir unsere Meinung sagen konnten. Alle sollen wissen: Bis der Sniper anfing zu schießen, war alles friedlich." Die 31-Jährige spricht von einer "Tragödie" und sagt dann: "Wenn wir unsere Probleme unter den Teppich kehren, wird alles nur schlimmer."

Was passiert nach den Todesschüssen von Dallas mit Black Lives Matter? Die Frage wird sowohl in den Medien als unter den Aktivisten ausführlich debattiert (Link-Liste am Ende des Texts) - und sie ist nicht leicht zu beantworten, da die dezentral organisierte Bewegung auf Sprecher verzichtet. Doch Aussagen der prominenten Figuren decken sich mit dem Eindruck aus Texas: Niemand denkt ans Aufgeben.

Der kämpferische Demo-Organisator

Hinter der Demonstration gegen Polizeigewalt in Dallas steht Dominique Alexander, der Gründer des "Next Generation Action Network". Der 27-Jährige gründete NGAN nach den tödlichen Schüssen auf Mike Brown in Ferguson, weil er von der Reaktion der etablierten Organisationen enttäuscht war. "Viele Ältere ignorieren uns oder wollen unser Engagement nicht", sagt er zur SZ. Offiziell gehöre NGAN nicht zu Black Lives Matter, so Alexander, aber die Ziele seien identisch.

Die Morde an den fünf Polizisten, mit denen er während des Marsches Kontakt hatte, schockieren ihn sichtlich, aber an seinen Zielen ändert das nichts: "Unsere Protestbewegung ist nicht zu stoppen, denn es gibt einfach zu viele Dinge, die falsch laufen."

Von der Kanzel aus beklagt er die "school to prison pipeline": Weil zu wenig in die öffentlichen Schulen investiert werde, hätten viele Afroamerikaner schlechte Jobchancen und landeten deswegen zu oft im Gefängnis. In South Dallas, wo sich auch die West Friendship Church befindet, gibt es High Schools ohne Klimaanlagen und mit bröckelnden Wänden, klagt er. Alexander fordert die Zuhörer auf: Geht wählen, engagiert euch in der Lokalpolitik und setzt den Stadtrat unter Druck.

Die besorgte Mutter

Weil die NGAN-Gruppe Diskussionsrunden mit Aktivisten, Lokalpolitikern und Juristen organisiert hat, dauert es fast zwei Stunden, bis die Bürger ans Mikrofon können. Wie bei Events in Ferguson im Herbst 2014 bricht es dann aus den Menschen heraus. "Ich habe keine Angst vor den Polizisten in Dallas", sagt ein Mann und nennt andere Orte in der Region: "Aber ich fahre nicht nach Arlington, Garland oder McKinney."

Eine Frau berichtet von Begegnungen mit der Polizei: "Ich habe einen Master-Abschluss, ich rede wie eine weiße Frau, aber ich werde schikaniert, weil ich schwarz bin. Als ich bei einer Verkehrskontrolle protestiert habe, haben mich sechs Cops auf den Boden gedrückt." Dies war nicht in Dallas, sondern in Missouri: "Ich wurde ständig angehalten. Die Polizisten sagten nur: 'Du hast Nummernschilder aus Texas, und aus Texas werden Drogen geschmuggelt.'"

Dass das Facebook-Video aus Minnesota sofort Proteste auslöste, liegt an "The Talk"- ein Ritual in schwarzen Familien, das unter Weißen völlig unbekannt ist. Spätestens wenn ihre Söhne Teenager werden, müssen schwarze Eltern ihnen erklären, dass sie auf andere bedrohlich wirken. Sie sollen stets höflich sein ("Yes, sir"), schnelle Bewegungen vermeiden und sagen, wenn sie zu ihrem Portemonnaie greifen. "Philando Castile hat all das gemacht. Er hat gesagt, dass er eine Waffe hat - ganz legal", ruft eine Frau fassungslos.

Für sie als Lehrerin gehörten diese Warnungen zum Alltag, sagt die zweifache Mutter. Dann fleht sie die Gemeinde an, ihr konkrete Tipps zu geben: "Was soll ich meinen Söhnen sagen? Was sollen sie und meine Schüler machen, wenn sie von der Polizei angehalten werden? Oder wenn sie festgenommen werden?" Die desillusionierte Antwort kommt von einem Vater, dessen Sohn 2015 im nahen Arlington erschossen wurde: "Du kannst nur beten."

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