Süddeutsche Zeitung

Baden-Württemberg:"Selten so ein gutes Phantombild gesehen"

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In Schwäbisch Hall ist ein mutmaßlicher Serienmörder verhaftet worden, der es offenbar auf ältere Menschen abgesehen hatte. Die Polizei erklärt, wie sie auf seine Spur kam.

Von Max Ferstl, Schwäbisch Hall

Das Bild zeigt einen jungen Mann, das Gesicht ist kantig, die dunklen Haare sind kurz geschnitten, kein Bart. Der Mann trägt eine große Sonnenbrille. Er könnte als Tourist durchgehen. Aber das Bild ist kein Urlaubsfoto, sondern ein Fahndungsbild.

Dieser Mann soll im Raum Schwäbisch Hall zwei alte Frauen getötet und einen Mann überfallen haben. Das Opfer, das den Angriff überlebte, hat den Täter anschließend so präzise beschrieben, dass selbst erfahrene Polizisten staunen. "Selten so ein gutes Phantombild gesehen", sagt der Aalener Polizeipräsident Reiner Möller. Und wer weiß, ob sie ohne dieses Bild den Verdächtigen so schnell gefasst hätten.

Am Dienstagvormittag haben die Spezialeinsatzkräfte einen Wohnblock im Schwäbisch Haller Stadtteil Tullauer Höhe durchsucht und einen 31-jährigen Mann festgenommen. Der Verdächtige sitzt jetzt in Untersuchungshaft. Ein Haftbefehl wurde erlassen, er lautet in einem Fall auf Mord, im anderen auf Totschlag.

Am Mittwoch sitzen der Polizeipräsident Möller und der Oberstaatsanwalt Harald Lustig in der Blendstatthalle in Schwäbisch Hall und erklären, wie sie die "Puzzleteile" zusammengesetzt haben, um diese Verbrechensserie aufzuklären.

Los ging es im vergangenen Dezember, als kurz vor Weihnachten eine 77-jährige Frau leblos in ihrer Wohnung gefunden wurde, offensichtlich getötet. Die Wohnung lag ebenfalls in der Tullauer Höhe, also in jenem Stadtteil, wo die Spezialkräfte jetzt den Verdächtigen festnahmen. Bei der Polizei Aalen wurde damals die Soko "Höhe" gegründet.

Die Polizei mahnte ältere Menschen zur Vorsicht

Dann, am Mittwoch vergangener Woche, fand man die nächste tote Seniorin, 89 Jahre alt, in Michelbach an der Bilz. Spätestens da war das Wort vom "Serienmörder" in der Welt, der es auf Senioren abgesehen habe. Die Soko "Höhe" wurde auf 75 Ermittler aufgestockt, die Polizei mahnte ältere Menschen zur Vorsicht. Und weil solche Verbrechen in Schwäbisch Hall sehr selten sind, erinnerten sich die Menschen wieder an eine Tat aus dem Jahr 2020, als ein Unbekannter eine 94 Jahre alte Frau in ihrer Wohnung tötete. Der Tatort: wieder auf der Tullauer Höhe. Die Ermittlungen lieferten damals keine Ergebnisse.

Und jetzt? Glaubt die Polizei, zumindest mal die jüngsten beiden Verbrechen einem Mann zuordnen zu können. Der Tatverdächtige stammt aus Serbien und ist nach eigenen Angaben im vergangenen Dezember mit seiner Frau und seinen beiden Kindern nach Deutschland eingereist sein, als Tourist. Kein Wohnort, keine Adresse.

Laut den Ermittlungen erbeutete er bei seinem ersten Opfer einen niedrigen dreistelligen Geldbetrag. Deshalb sehe man das Mordmerkmal der Habgier erfüllt, sagt Oberstaatsanwalt Lustig. Nach der zweiten Tat fanden die Ermittler unter anderem die mutmaßliche Tatwaffe. Um was für eine Waffe es sich handelt, das wollten sie am Mittwoch nicht sagen. Nur dass sie wohl bei der Identifizierung des Täters geholfen habe. Genau wie die DNA-Spuren, die sie am Tatort fanden. Und das präzise Phantombild, das jener ältere Mann lieferte, der am 17. Januar von dem mutmaßlichen Täter in Ilshofen überfallen wurde. Ob der festgenommene Mann schon vor drei Jahren in Schwäbisch Hall tötete, ist bislang unklar. Man prüfe mögliche Zusammenhänge, heißt es.

Der Verdächtige schweigt bislang

Auffällig ist, dass sämtliche Tatorte nah beieinander liegen. Vom Wohnblock, in dem der Verdächtige festgenommen wurde, zur Wohnung des ersten Opfers im Dezember sind es nur ein paar Hundert Meter. Nach Michelbach an der Bilz, wo das zweite Opfer lebte, sind es zehn Kilometer. Nur nach Ilshofen, wor der Rentner überfallen wurde, braucht man länger, eine halbe Stunde mit dem Auto.

Unklar ist, warum der Mann die Verbrechen begangen haben soll. Warum kommt jemand nach Deutschland, um zu töten? Bislang habe sich der Verdächtige nicht zu den Vorwürfen geäußert, sagt Oberstaatsanwalt Lustig. Den deutschen Behörden sei er nicht bekannt gewesen.

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