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Schule:Warum einige Eltern eine Berliner Schule boykottierten

  • Am Berliner Herder-Gymnasium soll es zu Gewalttaten und einem sexuellen Übergriff gekommen sein.
  • Am vergangenen Freitag sollen 20 Eltern den Unterricht boykottiert und ihre Kinder wieder zu sich mit nach Hause genommen haben.
  • Schule und Elternvertreter stritten über das weitere Vorgehen. Nun wurde eine Lösung gefunden.

Bis vor Kurzem galt das Herder-Gymnasium im Berliner Westend als Vorzeigeschule: Sieg bei "Jugend forscht" im Fachbereich Physik. Gold bei der Schulmeisterschaft im Schach. Doch nun scheint der Ruf des Gymnasiums etwas beschädigt, nachdem vereinzelt Eltern einer fünften Klasse mit schwerwiegenden Vorwürfen an die Öffentlichkeit getreten sind. Es soll zu Gewalttaten und einem sexuellen Übergriff gekommen sein. Die Schule habe das Problem bisher nicht ernst genug genommen, so der Vorwurf. Die Folge: Unterrichtsboykott. Am Freitag sollen 20 Eltern ihre Kinder wieder zu sich mit nach Hause genommen haben.

Konkret geht es um einen Schüler, der offenbar die gesamte Klasse terrorisiert. Er boykottiere den Unterricht und sei gewalttätig, so schildert es zumindest Elternvertreter Eddy Höfler mehreren Berliner Medien. Seinem Sohn soll der Junge mitten im Unterricht ins Gesicht geschlagen haben. Höfler erstattete nach eigenen Angaben Anzeige. Und es blieb offenbar nicht bei dem einen Übergriff. Dem Elternvertreter seien sechs weitere Fälle bekannt, bei denen Kinder blutig geschlagen wurden, erklärte er. Der betroffene Junge soll außerdem einer Mitschülerin zwischen die Beine gefasst und gedroht haben, dass er das bald noch einmal mache, wenn niemand zusehe. Schüler, die den Vorfall beobachteten, wandten sich offenbar an die Schulaufsicht, die jedoch, so der Vorwurf, informierte ihrerseits nicht die Eltern.

An dem Vorgehen, sich schließlich an die Presse zu wenden - vor allem der Tagesspiegel berichtete - gibt es aber auch Kritik. Die Gesamtelternvertretung (GEV) geht auf Distanz: Alles beruhe auf der Schilderung einer einzigen Quelle, erklären Julia Waetzmann und Anja Schienkiewitz für den GEV-Vorstand des Herder-Gymnasiums auf Anfrage. "Wir bedauern zutiefst, dass aufgrund einer einzigen populistischen Ausnahme innerhalb unserer Elternschaft für unsere Schule ein solch schwerer Schaden entstanden ist." Es lägen "sehr widersprüchliche Aussagen vor". Zwar habe es in der Klasse immer wieder Vorfälle gegeben, doch "wurde hier über den Elternverteiler der Klasse von Anfang an gegen einen Schüler gehetzt und die Elternschaft wurde instrumentalisiert".

Es handele sich nur um sehr vereinzelte Eltern, die die Meinung des Elternvertreters teilten, die anderen seien verunsichert, und wollten auch nicht, dass "besagter Schüler" die Klasse verlasse. Die Eltern wollten lediglich einen gewalt- und konfliktfreien Schulalltag für ihre Kinder. Nur aus diesem Grund hätten sie sich dem Unterrichtsboykott am Freitag angeschlossen, so sehen es Julia Waetzmann und Anja Schienkiewitz.

Die Schule hofft auf Besserung

Bei der Senatsverwaltung für Bildung sind die Probleme jedenfalls offenbar bereits seit Herbst bekannt. Eine Sprecherin erklärte, die Schule versuche, auch mit Hilfe von Psychologen und Gewaltprävention in der Angelegenheit gegenzusteuern. Alle denkbaren Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen würden ausgeschöpft.

Die Schule selbst hat ein Schreiben an die Eltern verfasst. Darin heißt es: "Selbstverständlich werden alle Gewaltvorfälle, die den Lehrkräften bekannt werden, am Herder-Gymnasium schulischerseits aufgearbeitet." Die Schulaufsicht biete ein baldiges Gespräch an. Man hoffe, dass ein erfolgreicher Schulbesuch so wieder möglich werde. Und tatsächlich kehrte am Dienstag wieder Ruhe ein. Die Eltern hätten ausreichend Gelegenheit bekommen, ihre Sorgen gegenüber der Schulaufsichtsbehörde zu schildern. Anschließend habe sich eine zufriedenstellende Lösung gefunden, sagte der Elternvertreter Eddy Höfler. Die Kinder gehen wieder in die Schule.

© SZ vom 20.06.2017/mkoh

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