Süddeutsche Zeitung

Schule und Corona:Ein Rohr, ein Ventilator, ein Regenschirm

Viel mehr braucht es nicht, um mithilfe einer Anleitung des Max-Planck-Instituts Aerosole aus den Klassenzimmern zu filtern. Schulleiterin Karin Mades hat die selbstgebaute Frischluftanlage in ihrer Grundschule ausprobiert.

Interview von Max Sprick

Ein breiter Schirm, ein Rohr, noch ein Rohr, ein Ventilator und ein Fenster - mehr braucht es nicht, um 90 Prozent der potenziell ansteckenden Aerosole aus der Raumluft in Klassenzimmern zu entfernen, sagt das Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz. Die Wissenschaftler haben die Do-it-yourself-Klassenzimmer-Belüftung erfunden. Die Materialien dazu gibt es im Baumarkt, die Bauanleitung auf der Homepage des MPI. Zwei Mainzer Pilotschulen haben die Abluftanlage schon installiert. Grundschulleiterin Karin Mades von der Brunnenschule im Mainzer Vorort Marienborn war sofort begeistert.

SZ: Frau Mades, Ihre zweizügige Grundschule mit 165 Kindern könnte zum weltweiten Vorbild werden - wie kam es dazu?

Karin Mades: Wir haben das große Glück, dass die Eltern eines dieser Kinder beim MPI forschen. Seine Mutter war lange Schulelternsprecherin und hat die Abluftidee früh hier eingebracht. Da haben wir gleich gesagt: Wir machen gerne mit. Alles, was hilft, das Virus einzudämmen, kann nur gut sein.

Und schon ging's in den Baumarkt.

Das mit dem Baumarkt ist nur die halbe Wahrheit. Dort gibt es natürlich einige Teile, man braucht aber für die Rohre Verpackungsmaterial. Das bekommt man nicht am Meter im Baumarkt. Aber Frank Helleis, der kreative MPI-Forscher, hat das im Internet bestellt.

Aber die Bauanleitung ist schon die ganze Wahrheit?

Wir haben auf jeden Fall nach ihr gebaut, gewerkelt und gebastelt! Zwei komplette Wochenenden mit Eltern und Kollegen. Seitdem haben wir alle elf Klassenräume inklusive Mensa und Betreuungsräumen bestückt, sind nahezu fertig. Ein Elektriker legt nun noch eine Zuleitung für die Elektrik.

War die Installation auch wirklich so einfach?

Da fragen Sie die Richtige. Wir hatten ja die Profis vom MPI dabei. Wer nur etwas handwerkliches Geschick mitbringt, kann die Rohre problemlos bauen. Die Vermessung des Raumes ist schwieriger, aber die muss natürlich stimmen. Und klar ist: Das geht nur mit viel Unterstützung. Sehr wertvoll könnten neben der Anleitung auch Video-Tutorials zum Bauen werden, die gerade noch produziert werden.

Beim MPI heißt es außerdem, die Bastel-Lüftung reduziere auch die CO₂ -Anreicherung im Klassenzimmer, Schüler könnten sich nun besser auf den Unterricht konzentrieren.

Um das zu beurteilen, ist es noch zu früh. Da muss man Werte messen und analysieren. Ich kann aber schon sagen, dass die Kinder begeistert sind von der Anlage. Sie finden die ganz futuristisch, vergleichen sie mit landenden Ufos. Sie arbeiten jetzt konzentrierter, während sie zu zweit unter einem Schirm sitzen.

Weshalb?

Weil sie nicht alle 20 Minuten abgelenkt werden, von der Pflicht zum Lüften. Seit kurz vor den Herbstferien mussten wir ja penibel alle Fenster öffnen und dafür immer wieder den Unterricht unterbrechen.

Dank der MPI-Lüftung dürfen die Fenster geschlossen bleiben?

Oh, nein, so war das nicht gemeint. Wir sind nicht weg vom Stoßlüften! Es reicht nun aber, wenn wir das nach jeder beendeten Schulstunde erledigen.

Sind Ihre Schüler mit der Lüftung von der Maskenpflicht befreit?

Noch müssen Grundschüler in Rheinland-Pfalz im Unterricht keine Masken tragen. Ich hoffe, dass das so bleibt. Ich merke schon, dass die Konzentration nachlässt, wenn die Kinder zwei, drei Stunden Masken tragen müssen. Grundsätzlich glaube ich aber, die Kinder stecken das Maskentragen leichter weg, als wir denken. Sie toben draußen auch mit Masken, einfach, weil sie wissen, das gehört jetzt zum Alltag.

Nach Ihren Erfahrungen als Pilotschule - eignet sich die MPI-Lüftung auch für den massenhaften Einsatz?

Also, hier erkundigen sich immer mehr Schulen und Schulträger, die die Lüftungen nachbauen wollen. Beim MPI haben sich schon Vertreter der EU und sogar aus Indien gemeldet. Ich denke auch, dass sich die Lüftung nicht nur für Klassenzimmer eignet. Sie kann ja ohne Rückstände irgendwann wieder abgebaut werden, man merkt später nichts mehr davon. Vielleicht wäre sie auch eine Möglichkeit für Arztpraxen oder sogar Restaurants, damit die Gastronomie wieder öffnen kann. Ich gehe auf jeden Fall nur noch mit offenen Augen durch die Welt und überlege, wo man die Abluftanlage sonst noch installieren könnte.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5118309
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/lot
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.