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Schulanfang:Warum Schulheftekaufen einen um den Verstand bringt

Schule an der Wiesentfelserstrasse in München, 2012

Der meist gefürchtete Termin im Elternjahr: Der Einkauf vor dem ersten Schultag.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Das deutsche Schulheftewesen ist ein enger Verwandter des deutschen Steuersystems: maximal ausdifferenziert. Ein Hilferuf aus dem Schreibwarenladen.

Dieses Jahr neu auf der Einkaufsliste des Grauens: Heftumschläge aus Papier. In elf Farben, Rot, Orange, Rosa, Gelb, Weiß, Dunkelblau, Hellblau, Lila, Hellgrün, Dunkelgrün, Grau. Also im Zickzacklauf durch die mütterverstopften Gänge eines Münchner Drogeriemarkts mit für gewöhnlich gut sortierter Schreibwarenabteilung. Das Auge erblickt Plastikeinbände, stapelweise, in mehr Farben, als der Regenbogen Streifen hat. Aber Papier?

Nicht zu finden, auch nach dem dritten Zickzacklauf nicht. "Ouaaah", sagt der Verkäufer, er kennt die Frage nach der Ökovariante schon - und fürchtet sie. Der Zentraleinkauf hat das neue Gefühl "Plastikscham" leider nicht mitgekriegt. Im Lager gibt es ein paar ökologische Restexemplare, aber nur in fünf Farben. Geht ja gut los.

Lineatur 25: DIN A4 liniert mit Rand.

(Foto: oh)

Der Einkauf vor dem ersten Schultag gehört zu den meistgefürchteten Terminen im Elternjahr, lieber zehnmal ein mumifiziertes Pausenbrot aus dem Ranzen fischen als sich einmal mit der Materialliste durch das Sortiment quälen - verloren zwischen Borstenpinseln, Parabelschablonen und Ölpastellkreiden. Erstklässler-Eltern geben beim Schuljahresanfangseinkauf im Schnitt 47 Euro für Schreibwaren aus, hat der Handelsverband Deutschland ermittelt.

Die Liste für die dritte Klasse einer Münchner Umlandgrundschule umfasst 58 Posten, 41 sind es in der sechsten Klasse Gymnasium, plus acht Buchumschläge. Bleiben, abzüglich der Dinge, die noch vom letzten Schuljahr übrig sind: 88 Sachen. Was bitte ist ein Kieserblock? Hilft der gegen Rückenschmerzen? Und auf welchem Stapel findet sich jetzt das Vokabelheft mit drei Spalten?

Lineatur 26: DIN A4 kariert mit Rand.

(Foto: oh)

Das deutsche Schulheftewesen ist ein enger Verwandter des deutschen Steuersystems: maximal ausdifferenziert. Maximal kompliziert. Für die Vorlieben eines jeden Lehrertypus, vom Rotstift-Romanschreiber bis zur Fleißbildchen-Stemplerin, gibt es eine eigene Lineatur, wobei der Begriff "Lineatur" nicht nur linierte, sondern auch karierte, rautierte und Hefte mit leeren Blättern umfasst, nicht zu vergessen Vokabel-, Noten- oder neumodische Dinge wie Geschichten-, Forscher- oder Sachrechenhefte. Mit 16 oder 32 Blatt, ohne Rand, mit Rand, mit extrabreitem Rand, angedeutetem Rand, Doppelrand. Am Rand der Verzweiflung stehen die Eltern im Laden vor dem Heftestapel und suchen. Und suchen.

43 verschiedene Lineaturen umfasst die DIN Norm 16552-1. Sie wurde im Mai 2005 eingeführt, um Ordnung in den Heftewirrwarr zu bringen. Seither hat jede Lineatur eine vorgeschriebene Nummer. Würde der Lehrer oder die Lehrerin also statt "Heft kariert mit Doppelrand, vierfach gelocht und perforiert" einfach die Zahl 38 auf die Einkaufsliste schreiben, sollte das richtige Heft ganz leicht zu finden sein. So weit die Theorie.

Die Praxis: Nummer 26 zum Beispiel bezeichnet die bewährte 08/15-Lineatur kariert mit Rand, mit normal großen Kästchen, fünf mal fünf Millimeter. DIN A4. In DIN A5 trägt dieselbe Lineatur die Nummer 10. Auch das ist eine deutsche Tugend: Verwirrung zu beseitigen, indem man neue Verwirrung stiftet.

Lineatur 39: rautiert, Randlinie innen und außen, Perforation, Vierfachlochung.

(Foto: oh)

Die Franzosen übrigens kommen mit einer einzigen Lineatur durchs Schulleben.

Am Ende des Einkaufs für zwei Schulkinder: 5,9 Kilo Hefte, Ordner und Blöcke, macht 117 Euro und elf Cent. Ein Sauerstoffzelt wäre jetzt nicht schlecht.

Ach nein, die Heftumschläge aus Papier! Im Mail-Postfach sind derweil ein paar Nachrichten eingetrudelt, Betreff: "Schulhefte" und "Re: Schulhefte" und "WG: Re: Schulhefte". Habt ihr die Umschläge bekommen? Leider nicht alle Farben. Uns fehlt noch Rosa. Schaut doch mal beim Schreibwaren-Fritze in Soundso, da gab es vorhin noch Hellblau und Lila. Also ab ins Auto, weitere Läden abklappern. Heftumschläge aus Papier - super Ökobilanz.

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