Es gibt Erstklässlerinnen und Erstklässler, die gleich an den ersten Schultagen in der Früh allein losziehen wollen, weil sie ja jetzt groß sind. Andere wiederum möchten noch nach Wochen an Mamas oder Papas Hand am liebsten bis ins Klassenzimmer geführt werden. Wie können Eltern das richtige Maß für die Selbständigkeit ihrer Kinder finden?
SZ: Ab welchem Alter können Eltern ihren Kindern zutrauen, den Schulweg allein zu bewältigen?
Sonja Rapp: Im Prinzip gleich von Beginn der ersten Klasse an. Aber es kommt natürlich darauf an, was für ein Weg das ist, wie lange er ist und welche Gefahrenquellen es gibt. Und man muss einschätzen, wie verantwortungsbewusst das Kind ist. Welche Gefahren kann es schon selbst einschätzen und welche nicht? Das ist in dem Alter sehr unterschiedlich.
SZ: Was muss ein Kind denn genau können, um den Schulweg ohne Begleitung zu schaffen?
Kinder in der ersten Klasse müssen erst lernen, sich im Verkehr zurechtzufinden. Am wichtigsten ist, dass die Eltern sie gut auf den Schulweg vorbereiten. Die Verkehrsregeln müssen ganz klar sein. Außerdem muss ein Kind wissen, wie es sich verhält, wenn andere Menschen unterwegs sind und wenn andere Menschen es ansprechen. All die Dinge, die dazugehören, wenn man alleine unterwegs ist. Je sicherer Kinder sind und je genauer sie wissen, was zu tun ist, desto einfacher läuft es.
Woran erkennt man, dass das Kind so weit ist?
Grundsätzlich schaffen Kinder das, es gehört zur Entwicklung dazu. Sie sind neugierig und haben noch einen ausgeprägten Bewegungsdrang. Und dann muss man ausprobieren, wie weit sie im Detail schon sind. Es ist wirklich Übungssache. Mit Kindern, die sich schwertun, müssen Eltern einfach mehr üben. Man muss mit kürzeren Wegen anfangen und immer wieder nachfragen, ob etwas unangenehm war.
Was sind typische Ängste, die Kinder haben?
Alles, was neu ist und worin wir keine Routine haben, macht uns erst mal unsicher. Immer wenn wir neue Situationen erleben, müssen wir Vertrauen, Mut und Selbstbewusstsein schöpfen, um das gut hinzukriegen. Es gibt aber auch Situationen, die nicht einfach nur neu, sondern wirklich angsteinflößend sind. Wenn da zum Beispiel ein Mann ist, der mich anspricht, ist es gesund, Angst zu haben und wegzurennen. Oder wenn da ein dunkler Weg ist oder andere mich ärgern, dann ist es okay zu sagen: Ich finde es doof, und ich habe Angst, und das will ich nicht mehr.
Was können sie tun, damit das Kind sich richtig verhält, wenn es von Fremden angesprochen wird?
Das ist etwas, das man mit dem Kind ganz konkret besprechen muss. Es ist eine Art von sozialer Kompetenz, dass es weiß, wer seine Freunde sind und mit wem es mitgehen darf. Und dass es weiß, wie es sich verhalten soll, wenn es von einem Fremden angesprochen wird. Es reicht nicht zu sagen, es solle einfach nicht reagieren. Kinder brauchen Handlungsanweisungen.

Wie gehen Eltern am besten mit den Ängsten der Kinder um?
Das Wichtigste bei Ängsten ist, dass man sich davon nicht ins Bockshorn jagen lässt. Man muss unterscheiden, ob die Angst real ist oder ob das Kind eine Situation falsch oder überbewertet. Wenn das Kind eine reale Angst hat, dann muss man auch eine reale Lösung finden. Wenn es aber Angst hat, weil es eine Situation falsch einschätzt, dann geht es darum, zu vermitteln, dass die Angst eigentlich gar keinen Platz hat. Zu sagen: Wir sind jetzt stärker als die Angst und finden Lösungen, damit wir darüber hinwegkommen.
Nicht nur für die Kinder ist es eine neue Situation, sondern auch für die Eltern, die ein Stück ihrer Kontrolle abgeben, wenn sie ihr Kind alleine ziehen lassen. Wie sollte man als Elternteil mit den eigenen Ängsten umgehen?
Die Eltern sollen ein Vorbild für die Kinder sein. Das heißt, sie müssen an ihren Ängsten in irgendeiner Form arbeiten. Was im Einzelfall hilft, ist individuell. Oft tut es zum Beispiel gut, sich morgens mit jemandem zu treffen, der einen beruhigt. Das kann eine Oma sein oder eine zweite Mama, mit der man sich gegenseitig unterstützt. Es geht darum, die Relation zu setzen: Wie wahrscheinlich ist es denn, dass mein Kind von einem Fremden angesprochen und entführt wird? Im Verhältnis zu den Verkehrsunfällen, die passieren, während die Kinder bei uns Eltern im Auto sitzen, spielt das kaum eine Rolle.Wenn Eltern merken, dass ihre Ängste zu groß sind, sollten sie sich nicht scheuen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die bundesweiten Erziehungs- und Jugendberatungsstellen sind hierfür eine mögliche Anlaufstelle.
Was macht das mit den Kindern, wenn die Eltern zu viele Ängste haben?
Die Kinder merken das. Dann ist die Gefahr groß, dass sie nicht in die Schule gehen wollen, weil sie auf die Mama oder den Papa aufpassen müssen. Viele Kinder haben mit dem Beginn der Schulzeit Lust, ein bisschen mehr die Welt allein zu entdecken und Dinge unabhängig von den Eltern zu machen. Die sollen dann auch loslassen und nicht überall dabei sein.
Was können Kinder auf dem Schulweg lernen – abgesehen von Verkehrsregeln?
Es ist eine neue Form der Autonomie, nachdem sie im Kindergarten noch sehr behütet waren. Für viele Kinder ist das die erste Situation, in der sie selbständig sein dürfen. Es ist ein Riesenerfolg, auf den sie ganz stolz sind. Da entwickeln sich Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit. Und man kann mit den anderen Kindern auch mal ein bisschen Quatsch machen oder einen Klingelstreich. Das sind Dinge, die das Leben bunt und spaßig machen. Auch die Interaktion untereinander ist wichtig. Oft laufen sie zusammen in Gruppen, und dabei müssen sie sozial auch mal was auskämpfen. Einer will stehen bleiben, einer will weiterlaufen. Das muss man klären, und kein Erwachsener mischt sich ein. Und schlussendlich übernehmen die Kinder auch Verantwortung für sich selbst, dafür, dass sie pünktlich in die Schule kommen – und die Konsequenzen tragen, wenn sie es nicht schaffen. Kinder lernen so den Umgang mit Fehlern, Frust und Scheitern.
Was verpassen Kinder im Elterntaxi?
Es kann langfristig hinderlich sein für die Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins und Selbstwertgefühls. Sie kommen passiv in der Schule an und nicht aufgeweckt und fröhlich wie die Kinder, die gelaufen sind und schon was erlebt haben. Außerdem sind die vielen Autos mit gestressten Eltern vor der Schule die größte Gefahrenquelle auf dem gesamten Schulweg.

