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Schützenverein:"Möchtest du 'ne Kleinkaliber haben?"

Schießanlage in München, 2015

In einem Schützenverein in Hameln soll ein Mann das deutsche Waffengesetzt umgangen haben.

(Foto: Robert Haas)

In einem Schützenverein in Hameln soll ein Funktionär jahrelang anderen zu Waffen verholfen haben - auch Vorbestraften. Die Behörden merkten nichts.

Über Enzos Geschäfte mit den Waffen wussten die Nachbarn in Basberg nichts. Oder sie wussten davon und hielten dicht. Oder sie wollten nichts davon wissen, weil sie Enzo mochten.

Enzos lautes Organ gehörte zum Klang des Viertels. Sein gebräuntes Sonnyboy-Gesicht, seine schwere Halskette, sein ganzes italienisches Temperament machten ihn zu einer schillernden Figur dieses nicht sehr schillernden Stadtteils von Hameln. Enzo betrieb lange eine Pizzeria, liebte Sportwagen und boxte noch im hohen Alter für wohltätige Zwecke. Seine Hilfsbereitschaft war phänomenal. Seine Freunde sorgten sich, weil er nach dem Tod seiner Frau zu viel trank. Aber sie glaubten an sein gutes Herz. Dass Enzo als Ehrenpräsident und Kassenwart des Schützenvereins SSV Hameln 2000 leichtfüßig eine deutsche Institution umdribbeln könnte, nämlich das eherne Waffengesetz des Bundes - davon hatten sie keine Vorstellung.

Aber so sieht es aus.

Vincenzo B. alias Enzo, geboren vor bald 60 Jahren in Squinzano, Apulien, sitzt mit anderen Funktionären des mittlerweile aufgelösten SSV Hameln 2000 auf der Anklagebank vor dem Landgericht Hannover. Seit Mai 2016 befindet sich Enzo in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft legt ihm Bestechlichkeit als Amtsträger in 53 Fällen zwischen 2013 und 2016 zur Last. Er soll Mitgliedern für bis zu 1560 Euro Dokumente für eine Waffenbesitzkarte beschafft haben. Und auch wenn Schießsport-Freunde dieses Verfahren als Einzelfall sehen wollen - beruhigend wirkt es nicht.

Bei Vorbestraften beschafft er Bedürfnis-Nachweise für die Ehefrau

Die Sorge, dass Waffen in falsche Hände geraten, hat den deutschen Gesetzgeber derart umgetrieben, dass er den Schützen eines der weltweit engsten Reglements auferlegt hat. Und nun besteht der gut begründete Verdacht, dass ein Hallodri aus Hameln dieses stolze Massiv jahrelang unbemerkt unterwandert hat.

Die Beweisaufnahme vor dem Landgericht läuft seit Januar, ein Urteil ist Ende Juni zu erwarten. Voreilige Schlüsse sind also verboten. Allerdings hat die Polizei mit allen Schikanen ermittelt gegen den Verein und gegen Enzo, dessen wichtigsten Strippenzieher. Die Prozessakten erzählen viel. Zum Beispiel die Protokolle der Telefonüberwachung, die NDR und Süddeutsche Zeitung einsehen konnten. Dazu gibt es schriftliche Berichte des verdeckten Ermittlers, der im Frühjahr 2016 unter dem Decknamen Radu Schuster beim SSV Hameln 2000 Mitglied wurde.

Auch im Verfahren hat der Ermittler schon ausgesagt und den Verdacht erhärtet, dass Enzo ein praktisches Komplettpaket für Leute anbot, die entweder wegen Vorstrafen keine Waffe mehr besitzen durften oder schneller eine wollten, als es die Vorschriften erlauben. Der Ermittler sprach mit verfremdeter Stimme, via Live-Schalte von einem geheimen Ort aus und verborgen hinter einer Milchglasscheibe, was seinem Auftritt eine leicht gruselige Atmosphäre verlieh. Aber er erzählte anschaulich, wie der SSV vordatierte Eintrittserklärungen ausstellte, Bedürfnis-Nachweise erfand - unter anderem für Ehefrauen, die mit Waffen nichts am Hut hatten, damit die vorbestraften Gatten eine haben konnten. Und wie die Klub-Funktionäre Sachkundeprüfungen inszenierten.

Für die Umsetzung von Sachkundenachweisen sind die Verbände zuständig

Das deutsche Waffengesetz ist umstritten. Sportschützen, Jäger oder Waffensammler fühlen sich bei allem Verständnis für Sicherheitsfragen gegängelt und überreguliert. "Sobald Sie eine Waffe haben, gehören Sie zum am besten bewachten Teil der Bevölkerung", sagt der Waffenrechtsexperte André Busche. Transport, Aufbewahrung, Art des Schießens unterliegen detailreichen Auflagen, welche die örtlichen Waffenbehörden kontrollieren. Um eine Waffe haben zu dürfen, muss man über 18 sein, darf nie mit dem Waffenrecht in Konflikt gekommen sein und muss gesundheitlich wie charakterlich in der Lage sein, mit einer Waffe umzugehen.

Außerdem ist ein Sachkunde-Nachweis Pflicht, den man nach Lehrgängen sowie praktischer und theoretischer Prüfung erwerben kann. Und es muss ein berechtigtes Bedürfnis vorliegen, also etwa eine bestimmte Anzahl an Schießleistungen, die zeigen, dass jemand Sportschütze ist.

Der Gesetzgeber hat den Verbänden die Umsetzung von Sachkunde- und Bedürfnisnachweisen überlassen, innerhalb der Verbände sind die Vereine dafür zuständig. Und hier sah Enzo offenbar seine Chance.