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Schneesturm:Snowzilla legt Amerikas Ostküste lahm

Winter storm in New York City

Menschen auf der Brooklyn Bridge in New York City.

(Foto: dpa)
  • Mindestens 85 Millionen Menschen an der US-Ostküste sind vom Blizzard "Snowzilla" betroffen. In den Großstädten New York und Baltimore ist Autofahren verboten.
  • Elf Bundesstaaten sowie die US-Hauptstadt Washington DC haben den Notstand ausgerufen.
  • In New Jersey wächst die Sorge vor Flutwellen - es ist die gleiche Region, die 2012 vom Sturm "Sandy" getroffen wurde.

Von Matthias Kolb, Washington, und Hakan Tanriverdi, New York

Auf den Straßen in New York könnte genauso gut die Zombie-Apokalypse herrschen. Es ist 17 Uhr, aber auf der Atlantic Avenue in Brooklyn ist es leise. Absolute Stille, absoluter Ausnahmezustand. Normalerweise wird hier im Sekundentakt gehupt, Fußgänger schauen lieber doppelt nach links und rechts, um sicherzustellen, dass sie nicht überfahren werden.

Doch nun: So viel Leere, dass kleinere Menschengruppen die Hauptstraße entlang wanken können. Dass sie nicht untot sind, sieht man an kleinen Details: Während zwischen Hauptstraße und Bürgersteig Schnee teilweise einen Meter in die Höhe ragte und den Weg versperrte, haben Menschen den Weg zum Spirituosenladen einfach plattgestampft.

Der Blizzard, den viele US-Medien "Snowzilla" getauft haben, hat New York voll erwischt, auch wenn die befürchteten Stromausfälle ausblieben. Er ist der drittstärkste Sturm, der jemals in der Stadt registriert wurde. Im Central Park wurden 64 Zentimeter Neuschnee gemessen. Die sozialen Netzwerke Twitter, Facebook und Instagram sind voll mit Bildern und Videos von besonderen Schnee-Aktivitäten oder von besonderen Kostümen.

Angst vor Flut in New Jersey

Doch mit dem Schnee ist nicht zu spaßen: Allein in New York sind Berichten zufolge drei Menschen durch die Anstrengung während des Schneeschippens gestorben. Damit steigt die Zahl der Todesopfer auf mindestens 18: Tote werden aus North Carolina, Virginia, Kentucky und Maryland gemeldet. Elf Bundesstaaten haben den Notstand ausgerufen. An der Küste New Jerseys fürchtet man Flutwellen - dies erscheint auch im Bundesstaat New York möglich.

Die Stadt New York steht völlig still, genauso wie der größte Teil des Nordostens der USA. Mindestens 85 Millionen Menschen sind betroffen und ungefähr 10 000 Flüge wurden gestrichen. In New York sind mehr als 2500 Räumfahrzeuge auf den Straßen unterwegs, vier Tunnel wurden geschlossen. Pünktlich zur Mittagszeit wurde erst der öffentliche Busverkehr eingestellt und ein paar Stunden später wurden die Straßen für reguläre Fahrzeuge komplett geschlossen (zur gleichen Maßnahme entschied sich Baltimore). Züge, die oberirdisch fahren, haben den Betrieb eingestellt.

In der US-Hauptstadt Washington fährt die Metro, die immerhin nach der New Yorker Subway die zweitmeisten Menschen befördert, das ganze Wochenende lang nicht. Bürgermeisterin Muriel Bowser hatte am Freitag die Menschen gebeten, ihre Häuser nicht zu verlassen: "Es geht um Leben oder Tod." Doch dies hielt an den Abenden weder Nachtschwärmer noch Fahrer des Taxidienstes Uber davon ab, sich auf die Straßen zu wagen.

Ein Pandabär als Internet-Sensation

Während des Samstags zeigte sich eine Gruppe positiv unbeeindruckt: Kinder. Nachdem es in Washington und New York während der Weihnachtstage so warm war, dass man im T-Shirt unterwegs sein konnte, gibt es nun jede Menge Schnee. Also wurden Schneemänner gebaut, gelacht und Kindergesichter eingeseift. Eltern und Kinder zogen ihre Schlitten den kleinen Berg vor dem US-Kapitol hoch und sausten vor dem Parlament wieder hinunter. Und ein Video von Pandabär Tian Tian aus dem Washingtoner Zoo wurde im Internet zum Hit.

Während die meisten nach dem Schneeschippen schnell wieder in ihre Häuser und Wohnungen zurückkehrten, ließen sich manche Washingtoner ihr Grill-Vergnügen nicht vom Unwetter verderben.

In Washington schneit es seit eineinhalb Tagen ununterbrochen und so richten sich die Behörden dort und in den angrenzenden Bundesstaaten auf einen anstrengenden Sonntag ein: Weil Sonnenschein und leichte Plus-Grade vorhergesagt werden, könnte Schnee schmelzen - und dann am frühen Abend zu Eis gefrieren.

Es wird Tage dauern, die Schneemassen zu beseitigen, die vom starkem Wind wieder auf bereits geräumte Straßen geweht werden. "Bitte verlassen Sie Ihre Häuser nicht und fahren Sie am Sonntag und am Montag nicht mit dem Auto", verkündete Virginias Gouverneur Terry McAuliffe in einer Pressekonferenz. Auch Washingtons Bürgermeisterin Bowser wiederholte ihre Bitte: "Es sind zu viele Menschen auf den Straßen, sowohl zu Fuß als auch in Autos. Bitte bleiben Sie zu Hause."

Broadway-Veranstaltungen abgesagt

Auch das kulturelle Leben - abgesehen vom massenhaften Konsum von Netflix-Serien - brach vielerorts zusammen. Das New Yorker Broadway-Stück "Hamilton" ist so gefragt, dass die Karten bereits bis Dezember 2016 vergriffen sind. Daher sollte das Musical um jeden Preis stattfinden. Menschen, die ihre Tickets stornieren wollten, durften das aufgrund der Wetterlage - den Berichten zufolge sollen sich 50 Leute in der Kälte angestellt haben, um die freiwerdenden Plätze zu ergattern.

Doch nach all den Warnungen wurden sämtliche Aufführungen am Broadway abgesagt (ein Timelapse-Video, wie der Times Square eingeschneit wird, sehen Sie hier bei der New York Times). Rockmusiker Bruce Springsteen sagte ein für Sonntag geplantes Konzert im Madison Square Garden ab.

© SZ.de/harl

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