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Schneemassen in den Alpen:"Versuchen, durch Schwimmbewegungen an der Oberfläche zu bleiben"

Lawinengefahr in Tirol

Lawinengefahr herrscht in weiten Teilen des Alpenraums und anderen beliebten Wintersportgebiete.

(Foto: picture alliance / Zeitungsfoto.)

Sollte man sich zurzeit überhaupt in den Alpen aufhalten? Und wie verhält man sich, wenn wirklich eine Lawine abgeht? Ein Gespräch mit Roland Ampenberger von der Bergwacht Bayern.

"Schneehölle": Solche Begriffe sind gerade zu hören, wenn es um die deutschen und österreichischen Alpen geht. In den vergangenen Tagen ist dort so viel Schnee gefallen, dass er sich mitunter in eine Bedrohung verwandelt hat. Was bedeutet das für Wintersportler? Ein Interview mit Roland Ampenberger von der Bergwacht Bayern.

SZ: Herr Ampenberger, dass viel Schnee fällt, kommt im Winter in den Alpen immer wieder mal vor. Was macht die momentane Situation so bedrohlich?

Roland Ampenberger: Derzeit gilt Gefahrenstufe drei, teilweise auch vier in Bayern. Das heißt, dass eine Lawine schon bei geringer Zusatzbelastung vor allem in Steilhängen abgehen kann. Und es kann auch zu spontanen Lawinenabgängen kommen. Damit sind die Möglichkeiten, sich im freien, alpinen Gelände zu bewegen, eingeschränkt. Bei solchen Bedingungen muss man viel Wissen darüber haben, wie Lawinen entstehen. Besser wäre es, sich eher nicht außerhalb des gesicherten Bereichs zu bewegen.

Nicht einmal erfahrene Tourengeher oder Freerider?

Nein, denn Wissen schützt nicht in jedem Fall. Es kam ja auch zu Gefährdungen, die man gar nicht auf dem Schirm hatte. Am Blomberg wurde ein Mann beim Skitourengehen von herabstürzenden Ästen erschlagen: Die Baumkrone konnte den Schneemassen nicht mehr standhalten. Gleiches gilt für tiefe Mulden. Wenn die mit Schnee voll sind, können sie zu Fallen werden. Wenn man da in den tiefen, pappschweren Schnee hineinfällt, kommt man nicht mehr alleine heraus.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Wie sollten sich Wintersportler auf diese Bedingungen einstellen?

Maßgeblich dafür ist der Blick aus dem Fenster und in den Lawinenlagebericht. Der wird täglich zweimal um 8 Uhr und 17.30 Uhr vom Bayerischen Lawinenwarndienst herausgegeben. Der Bericht bezieht sich auf den gesamten bayerischen Alpenraum und gilt spezifisch für sechs Gebiete.

Und was darf man zurzeit überhaupt in den Bergen machen?

Pistentouren sind eine gute Alternative. Auch Skifahren macht auf der Piste bei so viel Neuschnee Spaß. Wer es trotzdem unbedingt abseits probieren will, sollte ein paar Dinge beachten. Steile Hänge sollte man meiden, dazu gehört auch, den Einzugsbereich von Lawinen, also das Gebiet, in das sich Lawinen ausbreiten können, weiträumig zu umfahren. Da aber auch die Sicht bei dauerhaftem Schneefall stark eingeschränkt ist, lässt sich die Steilheit von Hängen gar nicht mehr beurteilen. Man weiß nicht mehr, wo der Hang anfängt und wo er aufhört. Da verliert man die Orientierung und löst schlussendlich eine Lawine aus.

Welche Rolle spielt die Sicherheitsausrüstung?

Die muss unbedingt mitgenommen werden. Dazu gehört ein Lawinenverschütteten-Suchgerät mit ausreichend Batterie, eine Schaufel und Sonde. Zu Beginn jeder Saison sollte man zum Beispiel beim DAV einen Lawinenkurs machen. Falls vorhanden, kann auch der Lawinen-Rucksack mit Airbag gute Dienste erweisen.

Aber werden Menschen nicht risikofreudiger, wenn sie den Rucksack tragen?

Am meisten kann man tun, wenn man sich nicht außerhalb des gesicherten Raumes bewegt und sich nicht von der Sicherheitsausrüstung verleiten lässt. Klar, und der Lawinenairbag ist keine Garantie dafür, nicht verschüttet zu werden. Gleiches gilt für die Sicherheitsausrüstung. Sie garantiert nicht, dass man überlebt. Das ist wie der Gurt beim Autofahren. Der Gurt wird nicht per se den Unfall vermeiden, sondern kann maximal die Auswirkungen des Unfalls abmildern.

Wie sollte man sich vor einer Tour vorbereiten?

Wichtig ist es, Vorsichtsmaßnahmen vorher zu ergreifen. Man sollte ein Handy und die Sicherheitsausrüstung dabeihaben. Besser ist es auch, in Gruppen unterwegs zu sein, weil sich so besser Hilfe organisieren lässt. Das Lawinensuchgerät sollte schon vor Start der Tour eingeschaltet und ein Gruppencheck durchgeführt werden.

Und was tut man, wenn man doch in eine Lawine gerät?

Man sollte versuchen, aus der Lawinenbahn herauszufahren. Wenn das nicht mehr möglich ist: von den Stecken und von den Ski befreien und versuchen, durch Schwimmbewegungen an der Oberfläche zu bleiben. Sobald die Lawine zum Stehen kommt, die Hände und Arme vor das Gesicht halten, um eine Atemhöhle zu bilden. Die im besten Fall unverschüttete Begleitperson sollte die Nummer 112 wählen. Den Einsatzkräften sollte man mitteilen, wo man sich ungefähr befindet, wo man losgegangen ist und wo man hinwollte. Das hilft bei der Lokalisierung. Auch sollte man das Telefon nicht durch andere Anrufe blockieren, damit man erreichbar bleibt. Vorrangig ist auch die Suche nach dem Verschütteten, weil sich mit jeder Minute seine Chance zu überleben verringert. Nach 15 Minuten sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit auf zehn Prozent.

Wie geht es jetzt weiter in Bayern?

Auch in den nächsten Tagen gilt maximale Zurückhaltung, weil es weiter schneien soll. Es soll auch weiter Wind geben. Das ist nämlich das zweite Problem. Der Wind ist der Baumeister von Lawinen. Dadurch entsteht ein instabiler Schneedeckenaufbau. Durch Verfrachtung und Umwandlung des Schnees bilden sich schwache Zwischenschichten, die als Gleitflächen für die großen Schneemassen gelten. Wichtig ist, sich stetig über die Situation in den Bergen weiter zu informieren und nicht leichtsinnig zu handeln. In Bayern gibt es 3500 aktive Bergretter. Sie stehen für Einsätze bereit, aber deren Sicherheit sollte nicht leichtsinnig riskiert werden.

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