Schnecken Ein Zwitter auf Twitter

Forscher wollen Nachwuchs von "Jem". Also versuchten sie es mit einer Online-Partnersuche für die Schnecke. Die Ansprüche sind hoch, denn "Jem" ist anders als die meisten Artgenossen.

Von Lina Paulitsch

Die Partnersuche im Internet ist oft erfolgreich. Und sie hilft vor allem dann enorm, wenn man einen Partner mit speziellen Vorlieben oder besonderen Eigenschaften sucht. Deshalb hat auch eine britische Forschergruppe im Internet ihre letzte Chance gesehen - und dort für eine Schnecke eine Partnerin gesucht. Denn Schnecke Jeremy, genannt "Jem", ist besonders. Im Gegensatz zu den meisten Artgenossen hat die Gefleckte Weinbergschnecke ein linksgedrehtes Schneckenhaus - mit der Spitze auf der linken statt auf der rechten Körperseite.

Menschen denken oft, das könne doch nicht besonders tragisch sein, als Linkshänder lebe es sich schließlich auch ganz gut. Doch Schnecken sind ein ganzes Stück komplizierter: Fortpflanzung ist für die linksgedrehte Jem mit einer normalen, rechtsgedrehten Partnerin unmöglich, weil auch ihre Sexualorgane auf ihrer linken Seite angeordnet sind. "Schnecken sind Zwitter, und sie haben ihre Geschlechtsorgane normalerweise auf der rechten Seite", sagte der Leiter der Forschungsgruppe an der Universität Nottingham, Angus Davison, der SZ. Jems Liebesspiel mit einer normalen Schnecke muss also scheitern, weil die Geschlechtsorgane bei der Paarung nicht zueinanderfinden. Wie also Jem zu ihrem Glück verhelfen? "Wir dachten lange nach und beschlossen schließlich, dass wir die Hilfe der Medien benötigen", sagt Davison. Die Forscher haben also eine Online-Anzeige über Twitter aufgegeben. Das Ziel: eine linksgedrehte Partnerin für Jem zu finden.

Das schien zunächst eine große Herausforderung zu sein. Denn nur eines von einer Million Tieren wird mit einem solchen Schneckenhaus geboren. Doch Jem hatte als "lefty snail", als Linkshänderschnecke, mit ihrem neuen Twitter-Profil bald mehr Follower als der Biologe Davison selbst, die Online-Partnersuche war prompt erfolgreich: Gleich zwei weitere "Leftys" aus England und Mallorca wurden mit Jem zusammengebracht.

Am Ende allerdings blieb der gewünschte Erfolg aus. Dreiecksbeziehungen haben ja bekanntlich ihre Tücken, und so blieb Jem bei der Paarung auf dem Zuschauerrang. Während die anderen beiden mit ihren linken Geschlechtsorganen zueinanderfanden, fehlte Jem offenbar die Motivation. "Bis jetzt hat sie keinerlei Interesse bekundet", so Davison. Die Rolle der coolen Tante entspricht ihr wohl eher - mit den Schneckenbabys anderer Artgenossen versteht sich Jem bestens, sie wurde beim liebevollen Spielen mit ihnen beobachtet.

Die Paarungsexperimente der Forscher haben einen menschlichen Hintergrund. Davisons Arbeitsgruppe untersucht die Genetik, die Einfluss auf die asymmetrische Ausrichtung des Körpers hat - bei Schnecken wie bei Menschen. Asymmetrie ist bei Menschen viel häufiger als bei Schnecken, eines von zehntausend Babys wird mit dem Herzen auf der rechten Brustseite geboren. Vermutlich liegt die Ursache in derselben Genmutation, die auch Jem zum "Lefty" macht, meint Davison.

Damit der Biologe weiter an Jems Genen forschen kann, braucht er aber Nachwuchs, denn Jems Lebenserwartung ist auf zehn bis 15 Jahre begrenzt, und sie hat schon ein paar Jährchen auf dem linksgedrehten Buckel. Vielleicht muss sie nur richtig aus ihrem Schneckenhaus gelockt werden.