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Schmerzensgeld für Gutachten:Zivilklage bringt Wende

Der Pflegevater soll das Mädchen erstmals im Herbst 2001 in sein Zimmer gelockt haben, als seine Frau einkaufen war. Grundlage des Urteils ist das Gutachten einer Sachverständigen der Uniklinik Homburg, die Aussagen der Pflegetochter "mit hoher Wahrscheinlichkeit als glaubhaft" einstuft. Der Bundesgerichtshof verwirft die Revision. Eine Verfassungsbeschwerde und zwei Wiederaufnahmegesuche scheitern - trotz eines Alibis, das Kuß vorweisen kann. Die Justiz sagt, das Mädchen habe sich eben im Datum getäuscht.

Dann fordert sie mindestens 20.000 Euro Schmerzensgeld von ihrem ehemaligen Pflegevater. In Haft wird dem Mann die Zivilklage zugestellt. Dass ausgerechnet diese Klage ihm doch noch zu einem Freispruch verhelfen wird, weiß Norbert Kuß damals noch nicht. Doch sowohl die Zivilrichter des Landgerichts wie des Oberlandesgerichts Saarbrücken kommen zu einem anderen Ergebnis als die Kollegen von der Strafjustiz. Entscheidend ist ein zweites Gutachten, das eingeholt wird - diesmal nicht mehr aus dem Saarland, sondern aus Freiburg.

Professor Eberhard Schulz, Direktor der dortigen Uniklinik für Psychiatrie, wirft seiner Kollegin eine "Vielzahl methodischer Fehler" vor. Das Mädchen sei bei den Vernehmungen Suggestionen ausgesetzt gewesen, das Gutachten "gerichtlich nicht verwertbar". Im Urteil heißt es dann, die "weitgehend nur pauschal gehaltenen Angaben der Klägerin" weisen "eine Vielzahl von Ungereimtheiten und Widersprüchen" auf, sie seien nicht geeignet, "den Nachweis für die behaupteten sexuellen Missbrauchshandlungen zu erbringen". Das Gericht ist nicht mit der "erforderlichen Gewissheit" davon überzeugt, dass Kuß das Mädchen missbraucht hat.

"Sechser im Lotto"

Es ist das Jahr 2009. Und nun passiert, was Nobert Kuß heute noch als "Sechser im Lotto" bezeichnet: Sein Fall - und das ist äußerst selten - wird von der Strafjustiz wiederaufgenommen. 300 Seiten hat der Wiederaufnahmeantrag, den sein Anwalt Jens Schmidt einreicht. Bis zum endgültigen Freispruch vergehen allerdings noch ein paar Jahre. Das Landgericht lehnt die Wiederaufnahme zunächst ab, erst die Beschwerde beim Oberlandesgericht hat Erfolg. Dann ist die Akte verschwunden, als die örtliche Presse berichtet, taucht sie nach ein paar Monaten plötzlich wieder auf.

Im November 2013 geht dann alles ganz schnell: Mehr als zehn Jahre nach der Strafanzeige dauert die Verhandlung nur noch einen halben Tag. Die ehemalige Pflegetochter, längst erwachsen, verweigert diesmal die Aussage und Kuß wird vom Amtsgericht Neunkirchen "aus tatsächlichen Gründen" freigesprochen. Ein Freispruch erster Klasse.

"Da sind dicke Klopper passiert", sagt Anwalt Schmidt. "Irrtum wäre ein zu schwaches Wort, das war schon Schlamperei." Kuß selbst klingt versöhnlicher, wenn er in breitem Saarländisch am Telefon bereitwillig seine Geschichte erzählt. Viele seiner Sätze fangen mit "Ei jo" an, das nimmt ihnen ihre Härte. Er erzählt, wie die Justizministerin des Saarlandes ihn eingeladen hat und seinen Fall bedauert. Kuß hat bei dem Gespräch ein Papier dabei. Darauf hat er seine Wünsche an die Justiz notiert. Etwa dass immer zwei Gutachten gemacht werden sollten - eines davon außerhalb des Saarlandes.

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