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Schlussplädoyer im Prozess von Oslo:Breiviks letzte Show

Seine Selbstdarstellung hat ein Ende, zumindest vorerst: Anders Behring Breivik wird von den Bildflächen der Öffentlichkeit verschwinden. Ob in eine Psychiatrie oder ins Gefängnis, darüber muss das Gericht entscheiden. Sein letzter Auftritt vor Gericht zumindest ließ erneut Zweifel an seiner geistigen Gesundheit aufkommen.

Norwegen kann durchatmen, vorerst zumindest. Das bleiche, fast maskenhafte Gesicht des Attentäters von Oslo und Utøya wird von den Fernsehschirmen und Tageszeitungen verschwinden. Mit den Plädoyers der Verteidigung und einem Schlusswort des Angeklagten ist der Prozess gegen Anders Behring Breivk vor dem Bezirksgericht der Hauptstadt nach zehn Wochen zu Ende gegangen. Nur noch einmal werden die Prozessparteien zusammenkommen, am 24. August, wenn die Richter ihre Entscheidung verkünden. Danach wird der Massenmörder für sehr lange Zeit verschwinden - hinter Gitter oder hinter die gut verschlossenen Türen einer psychiatrischen Anstalt.

Die letzten Stunden gehörten am Freitagnachmittag, zumindest zum Teil, noch einmal den Überlebenden und den Angehörigen der Todesopfer. Fünf Vertreter der Opfergruppen erhielten vom Gericht die Möglichkeit, ein Schlusswort zu verlesen. Sie nutzten es, um in bewegenden Worten zu schildern, wie sie die Zeit nach dem 22. Juli 2011 und den Prozess erlebt haben.

Kirsti Løvlie, deren 30-jährige Tochter von der Bombe im Regierungsviertel getötet worden war, beschreibt ihre Gefühle während der Verhandlung: "Ich habe mir vorgenommen, keine Angst vor diesem Mann zu haben. Ich wollte hier aussagen, für meine Tochter."

Während der Schlussworte brechen viele Zuhörer in Tränen aus. Auch einige der Staatsanwälte und Richter wischen sich über die Augen, die Zeugen werden nach ihren Vorträgen stets mit lautem Applaus verabschiedet.

Staatsanwätlin Inga Bejer Engh hatte sich bereits am Donnerstag ausdrücklich bei den Überlebenden und Angehörigen der Opfer dafür bedankt, dass sie während der zehn Prozesswochen so zahlreich und bereitwillig ausgesagt hatten. Durch diesen Einsatz sei ein würdiges Verfahren erst möglich geworden, sagte sie.

Løvlie sagt am Freitag vor Gericht, der Prozess habe ihr dabei geholfen, den Verlust zu verarbeiten. "Dieses Gerichtsverfahren war auch mein Verfahren", erklärt die Mutter. "Aber jetzt ist es genug. Wenn der Prozess vorbei ist, wollen wir von diesem Mann nichts mehr sehen." Ob sich ihr Wunsch erfüllt, ist noch unklar.

Zuvor räumte der Rechtsstaat Breivik noch einmal jene Bühne ein, die dem 33-Jährigen so wichtig ist.

Wirrer Auftritt des Attentäters

Der Angeklagte, der über sich selbst in erdachten Kriegsuniformen fantasierte, trägt auch an diesem Tag, was ihm während der vergangenen zehn Wochen zu einer Art Prozessuniform geworden ist: dunklen Anzug, Hemd, korrekt gebundene Krawatte. Mehrere Angehörige und Überlebende verlassen demonstrativ den Gerichtsaal, als Breivik zu sprechen beginnen will.

Er nutzt die Gelegenheit, um erneut seine rechtsextreme Ideologie zu propagieren, schwadorniert unter anderem über die Gefährlichkeit der Fernsehserie Sex and the City - die wegen ihres schlechten Einflusses auf Sitten zensiert gehöre. Und wiederholt seine Hasstiraden gegen die sozialdemokratische Arbeiterpatei sowie den Islam. Was er sagt, wirkt auf die Gerichtskorrespondenten im Saal inkohärent, verworren, "juristisch unzurechnungsfähig", wie Ben McPherson twittert. "Dass niemand mehr twittert, hat keine politischen Gründe, sondern es ist unmöglich, Breivik zu folgen", teilt der Journalist Mark Antony Lewis über den Kurznachrichtendienst mit.

Der Mann, der sich zum Helden stilisieren will, wird ausgelacht. Als der Attentäter davon spricht, dass beim Eurovision Song Contest zu wenige Norweger singen, sehen seine Anwälte ernstlich besorgt aus.

Wenige Stunden erst ist es her, dass sein Verteidiger Geir Lippestad in einem mehrstündigen Plädoyer das Gericht davon zu überzeugen versuchte, dass sein Mandant kein geisteskranker Psychopath sei, sondern ein politisch motivierter Terrorist. Daher gehöre er ins Gefängnis und nicht in die Psychiatrie, schlussfolgerte Lippestad. Und forderte Freispruch - Breivik behauptet, in Nothilfe gehandelt zu haben - oder eine "möglichst milde" Strafe. Breiviks letzter Auftritt vor Gericht scheint diese Ausführungen nicht gerade zu stützen.

Der Attentäter drohte im Verlauf der Verhandlung, er werde in Berufung gehen, falls das Gericht ihn für unzurechnungsfähig erklären sollte. Sein Anwalt Geir Lippestad sagt nach Prozessende bei einer Pressekonferenz, es sei noch zu früh, um über eine Berufung zu spekulieren. Sollte Breivik ihn aber bitten, ihn noch einmal zu vertreten, dann werde er ja sagen.