SchauspielerNein, ich spiele nur die Anwältin

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Reese Witherspoon in „Natürlich blond“.
Reese Witherspoon in „Natürlich blond“.
ZUMA Press/IMAGO

Reese Witherspoon, die für eine Juristin wie in „Natürlich blond“ gehalten wird. TV-Ärzte, die keine Erste Hilfe leisten können. Wenn Leute im echten Leben auf Schauspieler treffen, wird es oft kurios.

Von Marcel Laskus

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Schauspielerinnen und Schauspieler führen manchmal kein leichtes Leben, was auch daran liegen könnte, dass ihr Leben aus so vielen verschiedenen Leben besteht. Nur weil sie gerade noch auf einer Kinoleinwand zu sehen waren, müssen sie der interessierten Öffentlichkeit auch gleich etwas dazu sagen. Ob sie eigentlich privat genauso hilfsbereit, flirty, tollpatschig oder unausstehlich sind wie in ihrer Rolle. Wen wundert es da, dass die Grenzen zwischen dem dreidimensionalen Menschen und der zweidimensionalen Figur  verschwimmen.

Dylan Gadeke dürfte das jüngste Beispiel sein für diese verwässernde Wahrnehmung. Seine langjährige Arbeit als Peter Pan im Disneyland Park in Kalifornien lag schon einige Zeit zurück. Dennoch fühlte er sich vor ein paar Tagen dazu gedrängt, zu einer Frau, die ihm damals oft im Park begegnete, etwas zu sagen. Und zwar öffentlich auf seinem Tiktok-Kanal. Diese Frau habe über Jahre so regelmäßig und nah die Auftritte von Gadeke besucht, dass im Internet irgendwann einige Leute meinten: Da ist eine unangenehme Stalkerin unterwegs. Schützend stellten sie sich vor Gadeke. Der aber stellte sich in seinem Video schützend vor die Frau und sagte, sie habe nur die Figur kennenlernen wollen, nie aber ihn, den Schauspieler. „Sie hat keine Grenze überschritten.“ Was er aber auch sagte: Unangenehm sei es ihm schon gewesen, so sehr von ihr und anderen Menschen belagert zu werden.

Hoffungen wurde auch in den „Emergency Room“-Cast gesetzt, der mal im Arztkittel im Restaurant saß – vergebens.

Wenn Menschen anderen Menschen intensiv beim Arbeiten zuschauen, fühlen sie sich ihnen nahe. Erst recht, wenn sie ihnen irgendwann leibhaftig gegenüberstehen. Reese Witherspoon wurde so vor einigen Jahren beinahe zur Hochstaplerin wider Willen. Als sie eine Zeit lang als Geschworene tätig war, ging es in einem Prozess um einen Hundebiss in Beverly Hills, wie sie einmal in einer Talkshow erzählte. Die Jury wollte gerade eine Vorsitzende bestimmen, da zeigten die Finger der Runde auf sie. „Du hast doch Jura studiert“, hätte einer von ihnen zu ihr gesagt. Sie habe dann geantwortet, dass sie lediglich eine Anwältin in einem Film gespielt habe, nämlich 2001, in „Natürlich blond“.

Hoffnungen setzten einige auch in das Team der Krankenhausserie „Emergency Room“, die bis 2009 lief. Noah Wyle, Teil des Serien-Ärzte-Teams, sagte einmal in einer Talkshow, dass er und sein Team in einer Pause in einem Restaurant saßen, am Körper noch die Arztkittel vom Dreh. Auch der vierjährige Sohn eines Crewmitglieds saß am Tisch, und irgendwann verschluckte sich der Junge an einer Pommes. Die Schauspieler hätten ratlos am Tisch gesessen – was wussten sie schon von Erste-Hilfe-Maßnahmen – bis irgendwann eine Servicekraft an den Tisch gekommen sei. Diese half dem Jungen mit einem kleinen Stoß. Im Restaurant seien die Leute irritiert gewesen. Warum sitzen da lauter Ärzte, aber niemand hilft? Wyle sagte später: „Ich glaube, damit war die Frage beantwortet, dass keiner von uns das Zeug dazu hat, das wirklich beruflich zu machen.“

Ernsthafter wird es, wenn die gespielten Rollen keinen Real-Life-Bonus einbringen, sondern Abscheu. In der Serie „Breaking Bad“ findet man als Zuschauer im Verlauf der fünf Staffeln bald kaum eine Figur noch sympathisch. Doch während Bryan Cranston, der Walter White spielt, sein Image als Finsterling nach dem Serienfinale wieder loswurde, galt das für Anna Gunn lange nicht. Sie spielte Whites Ehefrau Skyler. Ihrer Rolle, aber auch ihrer Person wurde so viel Schlechtes entgegengebracht, dass sie 2013 einen Gastbeitrag bei der New York Times veröffentlichte. Titel: „Ich habe ein Charakter-Problem.“ Darin erwähnt sie eine Facebookgruppe namens „I hate Skyler White“, aber auch die Nachricht eines Online-Kommentators, in der es geheißen habe: „Könnte mir jemand sagen, wo ich Anna Gunn finden kann, damit ich sie umbringen kann?“ Die trennende Mauer zwischen Werk und Künstlerin wurde niedergerissen von irrationalem Hass.

All diese Geschichten dürften zumindest einen in der Branche kaltlassen: Jason Statham, der seit drei Jahrzehnten fast ausschließlich in Actionfilmen zu sehen ist. 2017 sagte er einmal, er sei völlig einverstanden damit, immer und immer wieder dieselbe Rolle zu spielen (finster dreinblickender Muskelmann). Danach gefragt, ob er denn nie mal eine andere Rolle angeboten bekomme, sagte er: „Ein Mathematiker, der durch eine schwere Scheidung geht? Nein, sowas bekomme ich nie angeboten.“ Er klang nicht traurig dabei, was auch mit seinem Selbstbild zu tun haben dürfte. „Eigentlich bin ich gar kein Schauspieler“, sagte er. Jason Statham führt nur das Leben von Jason Statham. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.

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