SZ-Kolumne „Bester Dinge“:Der pazifistische Springer

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Die im Landkreis Reutlingen gefundene, uralte Schachfigur verstört mit einem beklemmenden Gesichtsausdruck. (Foto: Foto: Universität Tübingen, Victor Brigola)

Im Landkreis Reutlingen wurden fast tausend Jahre alte Schachfiguren entdeckt. Aber was sagt uns der entsetzte Blick des Pferdes heute?

Von Martin Zips

Die Küche, das Bad, das Wohnzimmer – das menschliche Leben ist von einem permanenten Kampf gegen allerlei Gebrauchsspuren geprägt. Man putzt, man kehrt, man scheuert – und doch ist völlig klar: Selbst dann, wenn man längst wieder verschwunden ist, bleibt immer was von einem übrig: ein Fleck auf dem Kissen, ein lästiger Geruch, oder einfach nur Kalk in der Dusche.

An der Universität Tübingen sorgt derzeit eine fast 1000 Jahre alte Schachfigur für das besondere Interesse eines internationalen Archäologenteams. Das Pferd wurde zusammen mit anderem jahrhundertealtem Spielgerät unter der Mauer einer mittelalterlichen Befestigungsanlage im Landkreis Reutlingen entdeckt. In einer gemeinsamen Pressemitteilung der Experten Kienzle, Werther, Scheschkewitz und Venditti wird nun begeistert darauf hingewiesen, dass laut Laboranalysen „eine der Parteien mit Rot gespielt“ habe. Zudem wird erklärt: „Typische Nutzungsspuren weisen darauf hin, dass der Springer schon damals beim Zug angehoben wurde.“

Gut. Wer sich mit Schach ein bisschen auskennt, den überrascht das nicht. Springer – warum sollten sie nicht auch mal rot statt schwarz oder weiß sein? – wurden bei dem steinalten Spiel, welches einst von Indien über Persien nach Europa kam, von ihren Spielerinnen und Spielern meist angehoben. Wer zwei Felder nach vorne und eins zur Seite ziehen muss, der kommt um ein bisschen Bewegung nicht herum.

Viel interessanter als solche Gebrauchsspuren ist doch der völlig entsetzte, an die bedrückende Kunst eines Edvard Munch, Max Ernst oder Tim Burton erinnernde Gesichtsausdruck des Reutlinger Rosses, welches bald auch im Rahmen einer Ausstellung in Pfullingen zu betrachten sein wird. Der Blick der aus Horn geschnitzten Pferde-Figur auf das Schlachtfeld, da gibt es keinen Zweifel, kann allein pazifistisch gedeutet werden. Er sagt: Bevor ihr, liebe Strateginnen und Strategen, eure armen Bauern, Läufer und Springer gegen irgendwelche anderen aufhetzt, kümmert euch lieber um euren eigenen Dreck!

Was für eine großartige Erkenntnis. Gerade jetzt, zur Europawahl.

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