bedeckt München 22°
vgwortpixel

Sara Schätzl:"Schwarzer Gürtel in Bulimie"

Sara Schätzl

Mit 16 beschloss Sara Schätzl, ihre Heimat Donauwörth zu verlassen und berühmt zu werden. Das gelang ihr auch - zu einem hohen Preis.

(Foto: Moritz Thau Fotografie)

Vom roten Teppich in die Suchtklinik: Sara Schätzl, einst Liebling des Münchner Boulevards, gibt sich plötzlich auffallend uneitel - und beichtet ihre Essstörung.

Ein zartes Geschöpf mit 1,69 Meter sitzt auf einer weißen Couch in einem Schwabinger Loft. Die dunkel gefärbten Haare streng zum Zopf gebunden, schwarze enge Hose, weißer V-Pullover, dezent geschminkt. Rot lackierte Fingernägel umklammern eine überdimensionale Teetasse, über der jungen Frau liegt eine Decke. Erstaunlich hilfsbedürftig wirkt Sara Schätzl, die einst den Münchner Boulevard in Atem gehalten hat. Und sehr uneitel für ein IT-Girl.

Schätzl hatte jahrelang einen ganz anderen, sehr lauten, unantastbaren, immer gut gelaunten, glamourösen Auftritt. Mit einer gehörigen Portion Dreistigkeit, gepaart mit Witz und Charme, wurde sie Teil der Münchner Schickeria. Umschwärmt in der Nobeldisco P1 und auf dem roten Teppich. Sie war jemand, für den es keine Berufsbezeichnung gibt. Irgendwas mit Medien jedenfalls, eine bayerische Paris Hilton oder eine Heidi Klum aus Donauwörth.

"Ich war eine, die immer auf die anderen schaute und deren Leben leben wollte."

Gerade ist Klums Jubiläumsshow "Germany's Next Topmodel" (GNTM) gestartet, und viele junge Frauen geraten beim Blitzlichtgewitter ins Träumen. Darunter pummelige Teenager, wie auch Sara Schätzl einer war. Sie schaffte es ohne Modelkarriere ins Rampenlicht, allerdings auf Kosten ihrer Gesundheit, wie sie nun offenbart. Zeitgleich mit dem GNTM-Start erscheint ihr Buch über die Schattenseiten der dort propagierten Schönheitsideale.

Auf 275 Seiten macht Sara Schätzl in "Hungriges Herz. Mein Leben mit der Bulimie" ihre Essstörung öffentlich. Die heute 27-Jährige beschreibt, wie sie sich bereits als junges Mädchen zu dick fand, sich mit 14 Jahren erstmals nach dem Essen übergab, wie Supermärkte für sie zum Drugstore wurden und sie alles tat, um diese fatale Entwicklung geheim zu halten: "Ich lebte in Isolation mit der Sucht als bester Freundin und Essen als Droge meiner Wahl", erzählt sie, erstaunlich direkt. Im Buch schreibt sie traurig und zugleich herrlich witzig über diese Phase, dass sie sich in einem Restaurant schneller und leiser übergeben könne, als andere pinkeln: "Quasi der Schwarze Gürtel der Bulimie."

Schätzl ist 16 , als sie aus der schwäbisch-bayerischen Provinz nach München zieht. Ihr Ziel: berühmt werden. Sie campiert vor der Tür einer Castingfirma, bis sie den Chef sprechen kann und so an ihre erste kleine Rolle kommt. Es folgen TV-Serien und Seifenopern - und die Aufnahme in die Promi- und Partygesellschaft. Plötzlich war Sara Schätzl angekommen, sie war das neue Superpartygirl. Ihre Brüste, ihre Partys, ihre Liebschaften - das waren nun alles Themen für den Boulevard. Eine angebliche Affäre der damals 19-Jährigen mit dem mehr als 40 Jahre älteren Schauspieler Bernd Herzsprung "war total erfunden", wurde aber 2007 zur großen Story in der Bild. "Wenn man nicht ganz doof ist, dann weiß man schnell, wie das läuft", sagt Schätzl heute analytisch. Ihr Leben war ein Produkt. Sie erschuf eine Kunstfigur, die sie heute SIE nennt, nicht ICH. "SIE wahrte die perfekte Fassade, SIE strahlte um die Wette, SIE führte ein scheinbar glamouröses Leben." Dass sie oft vom roten Teppich still verschwand, bemerkte keiner. Es ist die Beichte einer Frau, die keinerlei Selbstliebe empfand und deshalb mit Anerkennung von außen füllte, was man doch nur in sich finden kann. "Ich war eine, die immer auf die anderen schaute und deren Leben leben wollte", sagt sie.

Sie ist jetzt 27. Wirkt aber viel älter, wie andere Menschen, die früh Verluste verkraften mussten. "Das Leben kann einen ziemlich alt machen", sagt sie. Sie habe elf Tattoos. "Wenn mich das Leben so richtig auf die Fresse hat fallen lassen, dann habe ich so lange gewartet, bis ich wusste, was für eine Lehre dahintersteckt." Dann habe sie sich tätowieren lassen, mit Sätzen wie: "Lebe frei und träume laut" oder "Don't judge me". Heute schaue sie auf jedes Tattoo mit einem Lächeln, "auch wenn es für eine knallharte Erfahrung steht".

Das ist den Schönen bei GNTM und den Millionen Mädchen vor den Fernsehern nicht zu wünschen. Doch gerade unter Models sind Diäten normal, Essstörungen nicht untypisch und Oberflächlichkeit Programm. Schätzl veröffentlichte vor vier Jahren in dem Buch "Glamourgirl" Tipps und Tricks für eine solche Bussiwelt, aber auch das Eingeständnis, dass sie dieses Leben kaputt gemacht hat. "Das Nachtleben war meine Zufluchtstätte mit sehr simplen Regeln, die mich in jedem Club zum beliebtesten Gast machten", sagt sie. "Es ist immer die gleiche Oberflächlichkeit, der gleiche Small Talk, keiner fragt dich wirklich was. Diese Barbie-Nummer machte mir zwei, drei Stunden Spaß, dann wollte ich die Farbe aus meinem Gesicht waschen. Es war alles ein großes Spiel. Aber ich war ohne Daseinsberechtigung." 2012 machte sie während des Skandals über gefährliche Brustimplantate ihre eigenen operierten Brüste zum Thema. "Weil die Medien eben jemanden für die Story brauchten", sagt sie heute. Inzwischen stehe sie nicht mehr für jede Story zur Verfügung: Inzwischen habe sie die gefährlichen Implantate austauschen lassen. Ohne Medienbegleitung.

Die Therapie hat sie für ihren Sohn begonnen: "Ich habe seine Mutter gerettet."

Eine Zeit lang war es still um Sara Schätzl. Als sie schwanger war, trennte sich ihr Freund von ihr. Sie versank in Depressionen, bekam Angststörungen, hatte das "Schlafpensum eines Faultieres" - und schaltete nach einem halben Jahr "Rumgeheule in den Kämpfermodus", wie sie erzählt: "Ich zog Anfang 2013 mit meinem acht Monate alten Sohn, vier Koffern und selbst völlig im Arsch nach Los Angeles." Wie es sich für eine Frau wie sie gehört, vermarktete sie auch das: Singlemutti versucht ihr Glück in Amerika. Vox begleitete sie in zwei Staffeln, in Deutschland sahen eine Million Menschen zu.

Und nun diese Beichte. Warum? "Wer so lange öffentlich wer anderes war, der muss dann auch mal öffentlich er selbst sein", sagt sie. Der wichtigste Grund aber sei ihr Sohn Louis gewesen. "Was hätte ich meinem Kind zu bieten gehabt? Ich habe mich selbst gehasst, war depressiv und hatte Angst vor der Welt." Sie hatte Panikattacken und lebte weiter exzessiv mit ihrer Ess-Brech-Sucht, die sie auch körperlich zu einem Wrack machte. Verdacht auf Schlaganfall, Herzinfarkt - mit Mitte 20. "Das war kein Leben so", sagt sie. "Du denkst, 80 Prozent der Zeit über Essen nach, zehn Prozent darüber, was andere von dir denken, und die übrigen zehn Prozent findest du dich total unmöglich." Sie sei für ihren Sohn in Therapie gegangen. Dann kommt ein tiefer Satz: "Ich habe seine Mutter gerettet."

Leicht war das nicht: "Ich setze mich nicht einfach an den Strand, singe Kumbaya und alles ist wieder gut", sagt Schätzl. Sie war in L. A. in einer Suchtklinik zusammen mit Heroinabhängigen, Koksern, Alkoholikern. Doch im Gegensatz zu denen können Bulimiker ihre Droge nicht verbannen: "Wir müssen essen." Es gab immer wieder Rückschläge, Tage auf dem Sofa, des "Essens ohne Reue" mit Burgern, Pizza, Schokolade, Unmengen Eis, Gummibärchen, Keksen und Wasser und Cola für die richtige Konsistenz, die sie brauchte für die anschließende Kotzattacke.

Heute bezeichnet Sara Schätzl sich als geheilt, in L. A. gehört ihr eine Promotion-Firma mit zwei Angestellten, sie besucht eine renommierte Schauspielschule. Dann nimmt sie ihren Tee und sagt: "Kann auch sein, dass dieses Buch das Letzte ist, was man von mir gehört hat. Aber ich kann und will einfach nicht mehr anders sein."

© SZ vom 16.02.2015
Zur SZ-Startseite