Erzgebirge:Stinkende Landschaften

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Erzgebirge

Es riecht oft streng im Erzgebirge - besonders wenn eine sogenannte Inversionswetterlage herrscht und der Wind aus Süden oder Südosten kommt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Süßlich, faul, ekelhaft: Im Erzgebirge riecht es oft so schlimm, dass man ein neues Wort dafür erfunden hat - Katzendreckgestank. Seit Jahren fahnden Wissenschaftler nach der Ursache.

Von Cornelius Pollmer, Dresden

Die Hoffnung des Erzgebirges lastet auf einem kleinen Ventilator. Er surrt und er dreht sich zu Diensten des sächsischen Umweltministeriums auf dem Schwartenberg bei Seiffen, 787 Meter hoch. Der Ventilator saugt Luft an und er macht das seit mehr als zwölf Jahren, er hat nach Benzol gefahndet, nach Stickoxiden, nach anderen Schadstoffen.

Nun hat er einen neuen Suchauftrag: Mercaptane. Das sind organische, schwefelhaltige Verbindungen. Der Theorie nach könnten diese von Teilen der petrochemischen Industrie im Nachbarland Tschechien in die Luft gepustet und von Südwind nach Sachsen getragen werden. Der Praxis nach ist es so, dass die Menschen im Erzgebirge endlich ein Mysterium besiegt sehen wollen. Ein Mysterium, dessen Unheil sie auf einen einzigen Begriff bringen können. Den Begriff des Katzendreckgestanks.

Menschen berichten von Übelkeit, Durchfall, Bauchschmerzen und Fieber

Das Wort Katzendreckgestank ist ein dreiteiliges, ein sich steigerndes Wort. Gegen eine Katze hat kaum jemand was, Katzendreck ist nicht schön und doch beherrschbar, aber Katzendreckgestank? Das ist ein Drama, eine Plage, seit mehr als 15 Jahren.

Früher war der Gestank ein häufiger Gast im Erzgebirge. Die böhmischen Kraftwerke bliesen ganze Rauchtürme von Schwefeloxiden in die Luft. Dann wurden sie nachgerüstet, aber von Zeit zu Zeit weht noch immer ein übler Wind vom Vogtland bis nach Altenberg. Beschrieben wird er als süßlich und faul, vorzugsweise weht er im Herbst und im Winter.

Erzgebirge: Die Sache stinkt: Nur an den sächsischen Katzen kann es nicht liegen.

Die Sache stinkt: Nur an den sächsischen Katzen kann es nicht liegen.

(Foto: dpa)

Vielleicht wäre der Gestank noch auszuhalten, bliebe er denn ohne Folgen. Bleibt er aber nicht. Menschen berichten von Übelkeit und Durchfall, von Bauchschmerzen und auch von Fieber. Anwohner erzählen, teilweise einen Monat lang mit den Kindern nicht ins Freie gegangen zu sein, etwa im Herbst des vergangenen Jahres. Da belagerte der Katzendreckgestank das Erzgebirge über Wochen, Ursache: eine Inversionswetterlage.

Es gibt Menschen im Erzgebirge, die schauen jeden Morgen als Erstes aufs Windrad - weht es aus Süden oder Südosten, kann der Tag im Grunde schon gelaufen sein. Wer kein Windrad hat, der kann die Vorhersagen in der Facebook-Gruppe "Für saubere Luft in unserem Erzgebirge" durchklicken.

414 Geruchsbeschwerden

Nicht nur die Bürger, auch Politik und Wissenschaft verzweifeln am Gestank. Seit Jahren fahnden sie nach der Ursache für den unsteten Mief und nach seinem Verursacher. Vergeblich. Ende März reiste die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) zu einem Krisengipfel ins Erzgebirge. Ihre Wortmeldung danach klang, als wolle sie eine Drogenküche oder eine Fälscherbande ausheben: "Wir wollen an die Quellen."

Ob die Spur der Mercaptane zum Ziel führt, weiß keiner. Gerade stinkt es nämlich nicht. Im Herbst aber wird es wieder stinken. Dann werden Proben verglichen. Die Suche zieht sich also weiter, und sie pressiert wie selten. Auf zwei Kleine Anfragen der Grünen berichtete Sachsens Staatsregierung kürzlich, dass allein von Januar bis Mai 2015 für den Erzgebirgskreis 414 Geruchsbeschwerden gemeldet wurden, für das Vogtland waren es 66 und für Mittelsachsen 24. Jeweils ein drastischer Anstieg im Vergleich zum Vorjahr.

An einer Lösung des Mysteriums dürfte im Übrigen schon deshalb allen gelegen sein, weil sich das Beziehungsklima zwischen dem Freistaat Sachsen und seinem Nachbarland Tschechien in den vergangenen Jahren eigentlich deutlich verbessert hat, vom Katzendreckgestank einmal abgesehen.

Die Antwort kennt nur der Wind

2012 richtete Sachsen als erstes deutsches Bundesland ein Verbindungsbüro in Prag ein, Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) reiste persönlich zur Eröffnung der "Sächsischen Botschaft". Im Juni dieses Jahres unternahm er mit Tschechiens Premier Bohuslav Sobotka eine Dampferfahrt auf der Elbe, sie besuchten das deutsch-tschechische Gymnasium in Pirna und freuten sich über frisches Geld - bis 2020 fördert die EU die Kooperation beider Länder mit 186 Millionen Euro.

Maßvollen Dissens gab es zwar in der Diskussion über die Einrichtung von Staustufen und die Vertiefung der Elbe. Aber auch in Dresden war man schließlich froh, als Tschechien neulich Wehre öffnete und damit eine so stattliche Welle nach Sachsen schickte, dass die Weiße Flotte wieder genug Pegel hatte, um ablegen zu können.

Die verbliebene dicke Luft soll nun also der Ventilator zur Kontrolle heranschaffen. Er soll damit auch die Gültigkeit jener alten Regel prüfen, der nach die Antwort ganz allein der Wind kennt, und zwar der böhmische.

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