Süddeutsche Zeitung

Saarland:Dauerregen verursacht Überflutungen, Erdrutsche und Evakuierungen

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Teils fiel innerhalb eines Tages mehr Regen als sonst im gesamten Monat. Kanzler Scholz wird sich am Samstag vor Ort informieren. Mittlerweile hat der Deutsche Wetterdienst alle Unwetterwarnungen aufgehoben. Aber im Südwesten werden steigende Pegelstände erwartet.

Die Lage im Saarland ist nach dem heftigen Dauerregen weiterhin angespannt. "Wir haben noch zwei, drei Orte im Saarland wo es sehr kritisch ist", sagte ein Sprecher des Innenministeriums am frühen Samstagmorgen. Heftiger Dauerregen hatte am Freitag Überflutungen und Erdrutsche verursacht. In vielen Kommunen, unter anderem in der Landeshauptstadt Saarbrücken, mussten Häuser wegen ansteigender Wassermassen evakuiert werden. Die Bevölkerung wurde eindringlich aufgefordert, Keller, Gewässer und überflutete Gebiete zu meiden. Es handele sich um ein Hochwasserereignis, wie es nur alle 20 bis 50 Jahre stattfinde, teilte das Landesamt für Umwelt- und Arbeitsschutz mit.

"Flutwellen können plötzlich kommen, Ufer können einbrechen", erklärte die Stadt Saarbrücken in einer Mitteilung. "Es sollte unbedingt vermieden werden, überflutete Straßen zu überqueren - sowohl zu Fuß als auch mit dem Auto."

Weiterhin angespannt sei die Lage in Blieskastel, da der Pegelstand der Blies weiter leicht gestiegen sei, sagte ein Sprecher des Innenministeriums. Gegen Samstagmittag werde dort der Höchststand erwartet, zahlreiche Helfer versuchten, eine Überschwemmung der Altstadt von Blieskastel zu verhindern.

Nach bisherigen Kenntnissen sind keine Menschen ums Leben gekommen. Bei einer Evakuierungsaktion habe es einen Verletzten gegeben, sagte der Sprecher des Lagezentrums. Ein Mensch sei ins Wasser gefallen und anschließend in ein Krankenhaus gebracht worden.

Das Lagezentrum in Saarbrücken registrierte bis zum frühen Morgen mehr als 3000 Polizei- und Rettungseinsätze im gesamten Bundesland. In der Nacht brach auch ein Wasserrettungszug aus Bayern nach Saarlouis auf. Dieser besteht aus Boots- und Tauchtrupps mit mindestens 32 Einsatzkräften, sie sollen nach Angaben des Bayerischen Roten Kreuzes bei der Rettung von Menschen aus Gebäuden und Fahrzeugen unterstützen.

Unterdessen dürften die großen Aufräumarbeiten anlaufen. Erst am frühen Samstagmorgen hat der Deutsche Wetterdienst (DWD) alle Unwetterwarnungen in Deutschland aufgehoben. Es liege keine Warnung vor "extrem ergiebigem Dauerregen" mehr vor, teilte der DWD mit.

Im Norden Baden-Württembergs und in der Vorderpfalz wurden örtlich neben den bereits gefallenen Regenmengen noch etwa zwischen 15 und 20 Liter pro Quadratmeter erwartet.

Kanzler Olaf Scholz (SPD) sagte einen für Samstag geplanten Wahlkampfauftritt im Saarland ab. Stattdessen werde er sich gemeinsam mit Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) ein Bild von der Lage vor Ort machen, teilte ein Regierungssprecher am Abend in Saarbrücken mit.

Altstadt in Ottweiler komplett unter Wasser

In der Stadt Ottweiler hatten am Freitag die Dämme nachgegeben. "Die Altstadt steht komplett unter Wasser. Da geht gar nichts mehr", sagte die Sprecherin des Landkreises Neunkirchen. Mobile Deichsysteme und auch die Sandsäcke hätten nachgegeben. Auch das Landratsamt im Ort sei evakuiert worden. In der Altstadt wurde vorsorglich der Strom abgeschaltet.

"Wir haben hier eine Großschadenslage", sagte der Landrat des Landkreises Neunkirchen, Sören Meng, in einem Video auf Facebook. Die Einsatzkräfte seien ununterbrochen unterwegs. "Die Folgen für den Landkreis sind sehr groß. Es sind fast alle Städte und Gemeinden betroffen."

Amphibienfahrzeuge und Boote im Einsatz

In Rußhütte, einem Stadtteil der Landeshauptstadt Saarbrücken, liefen laut einem Ministeriumssprecher die Evakuierungen noch bis tief in die Nacht auf Samstag. Helfer seien mit Amphibienfahrzeugen und Booten unterwegs. Ein Straßenzug sei hier besonders betroffen. Das Technische Hilfswerk postete auf X ein Video vom dortigen Einsatz. Darin war unter anderem ein bis zum Nummernschild im Wasser stehender Wohnwagen und ein zur Hälfte überflutetes Auto zu sehen.

50 000 Sandsäcke aus der Landesreserve seien freigegeben, hieß es am Freitagabend aus dem Innenministerium. Die Stadt Völklingen teilte mit, es würden Schäden in Millionenhöhe erwartet, insbesondere im privaten Bereich.

Überall Evakuierungen - teils mit Booten

Vereinzelt seien von den Evakuierungen auch Altenheime betroffen gewesen, etwa eines in Marpingen, hieß es aus dem Innenministerium. In Saarbrücken-Rußhütte sei die Lage brenzlig gewesen, weil die Strömungsgeschwindigkeit so hoch war, dass die Feuerwehr abbrechen musste und Strömungsretter des Deutschen Roten Kreuzes angefordert wurden. Die Landeshauptstadt Saarbrücken rief ebenso wie mehrere Kreise eine Großschadenslage aus. Die Stadt richtete Ausweichquartiere in Schulen und ein Bürgertelefon ein. In Wemmetsweiler hätten Menschen mit Booten aus ihren Häusern gerettet werden müssen.

Zugverkehr eingeschränkt

Zahlreiche Straßen im Saarland sind weiterhin gesperrt, auch der Bahnverkehr ist nach Angaben der Deutschen Bahn eingeschränkt. Teilweise wurden Gleise unterspült, auch in Oberleitungen gestürzte Bäume waren Ursache. Die Bahn riet zunächst von nicht notwendigen Reisen ins Saarland ab. Die Saarbahn kann nach Angaben des Unternehmens nur zwischen Güchenbach und Saargemünd fahren.

Der DWD maß stellenweise mehr als 100 Liter Regen pro Quadratmeter in nicht einmal 24 Stunden. Für diesen heftigen Regen seien Flüsse und Infrastruktur nicht ausgerichtet, sagte eine DWD-Meteorologin am Abend.

Zum Vergleich: Im gesamten vergangenen Monat April waren im Saarland rund 74 Liter Regen pro Quadratmeter gemessen worden - und dies war ein Sechstel mehr Niederschlag als normalerweise in jenem Monat. Bis 19 Uhr fielen laut DWD in Saarbrücken-Ensheim und Berus im Landkreis Saarlouis 107 Liter pro Quadratmeter. Verbreitet seien im Saarland 60 bis 100 Liter pro Quadratmeter gemessen worden. Die Flusspegel seien dadurch rasch gestiegen.

In Baden-Württemberg blieb das Wetterchaos zunächst aus

Auch in Baden-Württemberg gab es örtlich Dauerregen und teils kräftige Gewitter. Das befürchtete Wetterchaos blieb dort aber zunächst aus. Es wurden zwar etwas mehr Verkehrsunfälle gezählt, wie ein Sprecher der Polizei sagte - es sei aber niemand ernsthaft verletzt worden. Die Hochwasservorhersagezentrale Baden-Württemberg warnte vor deutlich steigenden Wasserständen in einigen Flüssen, vor allem den Oberrheinzuflüssen sowie Gewässern im Einzugsgebiet des Neckars. Es könnten sich kleinere Hochwasser ausbilden, hieß es. Im Einzelfall könne auch die Kanalisation überlastet sein. Straßen, Keller, Unterführungen und Tiefgaragen könnten unter Wasser gesetzt werden.

Überflutungen auch in Rheinland-Pfalz

Im benachbarten Rheinland-Pfalz waren am Freitag vor allem der Kreis Trier-Saarburg sowie die Südpfalz und die Städte Trier, Zweibrücken und Ludwigshafen von dem Dauerregen betroffen. Keller und Straßen liefen voll und Bäume stürzten um, wie die Koordinierungsstelle der Aufsichts- und Dienstleistungsbehörde (ADD) berichtete. Verletzt wurde zunächst niemand. Viele kleinere Bäche und Flüsse traten über die Ufer. In der Nacht beruhigte sich auch im Kreis Trier-Saarburg die Lage.

Zuvor mussten in Schoden an der Saar diesem Landkreis wegen Überflutungsgefahr etwa 220 Menschen vorsorglich ihre Häuser verlassen, wie die Kreisverwaltung mitteilte. Sie wurden in einer Turnhalle untergebracht. In Saarburg wurde außerdem ein Seniorenheim evakuiert, in Trittenheim an der Mittelmosel ein Hotel. Davon waren etwa 50 Menschen betroffen, die in einer Turnhalle untergebracht wurden.

Der Wasserstand der Saar war zuvor wegen des Dauerregens so stark gestiegen, dass eine Überflutung des Uferdamms befürchtet wurde. Mit Sandsäcken versuchten Helfer, den Damm zu stabilisieren. "An fast allen Orten entlang der Saar sind Straßen und Gebäude überspült, in vielen Gemeinden treten kleinere Gewässer über die Ufer", teilte die Kreisbehörde mit.

Elementarereignis von überörtlicher Bedeutung festgestellt

Bereits in der Nacht leitete die Landesregierung des Saarlands erste Schritte für finanzielle Hilfen ein. "Viele Saarländerinnen und Saarländer bangen um ihre vier Wände und ihr Hab und Gut oder haben bereits starke Schäden zu beklagen", teilte Ministerpräsidentin Rehlinger mit. "Damit keine Zeit verloren geht, hat die Landesregierung kurzfristig Beschlüsse gefasst, durch die Hilfe bereitsteht, um entstandene Schäden zu beheben."

Noch könne aber niemand konkrete Summen nennen. In einer Schalte am späten Freitagabend habe der Ministerrat ein sogenanntes Elementarereignis von überörtlicher Bedeutung festgestellt. Damit können laut Staatskanzlei Hilfen des Landes fließen. Zudem könnten Kommunen wegen der außergewöhnlichen Notsituation von Regelungen des Haushaltsausgleichs abweichen.

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