bedeckt München 22°

Russland und die Herrschaft der Großväter:Wehrlos in der Armee

Eine Nacht zerstört das Leben von Andrej Sytschow: Er wird gequält - und verliert beide Beine und die Genitalien.

Die Neujahrsnacht hat Sytschow genau dort verbracht, wo ihn das russische Militär hinbefohlen hat - in einer Kaserne in Tscheljabinsk am Ural.

Das hat den 19-Jährigen seine Beine gekostet, seine Genitalien und fast sein Leben.

Sytschow ist in der ersten Nacht des Jahres durch eine Hölle gegangen, die vielen männlichen Russen vertraut ist: Traditionell sind junge Soldaten in der russischen Armee Misshandlungen älterer Kameraden ausgesetzt.

Im ersten Dienstjahr gelten Wehrpflichtige als wehrlos und führen nicht selten ein sklavenähnliches Dasein. Das wird "Dedowschina" genannt, die "Herrschaft der Großväter".

In der Armee gehört die Dedowschina zum Alltag und es bedarf schon solcher Fälle wie den des Rekruten Sytschow, um die russische Öffentlichkeit aufzurütteln.

"Verheerende Konsequenzen"

Die Leidensgeschichte des jungen Russen begann auf übliche Weise: Sechs ältere Soldaten, darunter zwei Offiziere, machten sich nach heftigem Alkoholgenuss über acht ihnen unterstellte Wehrpflichtige her.

Besonders schlimm erwischte es Sytschow. Ihn banden die Soldaten an einen Stuhl und schlugen auf seine Beine ein. Vier Stunden sei das so gegangen, sagte Sytschows Schwester.

Russische Medien berichteten, die Täter hätten ihr Opfer auch vergewaltigt. Nach der Tortur ging es auf eine Art weiter, die in der russischen Armee ebenfalls nicht ungewöhnlich ist - der Fall sollte vertuscht werden.

Obwohl Sytschow über schlimme Schmerzen klagte, wurde er erst am 4. Januar in ein Krankenhaus gebracht. Dort mussten die Ärzte zunächst sein linkes, dann auch das rechte Bein und die Genitalien amputieren. In Lebensgefahr blieb er aber auch noch Tage danach. Erst am 7. Januar wurde Sytschows Mutter verständigt. Da hatte ihr Sohn schon ein Bein verloren.

An die Öffentlichkeit gelangte das Schicksal Sytschows erst mit erheblicher Verspätung. Russlands oberster Militärstaatsanwalt Alexander Sawenkow nahm sich mittlerweile aber persönlich des Falls an.

Sawenkow macht aus seiner Erschütterung kein Geheimnis: "In mehr als 20 Jahren, die ich als Staatsanwalt diene, habe ich ein solch zynisches und schreckliches Verbrechen an einem Wehrpflichtigen nicht erlebt." Die sechs Schläger wurden verhaftet. Dem mutmaßlichem Haupttäter, einem Feldwebel, drohen zehn Jahre Gefängnis.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hatte schon vor zwei Jahren ans russische Militär appelliert, endlich etwas gegen die Dedowschina zu unternehmen. In einem Bericht dokumentierte die Organisation zahlreiche Fälle von Misshandlungen.

"Die Dedowschina hat verheerende und dauerhafte Konsequenzen für den physischen und psychischen Zustand der Rekruten. Zehntausende junger Wehrpflichtiger versuchen deshalb jedes Jahr, aus ihren Einheiten zu fliehen", heißt es in dem Rapport.

Häufig treibe die Dedowschina Rekruten auch in den Selbstmord. Die Autoren des Berichts der Menschenrechtsorganisation verweisen darauf, dass die Dedowschina vor allem auch den Streitkräften selbst schade, da sie "so offensichtlich die Effektivität der russischen Streitkräfte untergräbt".

Der Appell verhallte bislang dennoch ungehört. Russlands Verteidigungsminister Sergej Iwanow neigt immer noch dazu, das Problem zu verharmlosen. Auf eine Frage von Journalisten antwortete er am Mittwoch während eines Besuchs in Armenien, von dem Fall in Tscheljabinsk habe er noch nicht gehört, weil er sich in den Bergen aufgehalten habe. Er "glaube aber, dass dort nichts sehr ernstes vorgefallen ist. Sonst hätte ich sicher davon erfahren."

Diese Gleichgültigkeit hat viele Russen aus der Ruhe gebracht. "Wie kann er es wagen?", fragte die Vorsitzende der Organisation der Soldatenmütter, Walentina Melnikowa, im Radiosender Echo Moskwy.

In einer nicht repräsentativen Umfrage des Senders forderten 95 Prozent der Anrufer den Rücktritt des Verteidigungsministers. Dieser erkannte am Donnerstag schließlich doch noch den Ernst der Lage. "Jeder solche Fall muss sorgfältig untersucht werden. Die Ergebnisse geben wir nach der Untersuchung bekannt", versprach Sergej Iwanow. Vertuscht werde nichts.