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Russland:Mit Putin im Lift

Kremlchef Wladimir Putin behält in künstlerischen Darstellungen, wie hier in der russischen Stadt Kaschira, gern den Überblick.

(Foto: AFP)

In einem Aufzug in Russland hängt ein Bild von Wladimir Putin. Ein Video zeigt, wie die Menschen darauf reagieren.

Menschen auf engem Raum einsperren und gucken, was passiert, das funktioniert immer. Aufzüge sind deshalb optimales Terrain für Soziologen. So hat etwa die finnische Kognitionsforscherin Rebekah Rousi in Versuchen beobachtet, dass ältere und ranghohe Männer in Fahrstühlen häufig hinten an der Wand stehen, wo sie den Rücken frei und alles im Blick haben, während Frauen, egal ob alt oder jung, besonders häufig vorn bei der Tür stehen.

Der russische Blogger Baschir Dochow hat das Feld der Fahrstuhlsoziologie nun um einige amüsante Erkenntnisse erweitert. Er hat in einem Wohnblock in einer nicht genannten russischen Großstadt ausprobiert, was Russen tun, die im Fahrstuhl plötzlich vor einem großen Porträt von Wladimir Putin stehen. Über dem Bild des Kremlchefs, der den Betrachter ausdruckslos anblickt, hat er eine Kamera installiert und die Reaktionen gefilmt. Das sechseinhalb Minuten lange Video verbreitet sich derzeit unter russischen Internetnutzern.

"Job twoju mat!", ruft ein Mann und schüttelt angewidert den Kopf. Es ist ein derber russischer Fluch, den Übersetzer gewöhnlich durch ein F mit drei Pünktchen wiedergeben. Andere Liftbenutzer prusten vor Lachen. "Welcher Idiot hat das denn aufgehängt?", sagt einer.

Einige der Personen bemerken, dass sie gefilmt werden. So kann eine junge Frau ihre aufgebrachte Mutter gerade noch davon abhalten, dass sie das Bild abhängt. Die Mutter faucht: "Wie kann man die arbeitende Bevölkerung so erschrecken?" Dann tut sie zum Schrecken der Tochter so, als spucke sie auf das Abbild des Staatspräsidenten. Ein Kind wird von den Eltern angehalten: "Sag bitte: Guten Tag, Wladimir Wladimirowitsch Putin!" Das Kind sagt: "Guten Tag, Putin!" Als die junge Familie den Lift wieder verlässt, zeigt die Mutter auf die Augen Putins, das Kind soll sagen: "Halte ein Auge auf uns!" Was zweideutig ist: Behüte uns! Oder aber: Beobachte uns! So wie Big Brother bei Orwell.

Eine junge Frau kniet mit erhobenen Armen nieder, als ob sie einen Götzen anbeten wolle, während eine zweite junge Frau neben ihr lacht. Die Kamera hat sie allerdings gesehen und versucht, ihre Freundin zu warnen. Das Spiel mit der Macht, das Dochow im Fahrstuhl inszeniert, ist im autoritär regierten Russland eben nicht nur ein Scherz, das scheint der jungen Frau in diesem Moment bewusst zu sein.

Baschir Dochow fand nichts dabei, dass er die Gesichter der Liftbenutzer nicht verpixelt hat. Er wurde deshalb in Internetforen scharf kritisiert. Die Aktion könne den gefilmten Personen großen Ärger mit den Behörden einbringen. Allerdings wurde auch die Version verbreitet, die Szenen im Aufzug seien alle gestellt, was der Blogger zurückwies.

Dochow ist bislang nicht durch politisches Engagement aufgefallen. Er betreibt den Blog und den Videokanal "Bekanntschaften, Rendezvous und Sex. Für seriöse Männer", auf dem er Tipps gibt, wie schüchterne Männer junge Frauen ansprechen können. Etwa den, dass man es doch mal mit Höflichkeit und Zärtlichkeit versuchen solle. In einem BBC-Interview erklärt er, er habe mit dem Putin-Bild im Lift lediglich ein "soziologisches Experiment" durchgeführt. Er habe die Leute dazu gebracht, unverstellt und ehrlich Antworten zu geben. Das sei nämlich bei den üblichen Meinungsumfragen zu Politikern nicht der Fall. Möglicherweise aus gutem Grund.

© SZ vom 14.02.2020