Rückgang von sexuellem Missbrauch Tabubruch als Prävention

Missbrauchsopfer, Frauenrechtlerinnen, Skandale um Internate und die katholische Kirche: Das alles hat dazu beigetragen, die Debatte über Kindesmissbrauch zu enttabuisieren. Die Wachsamkeit ist gestiegen, die Fälle sind zurückgegangen. Doch die Arbeit ist noch lange nicht erledigt. Vor allem die Schulen sind gefordert.

Ein Kommentar von Roland Preuß

Jeder hat diese Geschichten schon gehört. Vom Sportlehrer, der bei Mädchen allzu eifrig Hilfestellung gibt, vom Leiter der Theatergruppe, der Spielszenen ausnutzt, um sich Kindern zu nähern. Von Pädagogen, die glotzen, grapschen und Schüler nach Hause einladen.

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Die Vorfälle bringen Lehrer ins Gerede, führen zu Witzen und Anekdoten, aber allzu oft nicht zu ernsten Konsequenzen für den Grapscher. Und in der Familie herrscht ungläubiges Staunen, wenn das Kind erzählt, was der Onkel, Vetter oder Freund getan habe, als er auf Sohn und Tochter aufpassen sollte. Viele scheuen sich, angesichts eines oft schwer beweisbaren Vorfalls, der Sache auf den Grund zu gehen, einen Eklat auszulösen, den Kollegen anzuschwärzen, womöglich die Familie zu sprengen.

Wer sich so entscheidet, verharmlost die Taten, zeigt Desinteresse am Kind. Das Dulden und Beschwichtigen haben es den Tätern ermöglicht, viel Unheil anzurichten. Kindesmissbrauch kann Leben zerstören.

Inzwischen werden - anders, als viele Menschen angesichts der zahlreichen Medienberichte annehmen - Kinder und Jugendliche deutlich seltener sexuell missbraucht als noch vor 30 oder 40 Jahren, wie nun eine Studie im Auftrag der Bundesbildungsministerin darlegt.

Schritte zu mehr Offenheit

Doch immer noch berichtet fast jede 16. Frau von körperlichen Übergriffen im Kindes- und Jugendalter, meist in der Familie oder durch Bekannte. Die Fälle summieren sich also nach wie vor auf Hunderttausende. Doch die Richtung, die das Land eingeschlagen hat im Umgang mit dem Thema, sie stimmt. Es waren Schritte hin zu mehr Offenheit, die durchaus auch schmerzhaft ist.

Dazu zählen die spektakulären Gerichtsprozesse über zum Teil kollektiven Kindesmissbrauch wie im Falle einer Familie aus dem oberfränkischen Flachslanden, die das Thema in den 1980er und 1990er Jahren in die Öffentlichkeit gebracht haben. Die detailliert die Mechanismen von Scham, Schweigen und Abhängigkeiten der Opfer von Verwandten beleuchteten. Und die den Ruf ganzer Familien oder sogar Dörfer ruinierten.

Die Offenheit beförderten die Opfer, die in den vergangenen Jahren den Mut aufbrachten, dem Publikum ihre Geschichte zu erzählen, auch, aber nicht erst im Zusammenhang mit den Skandalen um das katholische Canisius-Kolleg oder die hessische Odenwaldschule. Ihre Geschichten haben veranschaulicht, was der frühe Missbrauch anrichten kann, haben die Sensibilität für das Thema geweckt. Der Preis dafür war mitunter die Missbilligung der Familie und der Schmerz, sich die damaligen Erlebnisse wieder in Erinnerung zu rufen.

Auch Frauenrechtlerinnen leisteten ihren Anteil. Sie wehrten sich gegen die im Zuge der neuen sexuellen Freiheiten seit 1968 aufgekommene Vorstellung von ständiger Verfügbarkeit für den Mann. Eine Auffassung, die Täter letztlich auf Mädchen übertragen - und diese sind mit Abstand am häufigsten die Opfer. Die Entgrenzung des Sexuellen hat an diesem Punkt sehr geschadet, die angeblich so progressive Odenwaldschule ist ein abschreckendes Beispiel hierfür.

Segensreiche Enttaubisierung

Es wäre jedoch falsch, vor allem die sexuellen Freiheiten, also einen "Zeitgeist der Sexualisierung" für die Übergriffe verantwortlich zu machen, so wie dies der frühere Augsburger Bischof Mixa und andere Kirchenleute darstellen. Es war doch diese Enttabuisierung, die Opfern und Helfern erst erlaubt hat, über Missbrauch zu reden. Wer über Sexualität schweigt, der wird auch über sexuelle Angriffe nicht offen sprechen.

Der Film "Die unbarmherzigen Schwestern" hat vor zehn Jahren anhand wahrer Begebenheiten gezeigt, wozu religiös verkleideter Muff und familiäre Scham führt: Vergewaltigte Mädchen und unehelich Schwangere wurden in Irland in katholische Heime geschafft und dort mit harter Hand erzogen. Die Täter blieben unbehelligt. Der Film provozierte eine scharfe Debatte - mit Folgen: Sieben Jahre später erlebte Irland seinen kirchlichen Missbrauchsskandal, ein Jahr vor Deutschland.

Auch die jetzt vorgestellten Zahlen zum Rückgang der Vorfälle zeigen, dass die Enttabuisierung wichtig und richtig war. Früher, als sich Erwachsene beim Thema Sexualität wegduckten, war es noch schlimmer. Natürlich muss diese Offenheit ihre Grenzen finden, beim Umgang mit Minderjährigen, aber auch bei Pornographie, die sexuelle Gewalt gutheißt. Eine Debatte über Missbrauch darf den Jugendschutz nicht aushebeln.

Die Möglichkeiten des Internets, in dem sich potentielle Täter in ihren Missbrauchsphantasien bestärken, sind eine Bedrohung für andere. Die Missbrauchsskandale seit dem vergangenen Jahr haben auf schmerzliche Weise die Aufmerksamkeit für das Thema gesteigert. Wer die Übergriffe weiter reduzieren will, der muss Missbrauch in der Schule zum Thema machen, muss Lehrer ausbilden, damit sie nicht ratlos auf seelische Nöte ihrer Schüler reagieren, der muss Hilfe für Lehrer anbieten, aber auch für mögliche Täter, die ihre pädophilen Neigungen eindämmen wollen. Die Regierungsbeauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Christine Bergmann, wird Ende Oktober ihre Tätigkeit beenden. Die Arbeit aber ist noch lange nicht erledigt.