Süddeutsche Zeitung

Roter Teppich bei der Oscar-Verleihung:Champagner statt Schneckensekret

Lesezeit: 2 min

Der rote Teppich steht für Macht, Ruhm und Glamour. Über die begehrteste purpurfarbige Auslegeware des Planeten spazieren jährlich die Promis bei der Oscar-Verleihung. Doch dieses Jahr ändern die Veranstalter einfach mal - die Farbe.

Von Violetta Simon

Roter Teppich und Stars, das ist wie Wiese und Blume, wie Cindy und Bert: Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Seit Jahrzehnten präsentieren berühmte Menschen darauf ihre Babybäuche und Botox-Gesichter, modische Experimente und Entgleisungen, neue Partner und Partnerinnen - die perfekte Servierplattform für: Drama, Baby!

Als Symbol für Ruhm und Macht existiert der rote Teppich bereits seit 2500 Jahren. Er war den Göttern vorbehalten, Normalsterbliche hatten darauf nichts verloren. Tyrischer Purpur galt schon in der Antike als kostbarste aller Farben und wurde aus dem Sekret der Purpurschnecke gewonnen. Es war Klytämnestra, rachsüchtige Ehefrau und Königin von Mykene, die ihren Mann, König Agamemnon, dazu brachte, den Zorn der Götter auf sich zu ziehen: Bei der Rückkehr ihres Gatten aus Troja ließ sie vor dem Palast purpurrote Tücher ausbreiten, um ihn willkommen zu heißen. Die Eitelkeit gewann, er setzte den Fuß "auf des Purpurs Glanz" und folgte seinem Weib in den Palast.

Keine gute Idee: Die Götter waren stinkwütend, noch in derselben Nacht segnete er das Zeitliche. Immerhin, das sollte man Agamemnon zugute halten, war dies die Geburtsstunde des roten Teppichs. Wer über die begehrteste Auslegeware des Planeten laufen darf, hat es geschafft: Der Gang über den roten Teppich ist ein Symbol für Ruhm und künstlerischen Erfolg. Allein das Ausrollen gleicht einem Akt der Unterwerfung.

Auch bei der diesjährigen Oscar-Verleihung wird man den Teppich ausrollen für all die schillernden Figuren, die sich Fotografen und Publikum präsentieren. Mit dem kleinen Unterschied, dass der Teppich zum ersten Mal: beige sein wird. Offiziell ist die Rede von Champagnerfarben - ein dreister Euphemismus für eine Farbe, die Menschen jenseits der 70 wählen, um mit ihrem Hintergrund zu verschmelzen.

Aber mal davon abgesehen: Wo kommen wir denn hin, wenn man die zentrale Bedeutung einer Farbe nach Belieben verändert? Und was folgt als nächstes - wird der Amtssitz des US-Präsidenten zum Green House? Zeigt das berühmte Gemälde von Franz Marc eines Tages ein grünes Pferd? Erscheinen die Gelben Seiten nächstes Jahr in Lila?

Es ist durchaus nachvollziehbar, dass sich die Hollywood-Elite nach den Eklats der vergangenen Jahre mehr Behaglichkeit, Bodenständigkeit und Zuverlässigkeit wünscht - Naturtönen wird in der Farbpsychologie ja eine beruhigende Wirkung zugeordnet. Interior-Designer würden aber zumindest links und rechts Pampasgras aufstellen, so käme, wenn schon kein Glamour, vielleicht ein bisschen Urlaubsstimmung auf.

An hellem Beige ist nur eines gewagt: Man sieht darauf wirklich jeden Fleck. Hoffen wir also, dass Will Smith sich an sein Hausverbot bei den Academy Awards hält. Dann dürfte auch der Optimismus von Moderator Jimmy Kimmel angebracht sein: Die Entscheidung für den champagnerfarbenen Teppich zeige, "wie zuversichtlich wir sind, dass kein Blut vergossen wird."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5766072
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/lot
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.