Anna Siebert presst ihren Finger vor die Lippen: „Psst“ – ab jetzt wird nur noch geflüstert, die Häuser des anliegenden Wohngebiets sind nur wenige Meter entfernt. Stille – nur die Grillen zirpen. Ein letzter akribischer Blick, dann hievt sie sich über einen Metallzaun. Was Siebert macht, ist nicht nur risikoreich, sondern auch in vielen Fällen Hausfriedensbruch. Darum wurde ihr Name von der Redaktion geändert. Als sogenannte Rooferin klettert die 24-Jährige auf Türme, Hausdächer oder wie an diesem warmen Sommerabend auf einen 50 Meter hohen Sendemast im Saarland. So wie sie gerade den Zaun hinunterspringt, könnte sie auch auf dem Weg zum Kiosk sein: eine schwarze Adidas-Trainingsjacke, kurze Hose, Sneaker. Nur die Handschuhe, die sie vor dem Abrutschen bewahren, verraten sie.
„Irgendwo ist das ja auch der Reiz, ungesichert da hochzuklettern“, sagt Siebert. Sich zu sichern, „dauert ja, sieht doof aus, und auf Instagram klickt sich das nicht so gut“. Unter dem Namen „_stuermerin“, postet Siebert für ihre 16 000 Follower Kurzvideos und Fotos auf Türmen, aber auch von „Lost Places“, verlassenen Orten wie Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg. Über die eigene Szene auf Social Media sagt sie: „Jeder will der Geilste und der Beste und der Coolste sein und der mit dem krassesten Foto.“
Siebert macht Roofing, auch Rooftopping genannt. Eine Art Extremsport, bei dem Menschen ohne Sicherheitsvorkehrungen auf hohe Gebäude klettern. Was früher nischig war, ist nun durch soziale Medien und besonders durch die Netflix-Dokumentation „Skywalkers: Eine Liebesgeschichte“ bekannt. Darin erklimmt das russische Paar Angela Nikolau und Ivan Beerkus den Wolkenkratzer Merdeka 118 in Kuala Lumpur. Ihnen folgen inzwischen Millionen auf Instagram und Youtube. Diesen 1. Juli kletterte das Paar in New York auf einen Teil des Empire State Building, der Besuchern eigentlich verwehrt ist: die Antennenkonstruktion. In 443 Metern Höhe hielt Beerkus um die Hand von Nikolau an, auch wenn umstritten ist, ob sie nicht schon davor verlobt waren. Der US-Nachrichtensender ABC übertrug das Spektakel live, Medien weltweit berichteten. Rooftopping wurde damit noch bekannter.
Was reizt junge Menschen daran, sich einer solchen Gefahr auszusetzen?
Immer mal wieder stirbt jemand beim Rooftopping, Anna Siebert beeindruckt das nicht
Einen Antrag hat Siebert beim Rooftopping bisher keinen bekommen. Am Sendemast im Saarland schaut sie statt auf Wolkenkratzer wie in Manhattan auch eher auf trockene Wiesen und Felder. Jeder fängt mal klein an, sagt sie. Zuerst waren es „Lost Places“, dann „hat man sich da so hoch gesteigert“. Von verlassenen Bahnhofsgebäuden zu Bunkern – bis ein Freund vorschlug, auf einen aufgegebenen Schornstein zu klettern. Das Interesse war geweckt: „Ich habe dann angefangen, auf kleine Sendemasten zu klettern. Die waren dann so 30, 40 Meter hoch.“ Danach bestieg sie einen Turm in Saarbrücken mit etwa 100 Metern. Nun gebe es kein Limit mehr für sie, sie klettere auf Türme, die weit höher als 200 Meter sind. Ohne Angst. „Also am Anfang, die ersten zwei, drei Male, als ich klettern gegangen bin, hatte ich noch einen Adrenalinkick“, sagt Siebert. Heute begeistere sie nur noch die Aussicht.








Ein Kumpel begleitet Siebert beim Sendemast-Aufstieg. Er läuft voraus, sie läuft nach – das trockene Gras unter ihnen knackt bei jedem Schritt, bis es vom Surren des Sendemasts übertönt wird.
An der Seite hat er eine Leiter, die zu einer Plattform führt.
Vor den ersten Sprossen aber hängt eine Metallplatte, die einen beim Besteigen hindern soll. Auf der kleben Warnschilder: Strahlung, Betreten verboten, Klettern ausschließlich mit Sicherung – Siebert grinst nur. Wortlos hangelt sie sich an der Platte vorbei.
Jetzt geht es 50 Meter nach oben, die Leiter wackelt, ein Windstoß lässt Sieberts dunkelrote Haare wehen. Kein Stöhnen, kein Zittern – beim Zuschauen wirkt das Klettern fast schon langweilig. Doch ein Fehltritt könnte tödlich enden. Sie beeindruckt das nicht: „Ja, sterben ja ständig Menschen.“
So stürzte 2023 etwa ein französischer Hochhauskletterer in Hongkong in den Tod, vom 68. Stockwerk des Tregunter Tower. In der Steiermark starb im März ein 19-Jähriger beim Versuch, einen Hochspannungsmast zu besteigen. Solche Todesfälle bekomme sie auch mit, sagt Siebert. Doch: „Persönlich kenne ich keinen.“ Ihr sei das Risiko bewusst. „Man macht es trotzdem.“ Die wertvolle Arbeit, die sie bei einem Sturz Rettungskräften bereiten würde, nimmt Siebert in Kauf: „Kann schon sein, dass es egoistisch ist, aber das wäre dann nicht mehr mein Problem.“
Ob sie eine Vorbildfunktion ihren Followern gegenüber hat? Darüber hat die „_stuermerin“ noch nicht nachgedacht. „Ich kann das eh nicht beeinflussen.“ Ein Auto-Tuning-Influencer sei auch nicht schuld, wenn jemand einen Autounfall habe. Häufig gebe sie auf Nachfrage auf Social Media sogar Tipps, wie man sich anfangs verhalten solle: „Immer langsam und erst mal klein anfangen.“
Es ist einfach alles sexualisiertRooftopperin Anna Siebert
Drei Plattformen hat der saarländische Sendemast, für Wartungstechniker. „Stürmerin“ erreicht nun die zweite, ein Metallgitter. Ein kurzer Blick nach unten, auf die Häuser neben dem Mast, und sie gibt ein Blitzlichtverbot: Zu hoch sei das Risiko, dass jemand sie entdecke. „Erwischen lassen ist keine Option“, sagt Siebert. Eine Viertelstunde bleibe noch, um den Sonnenuntergang zu sehen. Außerdem begeht sie ja gerade eine Straftat – Paragraf 123 Strafgesetzbuch, besser bekannt als Hausfriedensbruch, was mit einer Geldstrafe, im schlimmsten Fall gar mit einer Freiheitsstrafe geahndet werden kann. Und auch wenn sie der Betreiber nicht anzeigt, könnten zumindest Rettungskosten von mehreren Tausend Euro anfallen.
„Ich bleibe hier“, sagt Sieberts Begleiter. Er legt sich auf das Gitter und verschränkt die Arme hinter seinem Kopf. Rooftopper sind oft zusammen unterwegs. Ein richtiges Miteinander gebe es trotzdem nicht, sagt Anna Siebert, das seien hauptsächlich Zweckgemeinschaften. Nach dem Motto: „Du hast einen coolen Spot, jetzt sind wir befreundet.“ Ihr Kumpel nickt. Als Frau sei Siebert schon häufig von anderen Roofern unterstellt worden, sie küsse für Geld Männer auf Türmen oder verkaufe sich für ein ganzes Wochenende. „Es ist einfach alles sexualisiert“, sagt sie. „Und ich gucke schon immer, dass man weder Ausschnitt noch meinen Arsch sieht.“


Oben, auf der dritten Plattform, über 40 Meter hoch, lächelt sie. „Schöne Aussicht!“ Sie mag es, wie leise es „in der Höhe“ ist. „Man bekommt nichts mehr mit, man ist einfach so frei!“ Nur die Lastwagen einer nahen Autobahn sind zu hören.
Sie zückt ihr Handy und macht ein Selfie mit dem Sendeturm im Hintergrund. Die letzten Sonnenstrahlen lassen ihr Haar aufleuchten. Gepostet werden Fotos erst Tage später – wenn sie längst wieder am Boden ist. Falls jemand darauf den Turm erkennt und die Polizei ruft, ist Siebert schon lange weg. Familienmitglieder wie ihre Eltern hat sie auf ihren Social-Media-Kanälen blockiert, obwohl sie vom Hobby ihrer Tochter wissen. „Ich weiß selbst, dass es dumm und gefährlich ist, und ich brauche mir das von meinen Eltern nicht noch mal sagen zu lassen.“
Nach dem Selfie klettert Siebert zügig herunter. Schritt für Schritt über die Leiter. Sie wollen in dieser Nacht noch weiter zu einem verlassenen Bunker. Zeit haben die beiden reichlich: Ihr Kumpel ist diese Woche krankgeschrieben, sie ist nach einer Ausbildung gerade auf Arbeitssuche.
Einige Tage später postet Anna Siebert ein Foto aus einem Bunker, mit eingraviertem Hakenkreuz, „das soll provozieren“
Einige Tage später: Auf ihrem Instagram-Account gibt es einen neuen Post, es ist aber nicht das Selfie vom Sendemast, sondern ein Schwarz-Weiß-Bild einer vergangenen Bunkertour. Siebert trägt darauf eine US-amerikanische Militäruniform, ihr Blick ist zum Boden gerichtet. Hinter ihr prangt ein gigantisches, eingraviertes Hakenkreuz an einer Bunkerwand. Im Titel schreibt Siebert: „Die H@kenkreuz Bunker – Die wohl bekanntesten Westwallbunker. Historisches Relikt, keine Verherrlichung, nicht meine politische Ansicht.“ Mit dem @-Zeichen versucht sie, vermutete Algorithmen zu umgehen, die problematische Begriffe erkennen sollen. In einem weiteren Bilder-Post blickt sie auf einen Adler mit der Inschrift „Blühe deutsches Vaterland“. In einem ihrer „Story-Highlights“ unterlegt Siebert ein Foto einer sogenannten „Reichseierkarte“, einer Art von Rationskarte im Zweiten Weltkrieg, mit einer Rede von Adolf Hitler und schreibt in ihr Profil „Feind hört mit“.
Darauf von der SZ angesprochen, sagt Anna Siebert: „Mein Account ist eine Dokumentation und keine Verherrlichungsseite von irgendetwas.“ Eine Argumentation, die auch in der rechten Szene gängig ist. Siebert sagt, sie wolle nur den Bunker zeigen. „Natürlich habe ich mich dann davor gestellt, vor dieses Symbol – das zieht ja die Leute, das soll provozieren.“ Ob sie sich sorge, damit Rechtsradikale anzusprechen? „Alles, was in Richtung Rechtsextremismus geht, lösche ich komplett.“ Sie habe keine Kontakte zu Nazis. Zu der Hitler-Rede, die sie gepostet hat, sagt sie: „Es ist ja passiert, ich sage nicht, dass es geil ist, es hat einfach nur zu den Bildern gepasst.“ Kurz nach dem Telefonat mit der SZ löscht sie den Satz „Feind hört mit“ und erweitert die Bildunterschrift des „Hakenkreuz-Fotos“ mit: „Mahnmal, grenze mich ab von allem, was in Richtung rechts geht, reine Dokumentation und bildliche Veranschaulichung.“ Die Hitler-Rede hat sie bisher nicht aus ihren Story-Highlights entfernt. Sie provoziert nicht nur User auf der Plattform, sondern auch eine Anzeige: Ihre Posts könnten, abhängig vom Kontext, einen Anfangsverdacht auf die Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen begründen.
Wie auch immer Siebert wirklich darüber denkt: Die Extreme bringen ihr Aufmerksamkeit, damit behält sie recht. Nicht nur das illegale Hochklettern und Sich-in-Gefahr-Begeben: Die Bildserie mit dem Hakenkreuz-Foto hat mehr als 20 000 Likes, es ist ihr erfolgreichster Instagram-Post.

