Roma in Deutschland:Gefahr für die soziale Balance?

Johanna Smith kümmert sich hier jeden Dienstag und Donnerstag im Auftrag der Stadt um die Roma. Eine Geschichte erzählt sie gerne, wenn wieder einmal behauptet wird, es seien nur die Ärmsten der Armen, die da kommen. Arm an Geld, arm an Bildung, arm an Zukunft und ohne den Willen, sich anzupassen. Wenn also wieder über die vielen tausend Roma diskutiert wird, die derzeit vor allem ins Ruhrgebiet strömen. "Neulich hatten wir ein Roma-Mädchen, das sechs Sprachen fließend spricht", sagt Smith. "Die will studieren und Karriere machen." Smith betreut das Projekt "Schritt-Weise", das sich in Dortmund an Roma-Familien wendet, Smith spricht lieber von "Zuwanderern aus Rumänien und Bulgarien". Letztlich sind es aber vor allem Roma aus dem bulgarischen Plovdiv, die zu Tausenden nach Dortmund übergesiedelt sind. Vor allem, weil es hier für die EU-Bürger Kindergeld und andere Transferleistungen gibt, behaupten viele. Vor allem, weil es hier eine Zukunft gebe, sagt Smith.

Am Anfang sah diese Zukunft ziemlich düster aus. Die Roma hausten in der Dortmunder Nordstadt in leer stehenden Häusern oder zu Dutzenden in kleinen Zimmern, ließen sich von Vermietern abzocken. Die Frauen verkauften ihre Körper, die Männer ihre Arbeitskraft. Es waren schlimme Zustände in der Nordstadt, die Anwohner begannen zu protestieren, sie sahen die soziale Balance des Problemstadtteils gefährdet, der doch gerade erst gefestigt zu sein schien. Die ersten Generationen der Zuwanderer, vor allem aus der Türkei, waren zu Hauseigentümern geworden, hatten in die Zukunft investiert. Die Nordstadt war auf dem Weg zu einer gewissen Gutbürgerlichkeit. Dann kam die neue Welle an Zuwanderern. "Wir sind mit einer Armut konfrontiert, die alles übersteigt, was wir bisher kennen", sagt Smith.

Also wurde das Projekt "Schritt-Weise" ins Leben gerufen, das den neuen Mitbürgern die ersten Schritte erklären soll. Den Eltern, was ein Anwalt ist und wie man die Behördengänge erledigt, den Kindern, wie man auf einem Stuhl sitzt. Man fängt manchmal bei null an, aber einen neuen Anfang wollen alle wagen. "Viele sagen, wir sind wegen unserer Kinder hier hergekommen, damit die bessere Chancen haben durch Bildung. Das Märchen, dass die an unserer Bildung nicht interessiert sind, können wir nicht bestätigen", sagt Smith. Bildung fängt mit Sprache an, das Projekt arbeitet mit Auffangklassen der Stadt zusammen, in denen die Kinder schulfähig gemacht werden sollen.

Darf man das heute noch sagen, Zigeuner?

Johanna Smith sagt, es gebe auch Erfolgsgeschichten. Aber in die Schlagzeilen kommen nur die negativen Geschichten. So wie jene aus Duisburg-Rheinhausen, wo das sogenannte Problemhochhaus steht. Dort lebten bis zu tausend Roma auf engstem Raum. Die Duisburger Stadtwerke mussten nach eigenen Angaben ein Dutzend neue Stellen schaffen, um den Müll zu beseitigen, der durch Roma anfiel, weil die ihn einfach aus dem Fenster warfen. 20 neue Müllmänner, und nur ein neuer Sozialarbeiter.

Nur ein paar Kilometer weiter, im Düsseldorfer Norden, versucht man an diesem Abend, das Problem akademisch anzugehen. Klaus-Michael Bogdal liest aus seinem Buch. "Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung", heißt es, Bogdal hat damit den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung bekommen. Der kleine Saal der Stadtteilbibliothek ist gut besucht, es gibt Wasser und Wein. Und ein bisschen "Zigeunermusik" zur Einstimmung. Und da beginnt schon die Debatte: Darf man das heute noch sagen, Zigeunermusik?

Zu solchen und ähnlichen Fragen tobt gerade ein kleiner Krieg in den Foren des Internet, auf dem Sachbuchmarkt gibt es eine erstaunliche Zahl von Bucherscheinungen, die sich mit den Sinti und Roma beschäftigen. Man kann sie ganz grob gesagt in zwei Lager verorten: Da sind die einen, die als Journalisten recherchiert haben oder aus der Praxis kommen wie der Autor und Journalist Rolf Bauerdick, der in seinem Buch "Zigeuner: Begegnungen mit einem ungeliebten Volk" von seinen zahlreiche Reisen nach Südosteuropa berichtet. Er sieht eine fatale Verquickung von Armuts- und Mentalitätsproblematik, die von Generation zu Generation weitergegeben werde, eine Abwehrhaltung gegenüber allem, was fremd erscheint.

"Gadsche", nennt man in ihrer Sprache das, was nicht-Roma ist. Auf der anderen Seite stehen Akademiker wie der Preisträger Bogdal, der sagt: "Wir reagieren in der Regel mit Abwehr, wenn wir etwas Fremdem begegnen, noch bevor dieses Gegenüber etwas getan hat, was wir als bedrohlich empfinden." Seine These: Zuerst gab es Diskriminierung und Vorurteile, dann die Armut der Roma. Er bringt Beispiele auf einer kleinen Leinwand, aus der Literatur, aus Filmen von Walt Disney. Frauen die klauen oder sexuell aufreizend wirken. Typisch Roma angeblich.

Nur die negativen Geschichten werden sichtbar

Was das nun für die Gegenwart bedeute, wird Bogdal gefragt. Welchen Rat er gebe für den Umgang mit den real existierenden Problemen, zum Beispiel in Duisburg, wo nicht wenige Roma den Nachbarn jeden Tag aufs Neue ihre Vorurteile zu bestätigen scheinen, wenn sie Gänse und Schwäne vom Teich fangen und essen, wenn sie den Müll zum Fenster hinauswerfen? "Ich rede nicht über Lebenswirklichkeit, sondern über die Darstellung in der Literatur", sagt Bogdal. Der Umgang mit Gegenwartsproblemen gehöre nicht zu seinem Berufsbild.

In der westlichen Welt ist ein ganzer akademischer Kreis entstanden, der die Geschichte der Roma erforscht. Doch zueinander findet man nicht. An dem Abend in der Stadtteilbibliothek sitzen nur sehr deutsch aussehende Menschen im Publikum. Der "Zigeuner" darf die Musik machen, nach einer Stunde Diskussion hat er genug. "Ihr sprecht andauernd über mein Volk, aber nicht mit uns", sagt Mustafa Zekirov, die Gitarre in der Hand. Es herrscht jetzt eine peinliche Stille im Saal. "Es gibt auf der ganzen Welt zwölf Millionen Roma", fährt er fort , "aber ihr seht nur die, die sich nicht integrieren wollen und nicht gebildet sind. Wir sehen aber all die anderen, die studiert haben, die ganz normale Berufe machen." Dann spielt er noch etwas Musik.

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