Roma in der Slowakei "Die Zigeuner muss man erziehen"

Als solche könnte man eher die Mauer in Ostrovany bezeichnen, einer Ortschaft 50 Kilometer weiter nördlich. Die Mauer dort ist 150 Meter lang und trennt das Roma-Viertel vom Rest des Dorfs. Im August prügelten zwei junge Roma einen 65 Jahre alten Stadionwächter in der Nachbarstadt beinahe zu Tode. Er hatte sie zur Rede gestellt, als sie versuchten, einen Fernseher zu klauen. Die Männer stachen dem Wächter ein Auge aus. Danach gab es einen landesweiten Aufmarsch der Rechtsextremen.

"Die Zigeuner muss man erziehen", sagt Vater Peter. Er ist 50 Jahre alt, hat weiche Gesichtszüge und einen wachen Blick. Während er spricht, wummert aus dem Plattenbau gegenüber greller Roma-Pop, stundenlang. Mit seinen Nachhilfeangeboten und Gottesdiensten erreicht Vater Peter nach eigener Aussage an die hundert Roma. Der Rest der etwa 6000 Bewohner von Lunik sei nicht ansprechbar

Eine der Familien, mit deren Kindern die Salesianer arbeiten, sind die Danrovs. Mutter, Vater, drei Töchter, ein Sohn. Sie wohnen in einer kleinen Dreizimmerwohnung im fünften Stock eines vom Ofenrauch angeschwärzten Gebäudes. Es ist ein karg, aber sauber eingerichtetes Zuhause mit abgewetzten Teppichen, Plastikblumengirlanden, bunten Jesusfiguren an der Küchenwand. Der Vater zeigt sich nicht, er sieht im Schlafzimmer fern. Eine Comedyshow, da wird viel gelacht. "Er schämt sich", sagt die Mutter, Helena. "Er hat keine Arbeit."

19 Menschen in Lunik haben Arbeit

Bis auf 19 Menschen hat in Lunik eigentlich niemand Arbeit. Die 19 arbeiten im Stahlwerk. Vater Peter sagt, dass sie trotz ihrer Arbeit die höchsten Schulden haben, da sie nicht wüssten, mit Geld umzugehen.

Helena ist 36. Sie hat eine mädchenhafte Ponyfrisur, braune Augen und mehrere Narben im Gesicht. Auf der Brust trägt sie ein Holzkreuzchen. Sie wuchs im Stadtzentrum von Košice auf, arbeitete dort als Gärtnerin. Erst mit 20 musste sie nach Lunik ziehen. Ihre Eltern waren arbeitslos geworden und konnten sich die Wohnung in der Stadtmitte nicht mehr leisten. "Es war ein Albtraum", sagt Helena. "Und der Albtraum geht weiter. Mein einziges Ziel ist seit 16 Jahren, hier wieder rauszukommen. Hoffentlich gelingt es meinen Kindern."

Helena sagt, sie habe keine Freunde in Lunik. "Erstens betrinke ich mich nicht regelmäßig. Zweitens habe ich etwas dagegen, dass meine Kinder bis Mitternacht auf der Straße rumhängen und Klebstoff schnüffeln. Drittens ziehe ich mich sauber an. Viertens habe ich keine Zeit, um auf der Bank zu sitzen und zu lästern. Ich fühle mich hier fremd." Aber auch in Košice fühle sie sich fremd.

Einmal wurde Helenas Tochter in der Stadt von einem Auto angefahren, und im Krankenhaus musste Helena eine Ärztin anbetteln, sie möge das Mädchen untersuchen. "Sie fragten uns am Empfang, wo wir wohnen. Ich sagte, in Lunik 9. Dann ist stundenlang niemand gekommen."

Helenas Familie lebt von Sozialhilfe, 400 Euro im Monat. Ihre elf Jahre alte Tochter Jessica nimmt bei den Salesianern Klavierunterricht. Jessica hat ein altes Nokia-Handy, sie zeigt eine SMS. Zwei Salesianer-Schwestern haben sich kürzlich von ihr verabschiedet: "Wir gehen, aber unser Herz ist in Lunik 9 geblieben, bei euch."