Roma in der Slowakei Hinter den Mauern

In den Betonklötzen der Romasiedlung Lunik 9 leben etwa 6000 Menschen. Davon haben nur 19 eine Arbeit.

Das slowakische Košice beherbergt mit "Lunik 9" eine große Roma-Siedlung. Dass in der Nähe der Plattenbauten eine hohe Mauer errichtet wurde, entsetzt die EU mehr als die Bewohner. Vater Peter, ein katholischer Priester, kümmert sich in "Lunik 9" um die Roma und sagt: "Die Zigeuner muss man erziehen."

Eine Reportage von Tim Neshitov, Košice

Ist Vater Peter ein Rassist?

Vater Peter ist katholischer Priester, er lebt in der ostslowakischen Stadt Košice, wo eines der berüchtigtsten Roma-Viertel Europas steht. Er sagt Folgendes über die Roma (er nennt sie Zigeuner):

"Sie haben eine andere Mentalität als wir weißen Menschen. Sie kommen aus Indien und können nicht normal leben. Sie wollen das auch gar nicht. Man muss den Zigeunern christliche Werte anerziehen, dann schaffen es auch manche von ihnen."

Lunik 9, so heißt die Roma-Siedlung hier, besteht aus verfallenden Plattenbauten aus den Siebzigerjahren, den Gebäuden fehlen Fensterscheiben, Türen, Wasserhähne, Heizkörper. Nachts leuchten hier keine Laternen, Müll liegt teppichbunt zwischen den Häusern. Die Müllcontainer stehen leer, darin spielen Kinder. Hier fahren keine Taxis her, und als kürzlich eine Polizeistreife vorbeikommen musste, um eine Schlägerei zu beenden, wurden dem Wagen die Räder abgeschraubt.

Androulla Vassiliou, EU-Kommissarin für Bildung, Kultur, Jugend und Mehrsprachigkeit, würde Vater Peter vermutlich des Rassismus bezichtigen. Als der Kommissarin im August berichtet wurde, dass die Bevölkerung von Košice eine Mauer gebaut habe, um sich von den Roma abzugrenzen, schrieb sie an den Bürgermeister: "Ich bin zutiefst überzeugt, dass die Errichtung physischer Barrieren jene Werte verletzt, auf denen die Europäische Union gegründet wurde, nämlich den Respekt für die Menschenwürde und Menschenrechte, einschließlich derer von Minderheiten."

Mitten in der Feierstimmung wird ein Wall gebaut

Mauern gegen Roma, das gibt es mittlerweile an mehreren Orten in Osteuropa, aber in diesem Fall musste die Europäische Kommission dringend reagieren. Košice, die zweitgrößte Stadt der Slowakei mit einer Bevölkerung von 240.000 Einwohnern, teilt sich in diesem Jahr mit Marseille den Titel "Kulturhauptstadt Europas". Es fließt EU-Geld, Hochglanzbroschüren sind gedruckt, ausländische Künstler erschließen, oft in Begleitung ausländischer Journalisten, die ostslowakische Kulturvielfalt. Und mitten in dieser Feierstimmung wird eine Mauer gebaut.

Der Bürgermeister von Košice, Richard Raši, antwortete prompt. Die Mauer sei illegal entstanden, die Verantwortung trage der Bürgermeister von Západ, dem Stadtviertel, das an die Roma-Siedlung grenzt. "Die ethnische Gruppe der Roma ist seit mehr als einem Jahrtausend ein untrennbarer Teil der europäischen Zivilisation", schrieb Raši. "Keine geistigen oder physischen Barrieren können dies ändern". Er, der Oberbürgermeister, werde dafür sorgen, dass die Mauer verschwinde.

Roma in Rumänien

Willkommen bei den Unwillkommenen

Demnach müsste auch der Bürgermeister Vater Peter für einen Rassisten halten. Nur: Vater Peter ist einer der wenigen Menschen, die in Košice tagtäglich etwas für die Roma tun.

Vater Peters Vorgänger wurde psychisch krank

Der Priester lebt seit sechs Jahren in Lunik. Er lebt hinter einem hohen Zaun, in einer festungsähnlichen Mission der Glaubensgemeinschaft Salesianer del Bosco. Zusammen mit sechs weiteren Ordensmitgliedern und vier freiwilligen Studentinnen bringt er Roma-Kindern Englisch bei, sie geben den Kindern Klavier- und Malunterricht, verteilen Brotrationen an Hungrige und Medikamente an Kranke, machen Hausbesuche. Die Fenster der Mission sind vergittert. Vater Peters Vorgänger wurde nach fünf Jahren abgezogen, er musste psychisch behandelt werden.

Außer den Salesianern gibt es in Lunik keine Sozialdienste. Der Staat unterhält hier eine Schule, deren Abschlüsse auf dem Arbeitsmarkt ungefähr so viel wert sind wie Gefängnisentlassungszeugnisse. Sonst hält sich der Staat heraus.

Der Briefwechsel zwischen der EU-Kommissarin und dem Bürgermeister ist an Vater Peter vorbeigegangen. Wie auch an den meisten Bewohnern von Lunik.

Es gibt nämlich keine Mauer, die Lunik vom Rest der Stadt trennt. Die Mauer, die in Brüssel für Entsetzen sorgt, steht nicht um die Siedlung herum, sondern auf einem Hügel etwa zwei Kilometer Luftlinie entfernt. Von Lunik aus sieht man diese Mauer kaum. Sie ist 25 Meter lang und schließt eine Lücke zwischen zwei Häusern am Rande des Stadtviertels Západ. Durch diese Lücke seien öfter Diebe entkommen, erzählten die Bewohner dieser zwei Häuser der Lokalzeitung. Seit die Mauer stehe, sei Ruhe. Zwischen der Skandalmauer und Lunik liegen ein steiler Hügelhang, eine Schnellstraße, ein Hain, ein Bach. Die Mauer stellt durchaus eine physische Barriere dar, sie ist zweieinhalb Meter hoch, aber man braucht schon viel Phantasie, um darin eine Gettomauer durch die europäische Zivilisation zu erkennen.