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Bettina Wulff und Gerüchte im Netz:Im Recht bleiben immer große Narben

Es gibt zwei Arten dieser netzgestützten Kampagnen: Die einen haben einen wahren Kern - wie damals die Kampagne gegen Eulenburg; andere sind blanke böse Erfindung - wie heute die Verleumdung von Bettina Wulff eine ist, die aber mit den kleineren und größeren Vorwürfen gegen ihren Mann, den Politiker, süffisant verwoben wurde. Christian Wulff wurde mit den Vorwürfen über finanzielle Unregelmäßigkeiten die moralische Eignung für das Bundespräsidentenamt aberkannt - da kamen die erlogenen moralischen Anwürfe gegen seine Frau gerade zupass.

Die Kampagnen mit dem wahren Kern zerren oft Details aus dem Intimleben des Entlarvten ans Licht; Details, die freilich niemanden etwas angehen. Max Mosley, der frühere Präsident des Weltmotorsportverbandes FIA führt bis heute einen Kampf gegen die Bilder, die ihn halb nackt präsentieren; sie wurden gemacht, als er auf einer Sex-Party fotografiert wurde; seine ganze Vita ist seitdem, wie der Spiegel schreibt, auf diesen Skandal zusammengeschmolzen.

Warum? Weil Konzerne wie Google riesige Maschinerien gegen das Recht auf Vergessen geworden sind. Das wissen und erleiden auch die Frauen, deren Ex-Freunde und Ex-Ehemänner intime Fotos ins Netz stellen - aus Rache, aus Bosheit, aus Lust an der Entwürdigung, aus Lust am Rufmord, aus Machtlust.

Komplette Erfindung kompromittierender Geschichten

Solche Lust führt dann auch, wie im Fall Bettina Wulff, zur kompletten Erfindung kompromittierender Geschichten. Die schweinische Kampagne gegen sie hat wohl den Rücktritt ihres Mannes als Staatsoberhaupt mit befördert. Er und sie waren hier aus juristischen Gründen ganz besonders ohnmächtig: Hätten sie damals schon vor Gericht geklagt, wäre die Rotlicht-Geschichte noch stärker in der Öffentlichkeit breitgetreten worden - als angeblich notwendige, genüssliche Berichterstattung über ein gerichtliches Verfahren.

"Restitutio ad integrum" nennt man in der Medizin die vollständige Wiederherstellung eines Menschen nach Abschluss des Heilungsprozesses. Manchmal bleiben Narben zurück. So gut funktioniert das Recht leider nicht; große Narben bleiben dort immer. Und vollständige rechtliche Heilung bei massivsten Persönlichkeitsrechtsverletzungen gelingt nie. Im Internet gibt es bislang nicht einmal halbwegs ordentliche Heilungsversuche. Es ist leider so: Das bisherige Internetrecht verdient nicht einmal das Wort Recht.

Vor dreißig Jahren, in Vor-Internet-Zeiten, wurde Günter Kießling, Vier-Sterne-General, Opfer von Gerüchten. Sie besagten, er sei homosexuell, er treibe sich in einschlägigen Lokalen herum und sei deswegen erpressbar. Zeitungen berichteten verlogene Einzelheiten, ließen suspekte Zeugen zu Wort kommen. Der damalige Bundesverteidigungsminister Manfred Wörner erklärte ihn daraufhin zum Sicherheitsrisiko, schickte ihm formlos die Entlassung. Der General wehrte sich - der Verteidigungsminister geriet immer stärker in Beweisnot; er hatte sich blind auf einen Gerüchtemix des Militärischen Abschirmdienstes MAD verlassen, dem einige Andeutungen von US-Offizieren zugrunde lagen; die Öffentlichkeit hatte zu diesem Mix noch ihre eigenen Spekulationen dazu getan. Aus dem Fall Kießling wurde schließlich ein Fall Wörner: Er musste den General wieder einstellen.

Es war dies der Versuch einer juristischen Restitutio ad integrum. Man kann sich überlegen, wie das in der Causa Wulff, wie das bei Bettina Wulff aussehen könnte.

Wäre der Fall Kießling in jüngerer Zeit passiert, der General müsste womöglich damit leben, dass bei der Google-Suche nach der Eingabe der ersten Buchstaben seines Namens schon die Namen einschlägiger Sex-Lokale auftauchen. So wie es heute auch Schulen es aushalten müssen, dass bei der Eingabe ihres Namens dahinter sofort das Wort "Selbstmord" erscheint.

Wie lange noch?

© SZ vom 15.09.2012/jobr
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