USADer Specht, der Donald Trump Konkurrenz macht

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„A guy’s thing“: der Helmspecht aus Rockport beim Ausbaldowern eines Pick-up-Trucks.
„A guy’s thing“: der Helmspecht aus Rockport beim Ausbaldowern eines Pick-up-Trucks. Janelle Favaloro/privat
  • In Rockport, Massachusetts, beschädigt ein Helmspecht seit März zahlreiche Autospiegel und Windschutzscheiben.
  • Der paarungsbereite Specht attackiert möglicherweise sein Spiegelbild, das er für einen Konkurrenten hält.
  • Die ungewöhnliche Geschichte erregt landesweit Aufmerksamkeit, die Einwohner nehmen es mit Humor.
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Wilde Frisur, übertriebenes Männlichkeitsgehabe und ordentlich Lärm: In einem Städtchen in Massachusetts hat sich ein paarungsbereiter Specht auf das Zerhacken von Autospiegeln spezialisiert. Endlich mal jemand anderes im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Von Boris Herrmann, New York

Sie habe den Tatverdächtigen vor fünf Jahren zum ersten Mal beobachtet, sagt Janelle Favaloro. Direkt bei ihr hinterm Haus, in einem kleinen Waldstück in Rockport, Massachusetts. Der Tatverdächtige habe dort vier Jahre lang keinen größeren Schaden angerichtet. „Abgesehen von Baumstämmen hat er nie irgendwas attackiert“, sagt Favaloro. Es sei deshalb verwunderlich, dass er in diesem Jahr plötzlich anfing, Autospiegel zu zertrümmern. Und zwar einen nach dem nächsten. Mehr als 25 kaputte Spiegel hat Janelle Favaloro in den vergangenen Wochen in ihrer Nachbarschaft gezählt. Anfang April gelang es ihr, den mutmaßlichen Urheber dieser Serie von Sachbeschädigungen auf frischer Tat zu fotografieren. Er ist etwa 50 Zentimeter groß und hat die markante rote Frisur eines pileated woodpecker. In Deutschland sagt man Helmspecht.

Rockport ist ein beschauliches Küstenstädtchen mit etwa 7000 Einwohnern, das circa eine Autostunde nördlich von Boston liegt. Die Leute hier leben vor allem vom Hummer-Fang und vom Hummer-Tourismus. Sie sind es gewohnt, im Schatten der weltberühmten Hummer-Hochburg Cape Cod zu stehen, die etwas weiter südlich liegt. Die Einwohner Rockports bezeichnen ihre Heimat auch als „the other Cape“. Es kommt nicht allzu oft vor, dass ihr Kap es in die nationalen Abendnachrichten schafft. Aber seit der Specht hier sein Unwesen treibt, ist nichts mehr, wie es einmal war.

Es begann im März, als Janelle Favaloro, 59, feststellte, dass einer der beiden Außenspiegel ihres Autos kaputt war. Sie dachte sich nicht viel dabei, ließ den Seitenspiegel austauschen und betrachtete die Sache als erledigt. „Aber“, so erzählt sie am Telefon, „am nächsten Tag war der Spiegel auf der anderen Seite kaputt.“ Da wurde sie langsam stutzig. Als sie kurz darauf den Helmspecht, den sie seit Jahren immer wieder am Waldrand beobachtet hatte, auf einer Windschutzscheibe sah, die in der Sonne wie ein Spiegel glänzte, sagte sie zu ihrer Schwägerin: „Ich glaube, wir haben einen Vandalen in der Nachbarschaft.“

Als hätte Rocky zugeschlagen: demolierter Außenspiegel.
Als hätte Rocky zugeschlagen: demolierter Außenspiegel. Janelle Favaloro/privat

Anfang April setze Favaloro ihren ersten Helmspecht-Post auf Facebook ab, daraufhin berichtete die Lokalzeitung The Gloucester Daily Times über den Kriminalfall, woraufhin sich bei Favaloro immer mehr Leute aus der Stadt mit zertrümmerten Autospiegeln meldeten. Ein Nachbar erzählte, er habe in seinem parkenden Pick-up-Truck gesessen, als ein rothaariger Riesenspecht an der Scheibe seiner verspiegelten Fahrertür landete und begann, wie wild darauf einzuhacken. An der Stelle sei jetzt eine fette Schramme.

Neben einer ganzen Reihe von anderen ungeklärten Aspekten (zahlt die Autoversicherung bei Schäden, die von angry birds verursacht werden?) stellt sich hier natürlich die Frage nach dem Warum. Wie kommt ein ausgewachsener Specht auf die Idee, sich vom Holzhacken auf die Zerstörung von Autos zu verlegen?

Hat eigentlich mal jemand die Spechtinnen gefragt, wie sie das alles finden?

Janelle Favaloro hat dazu eine ganze Reihe von Theorien. Zunächst einmal, sagt sie, sei ja wohl schwer zu leugnen, dass hier eine bestimmte Form der Männlichkeit im Spiel sei, „a guy’s thing“, wie sie es ausdrückt. In einem Land, in dem der Präsident es für besonders männlich hält, wenn er das gesamte Staatswesen zerstört, muss man sich – jedenfalls dieser Theorie zufolge – nicht wundern, wenn ein Helmspecht-Männlein glaubt, die Damenvogelwelt mit dem Zerlegen von Autos zu beeindrucken. „Jemand sollte mal sein Weibchen befragen“, sagt Favaloro. „Hat sie in den vergangenen Jahren Signale erkannt, dass er ein bisschen verrückt ist?“

Ein von der New York Times befragter Vogelexperte vermutete, dass dieser Specht sein eigenes Spiegelbild attackiert, weil er glaubt, dass es sich um einen Konkurrenten handelt. Bei den Helmspechten ist gerade Paarungszeit. „Er schaut in den Spiegel und sieht da einen sehr schönen Vogel“, sagt Favarolo, „da wird er neidisch und schlägt zu.“

Der Specht hat das Konzept „Spiegel“ nicht verstanden: Er sieht in seinem Gegenüber offenbar einen Rivalen und hackt drauflos.
Der Specht hat das Konzept „Spiegel“ nicht verstanden: Er sieht in seinem Gegenüber offenbar einen Rivalen und hackt drauflos. Janelle Favaloro/privat

Das klingt nun so, als hätte es sich Oscar Wilde ausgedacht. Dessen Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ handelt von einem dandyhaften Knaben, den die Eifersucht auf sein Spiegelbild plagt und der sich deshalb wünscht, es möge an seiner Stelle altern. Aber Dorian Gray endet in der Tragödie, die betroffenen Autobesitzer in Massachusetts gehen dagegen relativ entspannt mit der Lage um. „Niemand kann diesem Specht wirklich böse sein“, sagt Favaloro.

Sie arbeitet in einem Familienunternehmen, das Ölheizungen verkauft, also mit dem Schutz der Natur nicht allzu viel zu tun hat. Gleichwohl darf man Favaloro wohl eine Hobby-Ornithologin nennen, seit Jahren beobachtet sie in ihrer Freizeit die Vogelwelt am anderen Kap. „Ich bin immer noch gerührt, was hier alles durch die Luft fliegt“, sagt sie.

Der pileated woodpecker ist der größte Specht Nordamerikas. Seinen Schnabel bezeichnen Experten als die „biomechanische Entsprechung des Hammers“. Außenspiegel und Windschutzscheiben zerdeppert er gewissermaßen mit links. Und vielleicht, auch darüber wird jetzt in Rockport spekuliert, ist das ja auch ein Schrei nach Aufmerksamkeit in einer Zeit, in der die nahezu gesamte öffentliche Aufmerksamkeit von einem einzigen Amerikaner in Beschlag genommen wird. „Er ist hier jetzt das Stadtgespräch“, sagt Favaloro, und damit meint sie nicht Donald Trump.

Verhaltensauffällig ist sonst immer nur der Präsident

Der Helmspecht bringt die Leute zusammen und gibt ihnen die Gelegenheit, mal über etwas anderes zu reden als über die jüngsten Executive Orders aus dem Weißen Haus. Genau das macht seine Geschichte politisch. Kamerateams der großen Fernsehsender CBS, ABC und NBC sind in Rockport aufgetaucht, um den verhaltensauffälligen Specht zu filmen. Der Boston Globe, die New York Post und die New York Times berichteten davon. Auch in die Late-Night-Show von Seth Meyers hat es die Geschichte geschafft.

Janelle Favaloro fragte dieser Tage im Netz: „Wie sollen wir unseren berühmten Specht nennen?“ Woody Woodpecker, zu Deutsch: Hacky der Specht, haben viele vorgeschlagen. Das wäre sicherlich passend, aber als berühmtester Zeichentrick-Helmspecht von Hollywood auch allzu naheliegend. Favaloro sagt: „Als die inoffizielle Pressesprecherin des Spechts habe ich deshalb entscheiden, dass er Rocky heißt.“ Das spielt auf den Namen seiner Heimatstadt an, aber selbstredend auch auf Rocky Balboa, den berühmtesten Boxer von Hollywood.

Man kann wohl sagen: Sie lieben ihren kleinen Vandalen in Rockport, Massachusetts. Und deshalb versuchen sie auch, ihm zu helfen – indem sie jetzt beim Parken ihre Autospiegel mit Tüten abdecken.

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