Rockerkrieg in Deutschland Gleiches mit Gleichem

Drogen, Waffen, Mord: Bandidos und Hells Angels kämpfen um die Vorherrschaft in Deutschland. Die Rocker sind keine Easy Rider, sondern Schwerverbrecher.

Von Sebastian Beck

Ein heruntergekommener Häuserblock zwischen Schnellstraßen und einem Heizkraftwerk. Das also ist das Rotlichtviertel von Duisburg. Nachts wirkt es noch trister als tagsüber. Nur ein paar Männer schleichen im Nieselregen an dunklen Fassaden entlang und verschwinden im "XX Sex Palace" oder im "Bordell 69". Sonst ist es menschenleer. In der Charlottenstraße parkt ein Mannschaftsbus der Polizei mit laufendem Motor auf dem Gehsteig.

Hells Angels in typischer Kluft: Lederjacke mit dem aufgenähten Logo der Gruppe, einem Totenkopf mit Flügeln.

(Foto: Foto: ddp)

Genau an dieser Stelle, an der das Auto steht, hat alles begonnen: Am 8. Oktober wurde hier der 32-jährige Eschli E. erschossen. Es soll Streit um eine Frau gegeben haben, doch Eifersucht war allem Anschein nach nicht das einzige Tatmotiv.

Denn Eschli E., einst in der Hooligan-Szene von Schalke 04 aktiv, gehörte dem Motorradclub "Bandidos MC" an. Seinen mutmaßlichen Mörder Timur A. rechnet die Polizei zum Umkreis der verfeindeten "Hells Angels". "Die Rache wird die seine sein, durch seine Brüder, die weiterleben", schrieb nach dem Mord an Eschli E. ein Sympathisant auf der Bandido-Homepage.

Was für sie Rache bedeutet, demonstrierten die Motorradrocker dann vor zwei Wochen: In Duisburg versuchten die Bandidos ein von den Hells Angels kontrolliertes Bordell zu stürmen - ohne Erfolg. Danach gingen die Hells Angels zum Gegenangriff über und zogen vors nahegelegene Hauptquartier der Bandidos, wo sie unter den Augen der hilflosen Polizei die Fenster einschlugen.

"Da waren wir hoffnungslos unterbesetzt", sagt ein Beamter aus Duisburg. "Das sind zwei Meter große Schränke, die hätten wir nur mit Schusswaffen aufhalten können." Stunden später schossen die Bandidos auf das Clubheim der Solinger Hells Angels und warfen eine Handgranate durchs Fenster. Es war eine Attrappe.

Seit der Krawallnacht geht die Polizei nun massiv gegen Rockergruppen vor: In Duisburg wird das Rotlichtviertel rund um die Uhr bewacht. Bei Durchsuchungen in mehreren Bundesländern bestätigte sich einmal mehr, was die Ermittler der Polizei seit Jahren wissen: Motorradrocker sind in der Mehrheit keine freiheitsliebenden Easy-Rider-Typen, sondern in Banden organisierte Gewalttäter, deren Zahl alleine in Deutschland auf mehrere tausend geschätzt wird.

In Flensburg hob die Polizei gerade in einer Autowerkstatt ein Waffenlager aus - Pumpguns, Maschinenpistolen und Revolver samt Munition. Zu den Kunden der Werkstatt sollen Mitglieder der Hells Angels zählen. Es gebe einen klaren Bezug zur Rockerszene, sagt ein Ermittler.

Ihre Revierkämpfe tragen die Banden mit äußerster Brutalität aus, gerade deshalb, weil sie sich in ihrer Ideologie und Struktur kaum unterscheiden. Vor allem im Osten sind die Bandidos auf dem Vormarsch. Der Club, der erst seit 1999 in Deutschland aktiv ist, gründet dort immer neue "Chapters", wie die Niederlassungen heißen. Damit gefährdet er die Vormachtstellung der Hells Angels in der Bordell- und Türsteherszene.

Erst im Juni wurde im brandenburgischen Finowfurt ein Überfall auf fünf führende Hells Angels verübt: Einem von ihnen versuchten die Täter das Bein mit einer Axt abzuhacken; ein anderer musste mit einem abgebrochenen Messer im Rücken ins Krankenhaus. Über die Angreifer schweigen sich die schwerverletzten Hells Angels aus. Denn das eint sie mit ihren Feinden von den Bandidos: Mit der Polizei spricht man nicht. Niemals. Zeugen finden sich fast nie.

Extreme Gewaltbereitschaft

Vier Wochen nach dem Attentat von Finowfurt musste die Polizei im brandenburgischen Eberswalde eine Bombe entschärfen. Unbekannte hatten sie unter dem Auto des Chicanos-Chefs deponiert - die Chicanos sind ein Unterstützerclub der Bandidos. Im August verbot Brandenburgs Innenminister Schönbohm das Barnimer Chapter der Chicanos. Nicht nur Friedhelm Boginski kann nun aufatmen: "Wir haben jetzt relative Ruhe", sagt der Bürgermeister von Eberswalde.

Auch im nahen Berlin macht die Polizei Druck auf die Rockerszene: Im August wurde dort ein Mitglied der Bandidos auf offener Straße ermordet. Der 33-jährige Michael B. war früher Mitglied der Hells Angels und "schwebte zwischen den Welten hin und her", wie es Bernd Finger formuliert. Als Leitender Kriminaldirektor führt Finger die Bekämpfung der organisierten Kriminalität in Berlin.

Nach dem Mord haben die Ermittler 1400 Personen überprüft und 630 vernommen sowie 123 Waffen und gefährliche Gegenstände sichergestellt. Der Verdacht hat sich erhärtet, dass Michael B. einem Racheakt zum Opfer fiel. "Wir kennen auch Zielpersonen, die dafür in Betracht kommen", sagt Finger. "Wir werden diesen Fall aufklären."

Finger verfügt über detaillierte Kenntnisse der Rockerszene, nicht nur in Berlin. Im Gegensatz zu anderen kriminellen Organisationen fallen die Mitglieder der Motorradgangs vor allem durch ständige Gewaltakte auf. "Gewalt ist ein bestimmendes Merkmal der Organisation", sagt Finger. Bei den Auseinandersetzungen geht es um viel mehr als nur um regionale Interessen. Bandidos und Hells Angels denken ähnlich wie die Mafia: im großen Maßstab. "Es geht darum, wer in Westeuropa das Sagen in der Rockerkriminalität hat."

Und es geht um die Wachstumsmärkte im Osten - in Russland, der Ukraine, im Baltikum. Um Geldwäsche, Rauschgift, Menschen- und Waffenhandel. "In Berlin sind bei den Rockern regelmäßig Leute aus dem Ausland zu Gast", hat Finger beobachtet. "Solche Kontakte belegen, dass es internationale Geld-, Waren- und Personentransfers gibt."

Das Kerngeschäft der Bandidos und Hells Angels funktioniert im Prinzip ganz einfach: Die Ermittler sprechen von einer "kalten Übernahme", wenn die Türsteher der Rocker erst den Schutz von Bordellen und Clubs übernehmen und am Ende den Geschäftsführer stellen. Wer die Tür kontrolliert, der kontrolliert den gesamten Laden, lautet eine Grundregel. "Legale Mitbewerber werden so aus dem Markt gedrängt", sagt Finger.

Fassungslos verfolgen Ermittler, wie es insbesondere den Hells Angels in Hannover gelungen ist, in der Gesellschaft Fuß zu fassen: Das Charter mit seinem Chef Klaus Hanebuth gilt als eines der mächtigsten Europas. Der wegen Körperverletzung vorbestrafte Hanebuth und seine Kumpane kontrollieren das Rotlichtviertel am Steintor mit all seinen Bars und Bordellen - ganz legal. Unter dem Logo "Original 81 Support" vertreibt eine Firma sogar eine eigene Bier- und Whiskymarke, wobei das Kürzel "81" für "HA" steht, die Anfangsbuchstaben der Hells Angels im Alphabet.

"Schaut man sich die einzelnen Personen an, so wird man feststellen können, dass ein großer Teil bereits wegen Körperverletzungsdelikten und Milieustraftaten in Erscheinung getreten ist. Das geht sogar hin bis zu Tötungsdelikten", sagt Frank Federau, der Sprecher des Landeskriminalamts in Hannover, über die Rockergruppen. Auch Kontakte in die rechtsradikale Szene gebe es, das bestätigt der Verfassungsschutz.

Wie alle, die über die bizarren Verhältnisse in Hannover reden, so muss auch Federau seine Worte genau abwägen. Denn Hanebuth verfügt über einen einflussreichen Fürsprecher: Es ist der Rechtsanwalt und frühere Präsident von Hannover96, Götz von Fromberg - ein enger Vertrauter von Altkanzler Gerhard Schröder, mit dem er sich auch das Büro teilt. Anfang des Jahres spendierte ihm die Bunte eine Doppelseite mit dem Titel "Im Wohnzimmer der Macht", die Fromberg unter anderem mit Schröder, Udo Lindenberg und dem Grünen-Politiker Rezzo Schlauch zeigt.

Eros-Center, Bar, Sicherheitsfirma

Wer fehlt, ist Hanebuth. Dabei verbindet Fromberg und den Höllenengel ein "langjähriges Vertrauensverhältnis von Anwalt zu Mandant", wie Fromberg der SZ freimütig anvertraut. Das dürfte noch untertrieben sein, wenn die Berichte in Hanebuths Szeneblatt "Steintor News" halbwegs zutreffen: Fromberg ist seit Jahren Stammgast in Hanebuths Clubs. Als der Hells-Angels-Chef 2008 seinen 44.Geburtstag feierte, zählte "Staranwalt" Fromberg zu den Gästen - wie auch Journalisten aus Hannover. Szenetypisch betreibt Hanebuth neben einem Eros-Center und einer Bar auch eine eigene Sicherheitsfirma, die "Bodyguard Security".

Zu seinen Vertrauten gehört Markus W., der während der Fußballweltmeisterschaft 1998 in Frankreich zusammen mit anderen Hooligans den Polizisten David Nivel zum Krüppel schlug und dafür zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Markus "Maxe" W. soll nun sogar zum Schriftführer im Charter Hannover aufgestiegen sein. Fromberg bestätigt, dass er die Dienste von Hanebuths Bodyguards in Anspruch genommen hat: "Natürlich hat er den einen oder anderen schon mal abgestellt", sagt er. Das ist auch der Grund, warum Hanebuth auf der Homepage seiner "Bodyguard Security" die Anwaltskanzlei "Fromberg & Kollegen" als Referenz aufführt.

Seinen Kumpel verteidigt Fromberg nicht nur vor Gericht: Eine "schillernde Persönlichkeit" sei der. Im Übrigen habe er sich seit acht Jahren nichts zu schulden kommen lassen - "außer Marginalien". Seine eigene Rolle beschreibt Fromberg als die des Friedensstifters. "Ich habe über Jahre versucht, eine Deeskalation reinzubringen." Es gehe darum, dass dort möglichst seriös gearbeitet werde - oder zumindest "den Umständen entsprechend seriös". Über die Hells Angels behauptet er: "Ich kenne die Strukturen und die Leute nicht."

Das Klagelied der Höllenengel

Am Tag nach dem Gespräch mit Fromberg melden sich die Hells Angels aus Stuttgart bei der SZ. Über die Fromberg-Hanebuth-Verbindung haben sie einen Wink bekommen: Die Hells Angels hätten ein Problem mit der Berichterstattung in Deutschland, klagt Lutz Schelhorn, Chef des Stuttgarter Charters. Die Vorfälle würden einseitig dargestellt. Er schickt deshalb eine Presseerklärung zu den Krawallen in Duisburg, unterzeichnet von "Django, Lutz und Wanne".

Die Botschaft lautet: Weil nichts passiert sei, habe es für die Polizei auch keinen Grund zum Einschreiten gegeben. Auch die Sache im Solinger Hells-Angels-Clubheim: halb so schlimm. Die Handgranate der Bandidos sei ja nicht explodiert. Und die "Schüsse erfolgten auf das im erstenStock gelegene Kinderzimmer, das zum betreffenden Zeitpunkt leer war". Im Übrigen hätten die Hells Angels nichts mit Drogengeschäften zu tun.

Die Rivalen von den Bandidos wollen an diesem Samstag in Schwerte ihr zehntes Gründungsjubiläum feiern. Am Donnerstag kontrollierten Beamte in Essen deren "Pressesprecher". Er war mit einer Axt bewaffnet, unter anderem. Die Polizei in Münster rechnet trotzdem damit, dass es ruhig bleiben wird: "Wenn die noch einen Funken Verstand haben, dann bleiben sie friedlich." Zumindest an diesem Wochenende.

Diakon Heinrich Kempkens redete den 1500 Rockern bei Eschlis Beerdigung in Gelsenkirchen-Buer noch ins Gewissen: "Sie sollen Gleiches nicht mit Gleichem vergelten." Dass sie sich daran halten werden, glaubt er nicht.