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Roboter:Er predigt, obwohl er nicht lebendig ist

In einem Zen-Tempel im japanischen Kyoto ist Mindar die Attraktion - obwohl er eine Maschine ist. Aber braucht es für Spiritualität nicht doch ein Herz?

Roboter in Japan

Gestatten, Mindar.

(Foto: imago stock)

Im Kyoka-Saal nahe dem Zen-Tempel Kodaiji in Kyoto spricht ein lieber Gott. Genauer gesagt: Mindar spricht, eine Erscheinungsform der Gottheit Kannon, die im buddhistischen Pantheon die Aufgabe hat, die Gebete der Belasteten anzunehmen. Musik und Lichtspiele erfüllen den Raum. Mindar sagt mit blecherner Frauenstimme: "Wenn du einen klaren und leeren Geist hast, magst du in der Lage sein, das Leben zu akzeptieren." Es fließt die Lehre des Herz-Sutra, die Trost in der Vorstellung findet, dass nichts so existiert, wie es zu existieren scheint. "Hört jetzt dieses", sagt Mindar, faltet die Hände und spricht auf Sanskrit das Mantra, welches das spirituelle Erwachen feiert: "Gate gate Pāragate Pārasamgate Bodhi svāhā."

Wenig später geht das Deckenlicht an, und die Besucher müssen sich Mindar noch mal genauer anschauen. Denn Mindar ist wirklich ein besonderes Wesen. Eine Figur aus Aluminium und Silikon, die nach dem Einsatz mit sanften Kopfbewegungen in den Raum blickt. Ein Roboter.

In Japan pflegt man ein eher lockeres Verhältnis zu Robotern. Sie sind eine Alltagserscheinung, der Stolz der Hightech-Nation. In manchen Bankfilialen scheppern kläffende Kunsthunde über den Teppich. In manchen Foyers patrouillieren Informationskästen, die an R2D2 aus "Krieg der Sterne" erinnern. Für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2020 in Tokio ist schon angekündigt, dass Roboter zum Empfangskomitee für die Teams gehören und bei den Leichtathletik-Wettbewerben die Wurfgeräte einsammeln werden. Der Tag scheint nicht fern zu sein, an dem Japanerinnen und Japaner mit ihrem Roboter an der Leine durch Tokio spazieren und sich zweibeinige Navigationscomputer unauffällig unter das Volk mischen.

Wo nimmt ein Roboter Mitgefühl her?

Einerseits passt es also ins Bild, dass ein japanischer Buddhistentempel den wohl ersten predigenden Roboter einer Weltreligion eingeführt hat. Andererseits weiß gerade Japans Hightech-Industrie, wie schwierig es ist, Roboter nahtlos ins Menschenleben einzufügen. Und Predigen ist ja eigentlich keine Aufgabe für Maschinen. Wo soll ein Roboter das Mitgefühl hernehmen, mit dem er die Themen des Zeitgeists erkennt? Wird der Glaube nicht beliebig, wenn eine Maschine ihn verbreitet, die in anderer Ausführung genauso eine andere Glaubensrichtung vertreten könnte?

Tensho Goto findet Mindars Ankunft im Buddhismus ziemlich logisch. Goto ist Priester im Kodaiji-Tempel, ein beweglicher Mann mit Humor. Der Roboter war seine Idee. Er sitzt in seiner traditionellen Robe am Tisch eines Konferenzraums auf der fast 415 Jahre alten Tempelanlage in Kyotos Higashiyama-Distrikt und erzählt vom Fortschritt im Glauben: "Der historische Buddha ist vor etwa 2500 Jahren gestorben. Danach hat sich seine Lehre in Indien sehr langsam verbreitet. Erst als man 500 Jahre später anfing, Buddha-Statuen zu bauen, ging es sehr viel schneller. Buddhismus wurde verständlicher."

Die Statuen geben dem Buddhismus bis heute ein Gesicht. Aber Tensho Goto findet schon lange, dass die Statuen nicht mehr reichen, um junge Menschen mit buddhistischen Inhalten zu erreichen. Vor vielen Jahren hatte er mal die Idee, einen Shaka-Computer zu installieren, der wie eine japanische Statue für den historischen Buddha wirkt. Aber das scheiterte an der fehlenden Ausstrahlung des Computers. "Ein Computer hat keine Miene", sagt Goto. Er konnte die lächelnden Statuen nicht ersetzen.

Einige Jahre später traf der Priester den bekannten Roboterforscher Hiroshi Ishiguro von der Universität in Osaka. Ishiguro hat sich darauf spezialisiert, Roboter zu bauen, die wie Menschen aussehen. Goto fragte Ishiguro, ob er einen Kannon-Roboter bauen könnte. "Er hat mich zurückgefragt: Darf ich das? Und dann ging es los."

Im Buddhismus gibt es keine Bilderverbote, es gibt auch keine göttliche Offenbarung und keine Dogmen. Das macht Buddhisten freier, auch mal etwas zu wagen, das in anderen Religionen unmöglich wäre. Im September 2017 nahm das Android-Kannon-Produktionskomitee seine Arbeit auf. Wissenschaftler, verschiedene weitere Fachleute, junge und alte Mönche arbeiteten darin an Mindars Geburt. Im Februar 2019 war die neue Kannon-Erscheinung dann da: eine schlanke Figur von 1,95 Metern Größe, die ihr Wesen als Android ganz offen zur Schau stellt.

Mindar hat ein blasses, schmales Gesicht, blinzelt wie ein Mensch, bewegt die Lippen beim Sprechen wie ein Mensch, legt die weißen Hände beim Gebet zusammen wie ein Mensch. Aber der Kopf ist offen, man sieht so etwas wie ein Gehirn aus Metall, auch Arme und Rumpf zeigen die Maschine.

"Wir haben nicht das Bild einer Kannon aus einem Roboter erschaffen", heißt es in einer Mitteilung des Kodaiji-Tempels, "sondern Kannon ist in einen Roboter übergegangen." Tensho Goto sagt: "Wir wollen die neue Form von Buddha-Statuen kreieren. Das ist die Evolution der Lehre."

Die Predigt im kleinen Kyoka-Saal wirkt wie ein Rollenspiel, bei dem Mindar zum Mittelpunkt einer filmischen Inszenierung wird. Projektoren werfen ein Publikum an die Wand, das im Gespräch mit Mindar die Weisheit des Herz-Sutra erkundet. Untertitel auf Englisch und Chinesisch begleiten den Dialog.

Mindar lehrt. Mindar hinterfragt sich. "Ich bin nicht belastet von selbstbezogenen Konzepten wie ich, mir, meins." Aber: "Ein Roboter wie ich kann nie das mitfühlende Herz haben, das ihr gerade beschrieben habt. Das ist die besondere Kraft, die nur Menschen besitzen." Es sind nicht viele Zuhörer da, und es ist nicht klar, ob sie gläubige Buddhisten oder neugierige Touristen sind. Aber sie lauschen andächtig, und am Ende haben sie einen klugen Text gehört, der davon erzählt, was ein Mensch von der gefühlsleeren Seele eines Roboters lernen kann.

Die Roboterpredigt gefällt nicht jedem. Tensho Goto hat festgestellt, dass vor allem Gäste aus christlichen Ländern Schwierigkeiten haben damit, aber auch manche Japaner. "Die können vielleicht nicht akzeptieren, dass Buddhismus sich verändert." Er hält sich am Zuspruch fest. Manche Priester fanden Mindar für ihren eigenen Tempel interessant. "Wenn ich dann gesagt habe, was das kostet, haben sie gesagt, wir warten noch ein bisschen." Goto kichert. Die Gesamtausgaben für Mindar liegen bei 100 Millionen Yen, 820 000 Euro - und nicht jeder Tempel ist eine derart einträgliche Sehenswürdigkeit wie der Kodaiji-Tempel, den jeden Tag Schwärme von zahlenden Touristen besuchen.

Die Kritiker treibt vielleicht auch die Angst vor dem nächsten Schritt. Mindar sagt vorerst nur das, was Buddhisten ihm eingegeben haben. Die Kannon-Figur spult ihr Programm ab, später schaltet man sie ab, fertig. "Mindar hat noch keine künstliche Intelligenz im Kopf", sagt Tensho Goto, "aber das fängt an." Kohei Ogawa von der Universität in Osaka, der am Bau von Mindar beteiligt war, hat in der Washington Post gesagt: "Im nächsten Schritt planen wir autonome Funktionen. Wir gehen grundsätzlichere Themen an, wie die Frage, was passiert, wenn die Buddha-Statue wirklich anfängt zu sprechen?"

Ja, was passiert dann? Was passiert, wenn die perfekt designte Hülle Botschaften nach Algorithmen verbreitet? Wenn die Menschen zu einem Roboter beten, der aus seinem kalten Herz über das Leben spricht? Seine eigenen Weisheiten entwickelt? Tensho Goto sagt: "Ich möchte, dass die Android-Kannon die beste Lehrerin wird." Er fürchtet sich nicht vor den Irrtümern einer künstlichen Klugheit.

© SZ vom 17.12.2019
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