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Rio:Schock im Sambódromo

Nach Monaten der Tristesse sollte der Karneval eine Flucht in bessere Welten sein. Doch dann gibt es einen bösen Unfall.

Majestätisch sieht der Wagen aus, oben thront eine Fantasie-Frau, die einen prall gefüllten Obstkorb auf dem Kopf trägt, ein Konfettiregen geht auf die Zuschauer nieder. Aber die vor dem riesigen Wagen der Sambaschule "Paraíso do Tuiuti" den Leuten einheizende Sambatänzerin sieht das Unheil in ihrem Rücken kommen. Plötzlich läuft sie nach vorne, Panik im Blick. Der mehrere Tonnen schwere Wagen wird schneller, bricht aus, Menschen flüchten, er fährt rechts in die Menge, quetscht mehrere Leute an ein Absperrgitter und knallt gegen die Container der TV- und Radiostationen. Ein Mann ist blutüberströmt, eine Frau liegt schwer verletzt am Boden. Vor allem Journalisten stehen an der Stelle, um von dem Defilee zu berichten, mehrere kommen mit Brüchen in ein Krankenhaus. Rund 20 Verletzte werden gezählt, mehrere von ihnen schwer. Als hätte Rio de Janeiro nach den Olympischen Spielen nicht schon genug Sorgen mit leeren Kassen, vergammelnden Stadien und Dauerprotesten wegen eines harten Sparkurses.

Kaum sind die Krankenwagen um Mitternacht abgefahren, die Spuren des Unfalls bei strömendem Regen beseitigt, verkünden die Veranstalter, dass es weitergehe. Die 72 000 Menschen auf den Tribünen jubeln. Die folgende Schule "Gres Acadêmicos" legt eine kurze Pause ein, bittet um Solidarität mit den Verletzten. Auf der Straße hinter dem Sambódromo warten ungeduldig die nächsten Schulen auf den 75 Minuten dauernden Marsch durch das 700 Meter lange Stadion.

Wegen der Krise ist alles ein bisschen kleiner als sonst, früher tanzten und sangen bis zu 5000 Mitglieder pro Schule. Die Zahl der Umzüge in ganz Rio wurde von über 500 auf 452 reduziert, es fehlt vielen Gruppen das Geld - Kostüme und Wagen fallen weniger üppig aus. In Brasilien sind im Zuge einer tiefen Rezession rund 12,5 Millionen Menschen arbeitslos. Der Karneval ist da Ablenkung für die einen, wichtige Einnahmequelle für die anderen.

Einer aber boykottiert das Treiben: Marcelo Crivella. Seit diesem Jahr ist er der neue Bürgermeister der Metropole am Zuckerhut, ein früherer Sektenbischof von der "Universalkirche des Königreiches Gottes". Schwarzen warf er schonmal vor, zu viel Cachaça-Schnaps zu trinken, Homosexuelle sieht er als "Opfer eines schrecklichen Übels". Erst ließ er die Narren stundenlang warten, dann erschien nur die Kulturbeauftragte zur Übergabe des Stadtschlüssels an König Momo. Seine Frau habe eine Grippe, ließ Crivella ausrichten.

Die Sambaschulen kontern den Boykott auf ihre Weise, mit Huldigungen von afro-brasilianischen Religionskulten, wie der Candomblé. Die Menschen jubeln, versuchen die Bilder des Unfalls zu verdrängen. An diesem Abend wirkt der Karneval noch mehr wie eine Parallelwelt.