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Naturkatastrophe:Flusstal fast so groß wie Portugal

Der Minenbetreiber Samarco sieht das natürlich anders: Sein Abwasser sei ungiftig. Samarco gehört zu gleichen Teilen dem brasilianischen Konzern Vale sowie dem britisch-australischen Baubaugiganten BHP Billiton. Das Unternehmen hat sich gegenüber der brasilianischen Regierung zu einer Zahlung von einer Milliarde Reais (250 Mio. Euro) für Notfallmaßnahmen verpflichtet, und nicht nur der Fotograf Salgado hält diese Summe für einen Witz. Er und andere Experten schätzen, dass das Hundertfache nötig sein wird, um die Folgekosten des Desasters zu decken.

Auch Meerestiere bedroht

Das Tal des Rio Doce ist etwa so groß wie Portugal und berühmt für seine besondere Artenvielfalt. Es dürfte Jahrzehnte dauern, bis es sich von dem unfruchtbaren Schlamm halbwegs erholt hat. Biologen befürchten, dass einige endemische Tierarten wie die seltene Lederschildkröte jetzt vom Aussterben bedroht sind. Ihre Brutplätze liegen in den Auen des Flussdeltas. Lagen, muss man wohl sagen.

Die Schlacke hat inzwischen die Atlantikmündung erreicht. Dort ließ Samarco mit Baggern Sandbänke abtragen, um einen schnelleren Abfluss in den Ozean zu fördern. Es hieß, der Schlamm und die Rückstände aus dem Bergbau würden sich dort schnell verdünnen, doch einheimische Fischer und Umweltschützer aus aller Welt protestieren vehement. Die Küstengewässer haben sich zunächst einmal der Farbe des kontaminierten Flusses angepasst. In diesem Teil des Südatlantiks liegen Nahrungsgründe von Walen, Delfinen und Rochen, auch die sind jetzt bedroht.

Weitere Dämme mit Sicherheitsproblemen

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff hat sich im Hubschrauber über das Katastrophengebiet fliegen lassen, danach kündigte sie die Einrichtung eines Fonds zur Bekämpfung der Schäden an. Und eine Parlamentskommission berät über strengere Umweltauflagen für den Bergbausektor; bislang ergebnislos. Dabei müsste dringend gehandelt werden: Allein im Bundesstaat Minas Gerais befinden sich Hunderte Talsperren, die mit jener der Samarco-Mine vergleichbar sind. In mindestens 16 davon sind bereits Sicherheitsmängel festgestellt worden.

Natürlich wird trotzdem weiterproduziert, Eisenerz ist eines der wichtigsten Exportgüter der ohnehin schwer angeschlagenen brasilianischen Wirtschaft. In diesem Geschäft setzen sich traditionell die ökonomischen gegen die ökologischen Interessen durch.

Produktion trotz Rüge erhöht

Die Minenbetreiber sprechen in ihrer Krisenkommunikation konsequent von einer "Naturkatastrophe", möglicherweise habe ein leichtes Erdbeben die Dammbrüche ausgelöst. Höhere Gewalt also? Nach Meinung von unabhängigen Geologen, Bergbauexperten und Juristen handelt es sich vielmehr um ein Umweltverbrechen. Damit wären die Betreiber voll und ganz haftbar und müssten sich auf wesentlich höhere Schadensersatzforderungen als bislang einstellen. Zumal die Samarco-Mine schon 2013 wegen Sicherheitsmängeln gerügt wurde, wie die brasilianische Umweltministerin Izabella Teixeira bestätigte.

Trotzdem wurde die Produktion im vergangenen Jahr um fast 40 Prozent erhöht, damit sollte offenbar der Preisverfall von Eisenerz auf dem Weltmarkt aufgefangen werden. Mit der Produktion ist dann auch die Abwassermenge gestiegen - und der Druck auf die Dämme.

In der Kleinstadt Mariana, am Tatort also, ist etwa ein Zehntel der Bevölkerung bei Samarco beschäftigt, so viel zu den Machtverhältnissen dort. In den vergangenen Tagen gingen in Mariana immer wieder Demonstranten auf die Straße, sie protestieren aber nicht gegen Samarco. Sondern forderten, dass die Mine möglichst schnell wieder in Betrieb geht.

© SZ vom 26.11.2015/kat/dowa
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