Rheinland-Pfalz Trauer und Verdächtigungen in Kandel

Trauernde haben Blumen und Kerzen vor der Drogerie abgestellt, an der die 15-Jährige mit einem Küchenmesser angegriffen wurde.

(Foto: dpa)
  • Nachdem ein Flüchtling aus Afghanistan seine 15-jährige Ex-Freundin in einem Drogeriemarkt im pfälzischen Kandel erstochen haben soll, bleiben viele Fragen zur Tat offen.
  • War die Tat ein Ehrenmord? War das Mädchen ein Stalking-Opfer? Ist der Täter wirklich 15 Jahre alt?
  • Die Staatsanwaltschaft prüft, ob Mordanklage erhoben werden kann.
Von Nadeschda Scharfenberg

Zwischen all den Grablichtern, zwischen Rosen und Teddybären, die vor dem Drogeriemarkt am Rande der pfälzischen Kleinstadt Kandel aufgereiht sind, fallen zwei Hände aus Stein besonders ins Auge. In der Mulde der Handflächen schlummert ein steinernes Baby, auf den Ballen stehen in blauer Mädchenschrift zwei Worte: "Mia, warum?"

Zwei Tage ist es her, dass Abdul D., ein angeblich 15 Jahre alter afghanischer Flüchtling, seine Ex-Freundin Mia V. in dem Markt niedergestochen hat. Die 15-Jährige starb im Krankenhaus. Über das Wie haben Polizei und Staatsanwaltschaft informiert, doch das Warum ist noch lange nicht geklärt. War es Stalking?

Oder ein sogenannter Ehrenmord?

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Die Ermittler wählen bislang den neutralsten Begriff: Tötungsdelikt. In der Pressekonferenz am Donnerstag war auch von einer "Beziehungstat" die Rede, da der Flüchtling und die Schülerin mehrere Monate ein Paar waren, bevor sie sich Anfang Dezember von ihm trennte. Der Haftbefehl gegen Abdul D. erging wegen Totschlags, es wird noch geprüft, ob auch Mord als Vorwurf infrage kommt. In beiden Fällen beträgt die Höchststrafe nach Jugendstrafrecht zehn Jahre.

Täter aus patriarchalischen Gesellschaften werden anders eingeschätzt

Wenn der Festgenommene ein Deutscher wäre, würde über den Begriff "Beziehungstat" vermutlich nicht diskutiert werden. Aber da er ein Flüchtling ist, steht ein sogenannter Ehrenmord im Raum. Das ist kein strafrechtlicher Begriff, doch der Islamwissenschaftler und Psychologe Jan Ilhan Kizilhan, der seit 20 Jahren als Gerichtsgutachter arbeitet, verwendet ihn dennoch, weil das psychologische Muster bei Beziehungstätern aus westlichen und aus patriarchalischen Gesellschaften oft unterschiedlich sei. "In westlichen Gesellschaften haben die Täter meist ein individuell-psychisches Problem. Sie fühlen sich gedemütigt und entwickeln daraus aggressive Fantasien." Bei Tätern aus patriarchalen Gesellschaften wie Afghanistan komme manchmal eine gesellschaftliche Komponente hinzu: "Die Jungen bekommen von klein auf beigebracht, dass die Frau im weitesten Sinne der Besitz des Mannes ist. Wenn die Frau ihn verlässt, muss er seinen Besitz schützen." Die Begriffe Ehrenmord und Stalking schlössen sich nicht aus, das Nachstellen könne der Tötung auch in patriarchalischen Gesellschaften vorangehen.

Es gibt Zweifel daran, dass Abdul D. tatsächlich erst 15 Jahre alt ist

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Kizilhan betont, dass all das im Fall Abdul D. nur Mutmaßungen sind. Der junge Mann schweigt bislang. Über seinen familiären Hintergrund und die Umstände seiner Flucht ist nichts bekannt, über sein Leben in Deutschland weiß man ein wenig mehr: Er wurde im April 2016 erstmals registriert, als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling. Danach lebte er im Asylheim in Kandel und seit November in einer Flüchtlings-WG in Neustadt an der Weinstraße. In der Schule, wo er Mia kennenlernte, soll er rasch Fortschritte gemacht haben. Der Vater des Mädchens sagte der Bild: "Wir haben ihn aufgenommen wie einen Sohn. Er hatte doch sonst niemanden." Nach der Trennung verhielt er sich laut Polizei aggressiv, belästigte Mia und passte sie an der Bushaltestelle ab. Die Eltern erstatteten Anzeige, noch am Morgen des Tattags bekam Abdul D. Besuch von der Polizei.

Noch ist nicht klar, ob D. tatsächlich minderjährig ist. Der Vater des Opfers soll gesagt haben, D. sei nie und nimmer erst 15. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) forderte eine generelle medizinische Altersfeststellung bei Flüchtlingen, die nicht klar als Kinder zu erkennen seien. Dagegen betont man im Mainzer Integrationsministerium: "Es gibt bisher keine verlässliche wissenschaftliche Methode, um das aktuelle Lebensalter eines Menschen festzustellen." Die Spannbreite einer ärztlichen Altersfeststellung betrage ein bis zwei Jahre nach oben und unten.

Der Bürgermeister von Kandel, Volker Poß (SPD), mahnt derweil zur Besonnenheit: "Ich denke, da sich vorschnell ein Urteil erlauben zu wollen, ist total fehl am Platze", sagte er dem SWR. Er habe Mails bekommen, in denen von "Politikversagen" die Rede sei und von "Konsequenzen im Umgang mit Flüchtlingen". Was im Moment wirklich zähle: ein tiefes Mitgefühl mit der trauernden Familie.