Getötete Polizisten in Rheinland-Pfalz:Ermittler fassen zweiten Tatverdächtigen

Lesezeit: 3 min

Eine Streife kontrolliert nachts auf einer Landstraße ein Auto. "Die schießen!", funken die Beamten noch - kurz darauf sind sie tot. Zwei Tatverdächtige werden festgenommen. "Diese Tat erinnert an eine Hinrichtung", sagt Bundesinnenministerin Faeser.

Von Philipp Saul

Es ist früher Montagmorgen, als eine Polizeistreife im rheinland-pfälzischen Landkreis Kusel ein Auto anhält. Sie kontrollieren den Innenraum, wenig später wird geschossen. Über Funk alarmieren die beiden Beamten ihre Kollegen, aber als Verstärkung am Tatort auf der Kreisstraße 22 in Ulmet eintrifft, sind die Täter flüchtig - und für die Polizisten kommt jede Hilfe zu spät. Die beiden Beamten, eine Frau und ein Mann, sterben.

Wie lief die Tat ab?

Über den genauen Tathergang ist bislang noch wenig bekannt. Offenbar waren die Polizisten in einem zivilen Streifenwagen unterwegs. Sie hätten Uniform und Sicherheitswesten getragen, sagte eine Sprecherin. Ob das Auto bei der routinemäßigen Kontrolle aus einem bestimmten Grund angehalten wurde, ist unklar. "Eine Kontrollstelle war nicht aufgebaut", teilte die Polizei mit.

Als die Schüsse gegen 4.20 Uhr fielen, waren die Beamten wohl schon näher an das Fahrzeug herangetreten und hatten mit der Kontrolle begonnen. Im Innenraum fanden sie totes Wild, wie sie ihren Kollegen nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur aus Sicherheitskreisen per Funk berichteten.

Wenige Minuten später schlugen die Polizisten Alarm. Sie funkten: "Die schießen!" Der Polizist soll nach dpa-Informationen aus Sicherheitskreisen am Tatort mehrere Schüsse abgegeben haben. Die Waffe seiner Kollegin kam offensichtlich nicht zum Einsatz.

Wie oft geschossen wurde und wo die Polizisten verletzt wurden, konnte ein Polizeisprecher nicht sagen. Dass die beiden mit Kopfschüssen getötet wurden, wie es die Bild-Zeitung berichtet, konnte die Polizei zunächst nicht bestätigen. Die Schutzwesten reichten aber von der Hüfte bis zum Hals. Die Frau sei sofort tot gewesen, der Mann habe zunächst noch gelebt, sei aber gestorben, als die Rettungskräfte eintrafen.

Wer sind die Opfer?

Beide Polizisten waren noch relativ jung. Die Frau war erst 24 Jahre alt und Polizeikommissaranwärterin. Sie studierte an der Hochschule der Polizei. Ihr 29 Jahre alter Kollege war Polizeioberkommissar. Beide stammen aus dem Saarland, wie der dortige Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) mitteilte.

Wer sind die mutmaßlichen Täter?

Einer der Tatverdächtigen ist der 38-jährige Andreas S., den die Fahnder mittlerweile festnehmen konnten. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur hat die Polizei Papiere des Verdächtigen am Tatort gefunden. Er stammt aus Spiesen-Elversberg im Kreis Neunkirchen. Der Verdächtige habe sich über seine Anwältin bei der Polizei gemeldet und sei dann vor einem Haus im saarländischen Sulzbach festgenommen worden, berichtete ein Polizeisprecher. Der Mann soll am Dienstag dem Haftrichter vorgeführt werden. Er habe zunächst keine Aussage gemacht.

Kurz nach der Festnahme von S. meldete die Polizei, einen zweiten Tatverdächtigen gefasst zu haben. Ein 32-jähriger Mann sei in dem Haus festgenommen worden, vor dem zuvor S. festgenommen wurde. In welcher Beziehung zu der Tat er stehen könnte, ist noch unklar. Der 32-Jährige soll bislang nicht ausgesagt haben. Die Fahndungsmaßnahmen liefen am Abend noch, weil nicht ausgeschlossen werden könne, dass es weitere Mittäter gebe, sagte die Polizei.

Bei einer Durchsuchung seien unter anderem Waffen sichergestellt worden. Ob die Tatwaffe darunter ist, müsse noch geklärt werden. Die beiden festgenommenen Männer seien nach ersten Erkenntnissen unverletzt gewesen, berichte die Polizei im Saarland. Beide sind Deutsche.

Wie agiert die Polizei?

Der Tatort wurde am Morgen weiträumig abgeriegelt, die Polizei sicherte Spuren. Kurz hinter dem Ort Mayweilerhof sperrten Beamte die zweispurige Straße nach Ulmet mit rot-weißem Flatterband ab. "Da wird im Moment auf dieser Straße jeder Stein umgedreht", sagte eine Polizeisprecherin. Schwer bewaffnete Polizisten in Schutzausrüstung patrouillierten neben ihren Einsatzfahrzeugen.

In den Orten Kusel und Ulmet stehen Beamte als Ansprechpartner bereit. Bislang habe es mehr als 50 Hinweise aus der Bevölkerung gegeben. Die Polizei bittet um Informationen unter der Nummer 0631 369-2528.

Wie reagiert die Politik?

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) sagte zu dem Tod der beiden Beamten: "Unabhängig davon, welches Motiv der Tat zugrunde liegt: Diese Tat erinnert an eine Hinrichtung, und sie zeigt, dass Polizistinnen und Polizisten jeden Tag ihr Leben für unsere Sicherheit riskieren." Genauere Informationen, inwiefern die Situation einer Hinrichtung ähnele, gab Faeser nicht.

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Innenminister Roger Lewentz (beide SPD) zeigten sich entsetzt über die Tat: "Es bestürzt uns sehr, dass zwei junge Menschen im Dienst ihr Leben verloren haben." Für das ganze Bundesland ordnete Dreyer Trauerbeflaggung an, alle Streifenwagen sollen mit Trauerflor fahren. Auch im Saarland sollen die Flaggen "als Ausdruck der Trauer und Solidarität" auf halbmast gesetzt werden, teilte Hans mit. Der Regierungschef zeigte sich laut einer Mitteilung seiner Staatskanzlei "zutiefst erschüttert" und "absolut fassungslos".

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) äußerte sich "tiefbestürzt über den gewaltsamen Tod einer Kollegin und eines Kollegen". Die Landesvorsitzende Sabrina Kunz sagte: "Wir sind in Gedanken bei den Angehörigen der beiden Getöteten und auch bei allen Kolleginnen und Kollegen. Wir durchleben gerade den realen Albtraum aller Polizistinnen und Polizisten!" Kunz sagte weiter: "Dieses skrupellose Vorgehen und die Tat machen mich fassungslos."

Die Gewerkschafterin rief die Bürger in der Region Kusel und Kaiserslautern auf, sich an diesem Montagabend "aus Rücksichtnahme auf das, was passiert ist" nicht an Versammlungen gegen die Corona-Politik zu beteiligen. Die Einsatzkräfte würden für die Ermittlungen gebraucht.

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