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Räumungen im Rheinbad:"Migranten müssen als Projektionsfläche für alle möglichen Ängste herhalten"

Michaelibad

Streit am Beckenrand ist immer wieder auch Anlass für Polizeieinsätze.

(Foto: Florian Peljak)

Jugendliche und junge Männer lösen Großeinsätze der Polizei im Düsseldorfer Rheinbad aus. Ein Soziologe erklärt die Dynamik hinter den Vorfällen.

Das Düsseldorfer Rheinbad bestimmt seit vier Wochen immer wieder die Schlagzeilen in Deutschland, weil in diesem Sommer schon drei Mal die Polizei anrücken musste, um den Badebetrieb frühzeitig zu beenden. Der Auslöser waren jedes Mal Probleme mit Jugendlichen und jungen Männern, die Anweisungen des Bäderpersonals ignorierten, rumpöbelten oder sonstwie für Ärger sorgten. Laut Bädergesellschaft und Polizei sollen diese einen nordafrikanischen Migrationshintergrund haben. Als Direktor des Instituts für Soziologie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg forscht Albert Scherr zur Migration, zu Flüchtlingen und Diskriminierung.

SZ: Herr Scherr, überrascht Sie, was da im Rheinbad passiert ist?

Albert Scherr: Das Düsseldorfer Ereignis ist außergewöhnlich, ja. Aber vor allem wegen der enormen bundesweiten Aufmerksamkeit. Dass junge Männer in einem vollen Freibad die Grenzen austesten, ausprobieren, wie weit sie gehen können, halte ich als Soziologe erst mal für einen normalen Vorgang. Auch dass Jugendliche und junge Männer in Gruppen und in der Kombination mit Hitze und möglicherweise Alkohol enthemmter sind und Konfliktlinien austarieren, weiß die Wissenschaft schon länger. Es geht aber eigentlich gar nicht so sehr um die drei Räumungen. Sondern vor allem um das, was darüber schwebt: das Bedrohungsszenario Migration.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Wie meinen Sie das?

Migranten müssen in Deutschland als Projektionsfläche für alle möglichen Ängste herhalten. Aus Studien wissen wir, dass etwa ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland findet, dass Migranten nicht wirklich zu uns und unserer Gesellschaft passen. Besonders Menschen, die keine gute Art und Weise finden, mit ihren Zukunftsängsten umzugehen, schieben alles, was sie unsicher macht oder ängstigt, auf eben diese Gruppe. Man versichert sich dann selbst zur Beruhigung: Wenn die Politik gegen diese Gruppe nur konsequent vorgeht, dann müssten auch die Probleme verschwinden.

Die gefühlte und die reale Bedrohung klaffen also weit auseinander?

Ja, denn Angst und Unsicherheit haben vielfältige gesellschaftliche Ursachen. Es gibt in Deutschland zwar durchaus unthematisierte Probleme, auch mit männlichen Jugendlichen nordafrikanischer Abstammung. Doch die haben aber bei Weitem nicht das Ausmaß, wie es von der rechten Seite unterstellt wird. Außerdem handelt es sich im Düsseldorfer Fall nach allem, was man weiß, um Jugendliche, die in Deutschland aufgewachsen sind. Die Ursachen sind also hierzulande zu suchen. Dennoch kann man diese Probleme kaum mehr sinnvoll öffentlich thematisieren, weil dieses Thema durch den rechten Diskurs so aufgeladen ist, dass darüber in Deutschland derzeit keine vernünftigen Debatten mehr geführt werden können. Alles bekommt sofort eine fremdenfeindliche Aufladung. Dabei wären eine sachliche Diskussion und mehr Gelassenheit dringend nötig.

Albert Scherr

Der Soziologe Albert Scherr sagt: "Nordafrikanisch ist keine Chiffre für Kriminalität - wir dürfen nicht in eine kulturbezogene Vorurteilsfalle geraten."

(Foto: privat)

Was glauben Sie, wieso es überhaupt drei Mal so eskaliert ist im Düsseldorfer Rheinbad?

Ich könnte mir vorstellen, dass die Jugendlichen auf eine Situation reagiert haben, in der sie sich unfair behandelt gefühlt haben - unabhängig davon, ob das der Realität entsprach oder nicht. Man muss auch sehen, dass der ständige Sündenbock-Moment irgendwann zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung führen kann. Damit meine ich, dass Jugendliche und junge Männer, die arabisch oder afrikanisch aussehen, durchgängig die Erfahrung machen, nicht als normale Mitbürger anerkannt zu werden. Sie werden permanent als Problemgruppe wahrgenommen, geraten ständig in Polizeikontrollen. Wenn so was die Alltagserfahrung durchzieht, bewirkt das natürlich auch einiges: Bei den einen löst das ein Zurückziehen aus, bei anderen Aggressionen. Und es gibt ja nicht den stereotypen Migranten, auch wenn uns das die AfD und die rechte Seite glaubhaft machen möchten. Es gibt die Hochangepassten, die beruflich Erfolgreichen, die gut Integrierten. Und dann gibt es natürlich auch die Gruppe derer, die schwer ansprechbar sind, die Probleme machen, ja. Aber nordafrikanisch ist keine Chiffre für Kriminalität - wir dürfen nicht in eine kulturbezogene Vorurteilsfalle geraten.

Was sollten die Verantwortlichen in Düsseldorf jetzt tun?

Ich finde es richtig, dass Politik und Betreiber die Sorgen und Ängste ernst nehmen und sich verschiedene Maßnahmen im Rheinbad überlegt haben. Das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung muss gestärkt werden, aber gleichzeitig muss auch eine vernünftige und fundierte Analyse der Situation unternommen werden. Was ist genau passiert? Stimmt es, was erzählt wird? Wenn alles nur auf einer halbgaren Informationsbasis bleibt, nützt das keinem. Ich würde vorschlagen, für zwei, drei Monate intensive Gespräche mit Jugendlichen, mit Sozialarbeitern, mit dem Bäderpersonal und weiteren Beteiligten zu führen. Und zusätzlich zur Security auch mal ein paar Streetworker ins Freibad schicken. Und wenn nach einer Erklärung für die Eskalation gesucht wird, dann ist auch Langeweile ein ganz entscheidendes Stichwort. Wer sich langweilt und denkt, es muss endlich etwas geschehen, für den genügen oft auch sehr kleine Ereignisse, damit etwas geschieht. Darum wäre vielleicht ein Ansatz, dass man sich fragt: Wie kann man diesen Jugendlichen interessante Freizeitmöglichkeiten bieten?

Lesen Sie mit SZ Plus die Reportage aus dem Düsseldorfer Rheinbad
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