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Reportage:Gebrandmarkt auf ewig

Sie war acht, als die Nazis sie nach Auschwitz und Ravensbrück verschleppten, weil sie eine Sinti war — auch wenn der Mut ihres Vaters sie rettete, der Schmerz lässt sie nicht los.

An diesem Donnerstag ist ein besonderer Tag für Else Baker, ein aufregender Tag in jedem Fall, ein schöner hoffentlich auch. Sie wird frühmorgens nach London fahren.

Else Baker

(Foto: Foto: Schwennicke)

Die Aussicht auf den Tag in London hat etwas Unwirkliches für die Frau aus einer Siedlung im Norden Londons, da, wo die Außenbezirke langsam unansehnlich werden. Aus ihrer herben Arbeitersiedlung wird sie an diesem Tag in den St. James' Palace eilen, denn Ihre Majestät Königin Elisabeth II. will sie empfangen.

Die Queen und sie, da liegen Welten dazwischen, mehr als eine kleine Wohnung auf der einen und viele Paläste auf der anderen Seite deutlich machen können. "Ihre Geschichte geht zurück bis zu William, dem Eroberer", sagt Else Baker über die Queen. "Und ich weiß bis heute nicht einmal, wer meine leibliche Mutter ist."

Else Baker ist 69 Jahre alt und eine wache, intelligente Frau. Sie redet lieber Englisch als Deutsch, nicht aus Abneigung gegen das Deutsche, sondern weil sie seit 42 Jahren in England lebt und ihr die deutschen Wörter nicht so schnell einfallen.

Sie ist scheu zu Beginn des Gesprächs, später jedoch gewinnt die Neugier gelegentlich die Oberhand über die Vorsicht. Und man wird den Eindruck nicht los, dass sie wie eingesponnen ist in sich selbst, in einen Kokon, den man nicht sieht. "Ich hab' überhaupt kein Vertrauen in die Menschen" - dieser Satz, den wir von ihr vor der Anreise gelesen hatten, kommt einem unweigerlich in Erinnerung.

Dabei merkt man, dass sie Menschen mag. Es muss eine Qual sein, die Menschen zu mögen und ihnen gleichzeitig zu misstrauen.

Der Schock morgens um vier

Else Baker, geborene Schmidt, hat das Vertrauen in die Menschen vor 61 Jahren verloren. Wie schon einmal 1943, so waren auch im April 1944 zwei Kriminalbeamte in Hamburg vor Morgengrauen vor der Haustür ihrer Eltern gestanden und hatten gesagt, dass sie die kleine Else mitnehmen wollten.

Ihre Mutter packte weinend einen Koffer. Sie würde nun ihre richtige Mutter sehen, sagte sie zu Else, weil sie nichts sonst zu sagen wusste. Else hat das nicht geholfen, es hat sie bloß verwirrt. Ihre Mutter stand doch vor ihr. Warum war sie nicht die richtige Mutter?

Ein Jahr vorher, als die Beamten schon einmal kamen, hatte ihr Adoptivvater, ein einfacher Mann aus dem Hamburger Hafen, sie innerhalb eines Tages wieder aus einem Frachtschuppen am Hafen herausgeholt, von dem aus sie in ein Lager transportiert werden sollte.

Diesmal jedoch blieben Emil Matulats Versuche erfolglos. Und so kam es, dass sich die kleine achtjährige Else an einem Morgen im April 1944 in einem Viehwaggon wiederfand, auf dem langen Weg nach Auschwitz.